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PolarNEWS Magazin - 23 - D

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immer wieder in der Luft

immer wieder in der Luft zur Witterung. Irgend etwas scheint sie in unsere Richtung zu locken. Vor allem das Jungtier gräbt im gefrorenen Boden nach etwas, und beide fangen an zu fressen. Doch immer wieder richten sie ihre Blicke auf uns. Plötzlich findet das Kleine, dass es wohl an der Zeit sei, diesem anderen Geruch nachzugehen. Ganz vorsichtig nähert es sich dem Elektrozaun, ignoriert das warnende Brummen seiner Mutter und versucht zu verstehen, was wir wohl sind. Der Campleiter findet, dass das Jungtier nun nah genug ist, und fängt an, mit lauten Rufen den Bären zu verjagen. Doch statt den kleinen Racker zu verscheuchen, lockt die Menschenstimme die Mutter an. Sie legt einen Spurt hin und reagiert unwirsch auf Michaels Vertreibungsversuche. Schützend stellt sie sich neben ihren Sprössling, und mit Schaudern wird uns die Grösse und die gefährliche Schnelligkeit des Königs der Arktis bewusst. Um sowohl den Bären als auch uns zu schützen, schiessen die Guides mit ihren Gewehren in die Luft, und die beiden Bären ziehen sich zurück. Der gegenseitige Respekt ist wiederhergestellt. Zumindest für eine Weile, denn die beiden werden uns noch länger beschäftigen. Vorerst widmen wir uns aber der Landschaft, denn der Sonnenuntergang ist schlicht sensationell. Die ganze Gegend ist in sanfte Pastelltöne getaucht, während der Horizont in Flammen zu stehen scheint. Und just, als wir uns drinnen etwas aufwärmen möchten, erscheint auch schon der nächste Bär auf der Bildfläche, ein grosses Männchen. Obwohl das Licht nicht mehr ideal zum Fotografieren ist, sind wir schneller draussen als ein Spitzensprinter. Wir beobachten, wie sich der mächtige Bär um einiges vorsichtiger als noch das Weibchen zuvor dem Camp nähert, wieder umdreht und etwas entfernt einen Beobachtungsplatz einnimmt. Erst, als der Bär in der zunehmenden Dunkelheit der Dämmerung nicht mehr auszumachen ist, realisieren wir, dass zwischen uns und einem rund 500 Kilo schweren Bären lediglich ein eineinhalb Meter hoher Elektrozaun steht. Ob das genügt? Naja, es ist eh bald Essenszeit... Magie am Himmel Schon am ersten Tag hat uns die Natur verwöhnt. Inzwischen ist es Nacht, und es steigt die Hoffnung, dass ein Feuerwerk am Himmel in Form von Polarlichtern diesem Tag noch einen draufsetzt. Doch aufziehende Wolken lassen uns früh zu Bett gehen. Bevor wir uns in unsere Zimmer zurückziehen, erhalten wir nochmal den eindringlichen Appell, nicht die Hütten zu verlassen und bei Bedarf die Guides via Funkgerät zu informieren. Es ist dann aber der Inuitguide, der uns um fünf Uhr aus den Federn holt und nach draussen schickt: Wo am Abend vorher noch eine kompakte Wolkendecke den Blick auf die Sterne verhindert hat, tanzen nun grüne Schleier wie im Wind wogende Vorhänge zwischen den Wolkenfetzen. Die Magie, die von dieser Himmelserscheinung ausgeht, begeistert auch den nüchternsten Wissenschaftler, und es wird mir klar, warum die arktischen Völker dieses Phänomen als eine Verbindung zur Geisterwelt betrachten. Über eine Stunde verbringen wir alle bei minus 30 Grad draussen und spüren trotzdem die Kälte kein bisschen. Der anbrechende Tag auf der einen Seite des Himmels und die wabernden Polarlichter auf der anderen Seite, was kann schöner sein? Fotogenes Spektakel am Nachthimmel... Auge in Auge Nun, beispielsweise ein weiterer Bär, der aus der Weite der kanadischen Tundra im Licht der aufgehenden Sonne auf unser Camp zumarschiert. Keine 15 Meter vor dem Zaun hält das etwas magere Tier inne und begutachtet die dick eingepackten Zweibeiner. Niemand spricht ein Wort, sogar die Kameras ruhen für einen Moment. Jeder von uns saugt diesen Moment in sich auf. Genau davon hatten wir die letzten Tage immer wieder geschwärmt, nämlich Auge in Auge mit dem König der Arktis zu sein. Einfach nur unglaublich, magisch! Ruhig und ohne Hektik zieht der Bär nach einer Weile weiter seiner Wege. Und wir? Sprachlos, fasziniert, dann in Begeisterung ausbrechend geht es zum späten Frühstück. Nach den Erlebnissen der letzten Stunden ist klar, dass die Organisatoren nicht zuviel versprochen hatten. Und obwohl die Wolken den Himmel langsam wieder dichtmachen und es nach Schnee aussieht, sind wir ganz schnell wieder draussen. Denn der Tag ist ja noch jung. Den ganzen Morgen über besuchen uns Polarfüchse, rennen um das Lager herum, suchen im Küstenbereich nach Fressbarem und kommen auch immer wieder bei uns vorbei. Wahrscheinlich riechen sie das Essen, das unser Campkoch Andy zubereitet: deftige Suppe mit viel Fleisch drin. Wer kann da schon widerstehen? Scheinbar niemand, auch nicht der König der Arktis, denn plötzlich taucht die Mutter mit ihrem Jungtier vom Vortag wieder auf. Offensichtlich hat sie die Nacht in der Umgebung verbracht und ist in Hoffnung auf Nahrung geblieben. Wiederum sehr vorsichtig sucht sie den Küstenbereich mit ihrer sensiblen Nase nach Futter ab, während das Kleine mehr Spass am Rumtollen hat. Doch die abschreckenden Rufe des Inuitguides vom Vortag scheinen noch zu wirken. Beide Tiere halten einen grösseren Abstand zum Zaun und zu uns, während sie langsam das Camp umrunden. Bei einem grossen Baumstrunk graben die beiden die Reste aus, die vom Verbrennen von Essensresten noch übrig waren. Es ist wirklich höchste Zeit, dass die Bucht zufriert und die Tiere wieder auf Robbenjagd gehen können. 62 PolarNEWS

...und ein nächtlicher Besucher. Wieder bleiben die beiden Tiere mehr als eineinhalb Stunden bei uns, bevor sie sich zurückziehen. Der einsetzende Schneefall und die schlechten Lichtverhältnisse treiben auch uns in die warme Stube des Haupthauses. Erwartungsfroh und gesättigt mit Eindrücken verbringen wir die Zeit bis zum Abendessen mit Plaudern und Erzählungen über «unsere» Bärenfamilie. Hausbesuch Das Muttertier und sein Junges sind aber nicht in die Weiten der Tundra gewandert. Im Gegenteil: Sie haben uns tatsächlich im Camp besucht! Was genau passiert ist, können wir im Nachhinein anhand der Spuren PolarNEWS 63

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