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PolarNEWS Magazin - 23 - D

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Jagderfolg: Das Fell als

Jagderfolg: Das Fell als Trophäe, der Rest wird liegen gelassen. Variante: Jagdausflüge sind auch mit Pfeil und Bogen möglich. hält: Die Inuit besässen – dank ihrer ethnischen Herkunft – ein besonderes Recht, die Eisbärjagd auch in Zukunft ausüben zu dürfen. Sie würden ihre kulturelle Identität als Volksgruppe verlieren, falls man sie an der Jagd hinderte. Das internationale Schutzabkommen von 1973 zementiert diese Sonderstellung, indem es festschreibt, dass die Jagd durch die ortsansässige Bevölkerung im Rahmen ihrer traditionellen Rechte ausgeübt werden darf, falls klassische Jagdmethoden angewendet werden. Mit diesem Satz war zwar die kommerzielle Jagd durch alle und jeden abgeschafft. Das Übereinkommen unterliess es jedoch, die Begriffe «traditionelles Recht» und «klassische Jagdmethoden» zu definieren. Seither wird diese Gesetzeslücke ausgenutzt mit dem Ergebnis, dass heute • die meisten Eisbärjagden nicht traditionell ausgeführt werden, weder was die Methode noch den kulturellen Bezug anbetrifft, • der Jagddruck auf Eisbären nicht wesentlich geringer geworden ist, als er in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren war (also vor dem Inkrafttreten des Schutzabkommens), • die Trophäenjagd und der Handel mit Eisbär-Körperteilen in zunehmendem Masse kommerzialisiert sind. Es erstaunt deshalb nicht, dass heute der finanzielle Gewinn der vorherrschende Beweggrund ist für die Eisbärjagd und den Handel mit Eisbärprodukten. Geld ist auch die Motivation hinter dem ständigen Druck durch andere, naturferne Akteure wie Wissenschaftler, Wirtschaftsmanager, Politiker oder nichtstaatliche Organisationen (NGOs): Können sie für sich einen Nutzen aus der Jagd auf die Eisbären ziehen (zum Beispiel im Bereich der Rohstoffförderung), dann drängen sie darauf, dass Populationsbewertungen überhöht dargestellt werden, dass Jagdquoten grösser ausfallen und Bedenken der Naturschützer verhöhnt werden. Interessen zuerst Sogar naturnahe Wissenschaftler schreiben ihre Studien oft unter dem Einfluss lokaler Interessen. Denn sie hängen nicht nur vom Wohlwollen der Inuit ab, um ihre Forschungen überhaupt durchführen zu können. Wissenschaftler lassen es auch zu, dass kommerzielle Interessen die Auswertung ihrer Daten unterwandern. Kurz: Jagdliche Belange durchdringen die heutigen Schutzmassnahmen, die Lesart der Populationsdaten sowie auch die Empfehlungen zu den Jagdquoten. Auch die Wildtiermanager tun es den Wissenschaftlern gleich und geben nach. Selbst Bilder: Steven Kazlowsk/Alamy, pd 34 PolarNEWS

Wehren Sie sich Manchmal ist es nicht viel, was man tun kann. Aber lieber eine klare Position beziehen, als gar nichts tun. Unterschreiben Sie deshalb die online-Petition gegen die Trophäenjagd: Keine Einfuhr und keinen Transit durch die Schweiz! Nicht nur die Eisbären, auch viele andere bedrohte Tierarten wie Löwen, Elefanten, Nashörner, Leoparden sind im Visier der Trophäenjäger. Mit dieser Petition von OceanCare, die von allen unterzeichnet werden kann, unabhängig von Alter, Nationalität, Wohnort, fordern Sie das Schweizer Parlament auf, in der Schweiz unverzüglich die Einfuhr und den Transit von Tiertrophäen zu verbieten. OceanCare engagiert sich seit 1989 für die Meeressäuger und die Ozeane. www.oceancare.org >Aktiv werden > Petitionen und Proteste. Das Buch Der begrenzte Umfang dieses Beitrages lässt es leider nicht zu, Aussagen, Behauptungen oder Zahlen ausreichend zu belegen. In seinem Buch, auf dem dieser Artikel beruht, sind alle Aussagen von Morten Jørgensen ausführlich belegt. Möchten Sie sich vertieft mit dem Eisbärenmanagement befassen und die Verweise und Quellenangaben zu den Standpunkten des Autors einsehen? Wir empfehlen Ihnen Mortens Buch zum Thema: Polar Bears on the Edge: Heading for Extinction while Management Fails. Verlag Spitsbergen-Svalbard.com, 228 Seiten, ISBN 978-3-937903-23-1. Das Buch ist nur in englischer Sprache erhältlich. Es kann bestellt werden unter der Emailadresse ursmar2015@gmail.com. NGOs wie der WWF, Greenpeace oder die IUCN passen sich an; ihnen ist wichtiger, politisch korrekt zu handeln und eine herzliche Beziehung zur Elite der Inuit zu pflegen, als die Eisbären konkret zu schützen. Den Politikern wiederum fällt es leicht, sich auf die NGOs, die Manager und die Wissenschaftler zu berufen. Sie sind die Entscheidungsträger und tun dies oft, wenn es darum geht zu erklären, weshalb sie die Eisbärjagd als besonderes ethnisches Privileg der Inuit nicht ablehnen. Letztendlich wird man sich angesichts solcher Finessen im Zweifelsfall nie zu Gunsten des Eisbären entscheiden: Denn am Ende sind alle menschlichen Interessen gewahrt. Der Eisbär hingegen hat kein Mitspracherecht. Nur eines von vielen Beispielen: Im März 2013 scheiterte an der Konferenz des Washingtoner Artenschutzabkommens CI- TES in Bangkok einmal mehr der Versuch der Mitgliederländer, sich über die Eindämmung der Eisbärenjagd einig zu werden. Die USA hatten angeregt, die Eisbären in der Roten Liste der gefährdeten Tierarten in den Anhang I zu «befördern», also rigoros unter Schutz zu stellen. Viele CITES-Mitglieder stimmten aber dagegen aus dem banalen Grund, dass sie den USA einen Denkzettel verpassen wollten, weil diese sich bisher gegen Klimaschutz-Abkommen sträubten. Böse formuliert, gibt es den Eisbärenschutz gar nicht – es gibt nur das Management der Jagdquoten. Niemand hätte etwas auszusetzen, wenn die Inuit auf nachhaltigem Niveau Eisbären jagen würden. Wenn nur Einheimische auf die Jagd gehen und nur traditionelle Jagdmethoden anwenden würden. Niemand ist gegen die Subsistenzjagd. Auch nicht gegen die Weiterführung lebendiger Traditionen und den Erhalt der kulturellen Werte. Die heutige Eisbärenjagd läuft jedoch ganz anders ab, mit leider nur wenigen löblichen Ausnahmen. Es ist äusserst zweifelhaft, dass die Eisbärjagd nachhaltig sein soll. Auch bei den Inuit Sogar bei den traditionellen Jagdmethoden muss nachgehakt werden: Weitreichende Beweise belegen, dass diese nahezu verschwunden sind. Stattdessen wird häufiger denn je mit der Jagd auf Eisbären und dem Handel mit deren Körperteilen Geld gemacht. Trophäenjagd nennt sich das und hat rein gar nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. Und wer versucht, irgendwo in der Arktis einige Inuit zu finden, die ehrlich von sich behaupten könnten, dass ihre Existenz von der Eisbärjagd abhängt – der hätte grosse Mühe bei der Suche. Denn die Lebensweise der Inuit hat sich grundlegend verändert und wird weiterhin mit grossem Wandel konfrontiert sein. Dabei zählen gerade die «Eisbären-Länder» zu den reichsten Staaten. Dank globalem Handel sind heute auch in den Shops der Inuit das ganze Jahr über Tomaten aus Marokko im Angebot. Es scheint irrig, dass das Wohlergehen eines kleinen Teils der Bevölkerung jener Länder abhängen soll von der Dezimierung einer bedrohten Tierart. Wohlgemerkt: Wir reden hier von 850 offiziell, sprich legal abgeschossenen Tieren. Für die Inuit sind das nur wenige – aber sehr viele aus Sicht der Bären. Weshalb können die besonderen ethnischen Privilegien, auf denen das Jagdrecht aufbaut, nicht abgelöst werden durch eine angemessene demokratische Neuerung? Ich zolle den Inuit grössten Respekt für ihr hartes Leben bezüglich ihrer traditionellen Abhängigkeit von lebenden Ressourcen und bezüglich der Randexistenz dieser indigenen Volksgruppe in einer globalisierten Welt. Die gestellte Frage sollte im 21. Jahrhundert aber erkannt und gelöst werden, indem die betreffenden Staaten ihre Sozialpolitik verbessern. Stattdessen muss der Eisbär herhalten, weil die Regierungen auf untaugliche Schutzmassnahmen bauen, nachsichtiges Management betreiben und Minderheiten Privilegien gewähren, die auf einer Volkszugehörigkeit basieren. Ausserdem: Es finden sich klare Anzeichen dafür, dass die Gewinne aus der andauernden (Trophäen-)Bejagung und des sich verstärkenden Handels gar nicht den Inuit- Gemeinden zugute kommen. Dabei ist genau das ein oft und laut zitiertes Argument der Jagdbefürworter. Tatsache aber ist: Vielmehr streichen einzelne Individuen den Pro- PolarNEWS 35

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