Aufrufe
vor 1 Jahr

PolarNEWS Magazin - 23 - D

  • Text
  • Polarnews
  • Antarktis
  • Weddell
  • Arktis
  • Jagd
  • Buckelwale
  • Inuit
  • Buenos
  • Antarktischen
  • Iaato

Völlig abgeschieden

Völlig abgeschieden steht das Camp am Meer mitten in den Weiten der vereisten Tundra. Auch Polarfüchse sind hier auf Nahrungssuche. Menschen und 10’000 bis 12’000 Touristen jährlich, die vor allem jetzt im Spätherbst Eisbären sehen möchten (obwohl Churchill mehr zu bieten hat). Zum Glück ist es bereits November, die Hudsonbucht, an der Churchill liegt, soll in ein paar Wochen zugefroren und die Bären damit in ihren Jagdgebieten auf der Suche nach Robben sein. Also stellen wir uns auf Eis, Schnee und Kälte ein, November in Kanada halt. Winnipeg, unser erster Zielort, liegt aber immer noch mehr als 1000 Kilometer von Churchill entfernt, und uns empfangen milde Temperaturen. Da erscheint es etwas merkwürdig, die vom Campbetreiber bereitgestellte Ausrüstung zur Probe anzuziehen, sie besteht aus dicken Daunenhosen und Daunenjacken, Mützen und gefütterten Handschuhen. Winnipeg selbst bietet nochmals etwas Stadtluft, und unser eintägiger Zwischenstopp erlaubt es uns, eine typische mittelkanadische Grossstadt zu erleben: Museumsbesuche, Spaziergang entlang des Red River und durch das Zentrum und abschliessend ein deftiges Abendessen mit, typisch kanadisch, grossen Portionen. Shuttle-Flug Am dritten Reisetag gehts dann endlich in den hohen Norden. Die Tage in Winnipeg gelten ja nur als Sicherheitshalte, um allfällige Zwischenfälle abfedern zu können wie beispielsweise nicht passende Kleidung oder fehlendes Gepäck. Niemand möchte in den kalten Norden gehen, während sein Koffer irgendwo im Süden Urlaub macht. Nach den milden Tagen in Winnipeg sind nun auch wir Polarfreunde bereit, endlich die kalte Luft im Gesicht zu spüren und uns in die dicken, isolierenden Kleidungsstücke einzupacken. Und in Churchill bietet sich die Gelegenheit. Denn hier liegt bei unserer Ankunft bereits Schnee, ein eisiger Wind empfängt uns beim Aussteigen aus dem Jet. Die Daunenjacke, in Winnipeg noch unnützes Zusatzgewicht, kommt hier sehr gelegen. Die Vorfreude auf die minus 20 Grad im Camp, die uns gemäss unseres lokalen Piloten im Camp erwarten werden, steigt. Kaum eine Stunde nach unserer Ankunft steigt auch schon die kleine Propellermaschine mit den acht Gästen in den sonnigen Himmel von Churchill in Richtung Eisbärencamp hoch. Da die Maschine nur für acht gepäckfreie Passagiere gebaut ist, geniesse ich ein zweites Frühstück in Churchill und fliege ein paar Stunden später exklusiv nach, zusammen mit Verpflegung und was sonst so für das Camp bestellt wurde. Die letzte Stunde Flug verbringe ich diskutierend mit dem Piloten. Dann endlich kommt das kleine Camp in Sicht, nach dreitägiger Anreise. Gemütlich und komfortabel Rund 200 Kilometer nördlich von Churchill, direkt an der Küste der Hudsonbucht, ragen inmitten der weiten Wildnis die einzigen von Menschenhand geschaffenen Objekte aus dem Boden. Man stelle sich eine 60 PolarNEWS

vereiste Meeresküste, schneebedecktes weites Land, eine kleine holprige Landepiste und fünf braune, von Elektrozaun umgebene Hütten vor, das Ganze getaucht in strahlenden Sonnenschein: Unser Domizil für die nächsten fünf Tage. Michael, unser Campleiter, und Françoise, unser Campguide, empfangen mich herzlich. Neben den beiden sind noch zwei lokale Inuitguides sowie Koch Andy mit von der Partie. Das Camp ist übersichtlich und besteht aus einer Doppel- und zwei Einzelhütten für die Gäste, einem Haupthaus mit Wohn-/ Esszimmer und Küche und einem Haus für die Guides (und den Reiseleiter notabene). Ein Blick in die Gästehütten lässt Wildwest-Stimmung aufkommen: ein Gasofen, zwei Betten, Tisch und Stühle, eigentlich alles, was Naturromantiker brauchen... Doch wir leben im 21. Jahrhundert: Jede Hütte hat auch Toilette, Dusche, Licht und genügend Möglichkeiten, seine Elektrogeräte aufzuladen. Und es ist wohlig warm. Auch im Haupthaus findet sich alles Notwendige, die Küche besitzt sogar einen grossen Kühlschrank, und draussen (!) steht eine grosse Gefriertruhe. Ein Blick auf die Wände der Küche zeigt, was das Camp früher einmal war: ein Ort für Jäger und Trophäensammler. Beim Anblick der Trophäen fühle ich mich in die Steinzeit zurückversetzt: bärtige Typen, die Tiere jagen und sich dann an den Wänden ihrer Höhle mit Gekritzel verewigen. Doch beim Durchsehen der mehr oder weniger leserlichen Hinterlassenschaften steigt ein anderes Bild in mir hoch: dickbäuchige Durchschnittstypen, die viel Geld bezahlt haben, um mit ihren grossen Knarren auf Eisbären zu ballern, damit sie der kleinen Lady zu Hause ein Fell vor den Kamin legen können. O tempore, o mores! Aber das ist Vergangenheit: Jetzt besiedeln Menschen mit grossen Objektiven und kleinen Bäuchen die Hütten und lassen die Bären am Leben. Das einzige, was sie schiessen, sind Bilder. Meine Mitreisenden erzählen mir, dass sie bereits einen Polarfuchs und einen Eisbären erspäht haben, während ich noch gemütlich bei meiner Omelette in Churchill sass. Kein schlechter Start! Wir erhalten ein Briefing im Haupthaus und werden über die Regeln des Lagerlebens informiert, da saust draussen ein Polarfuchs am Zaun entlang. Was kümmern uns die Regeln – raus zum Fotografieren! Schnell die dicken Jacken übergezogen (die Hosen sind schon an), in die Stiefel gehüpft und raus an die kalte Luft. Der Fuchs, der in seinem grauweissen Winterfell sehr dekorativ aussieht, rennt die Küste entlang und sucht nach Fressbarem. Unsere Präsenz scheint ihn kaum zu kümmern, irgendeine Fährte scheint ihm wohl zu verlockend. Wir hämmern auf die Auslöser, die Kameras, glücklicherweise noch nicht eingefroren, schiessen, was die Speicherkarte hergibt. Auch bei mir macht sich Begeisterung breit, ist es doch mein erster Winterfuchs. Zuerst schweigen wir huldvoll, wir wollen den Fuchs ja nicht durch den Tonfall unserer Stimmen verscheuchen. Doch je länger wir ihm zusehen, desto klarer wird: Der kleine Kerl ist nicht wirklich scheu. Bärenalarm Wir geniessen immer noch die hektische Aktivität des Fuchses, als uns einer der Inuitguides mitteilt: «Polar bear!» Tatsächlich schleicht ein Bär der Küste entlang in unsere Richtung. Das allein wäre schon ein Hit, doch es kommt noch besser: Neben dem Bären läuft ein zweiter! Eine Bärenmutter mit Jungtier! Und in unsere Richtung! Und noch bei Tageslicht, sogar Sonnenschein! Geduldig und ruhig warten wir, bis die beiden Tiere zwischen den Eisbrocken an der Küste etwas besser sichtbar sind. Langsam und vorsichtig kommen sie näher, die Nase PolarNEWS 61

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum