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PolarNEWS Magazin - 23 - D

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Wussten Sie, dass

Wussten Sie, dass ungefähr eintausend Eisbären jedes Jahr abgeschossen werden? Fast drei Eisbären pro Tag müssen ihr Leben lassen, oder 1 Bär alle 9 Stunden! Ist Ihnen bekannt, dass die meisten der eintausend pro Jahr getöteten Eisbären ganz legal gejagt werden, und dass dieses Vorgehen ausgerechnet von jenen Institutionen stillschweigend hingenommen wird, die angeblich den Eisbären schützen sollten wegen seiner ungewissen Zukunft angesichts des Klimawandels? Sind Sie sich im Klaren, dass eine verschworene Gemeinschaft aus Interessengruppen Tatsachen vertuscht, Zahlen kaschiert und das Gesamtbild verfälscht, um ihre wirtschaftlichen Interessen zu wahren – und nicht die Eisbären zu schützen? Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, zeigen sich befremdet, wenn sie hören, dass Eisbären heute immer noch gejagt werden. Diese Tierart ist zum Symbol der globalen klimatischen Veränderungen geworden, welche die Arktis gefährden. Deshalb setzen viele Menschen unwillkürlich voraus, dass Eisbären vollumfänglich geschützt sind. Andere wiederum haben zumindest Kenntnis von der andauernden Bejagung der Eisbären durch Trophäenjäger aus der ganzen Welt und durch die Inuit: Diese Volksgruppe beharrt auf ihre «Sonderrechte», und man gesteht sie ihnen auch zu – mehr, als nötig wäre. Meine Gesprächspartner sind entsetzt über die hohen Abschusszahlen und fragen mich an diesem Punkt normalerweise: «Wie viele Eisbären gibt es denn?» Hier beginnt jedoch die Ungewissheit. Die ehrlichste Antwort lautet: «Das weiss niemand genau.» Es ist offenbar sehr schwierig, diese Tierart in der Eiswüsten-Wildnis zu erfassen. Hinzu kommt, dass man in enorm grossen Gebieten der Arktis überhaupt noch nie den Versuch unternommen hat, Eisbären zu zählen. Die heute publizierten Populationszahlen sind deshalb nicht viel mehr als vage Schätzungen. Und die sehen folgendermassen aus: Die Weltnaturschutzunion IUCN beziffert den Bestand von fragwürdig und jagdfreundlich definierten 19 Eisbärenpopulationen auf «ungefähr 26’000» Individuen und setzt ihn somit auf die Rote Liste der bedrohten Tierarten. Von diesen 19 bekannten Eisbärgebieten liegen allerdings lediglich zu 12 konkrete Studien vor, von diesen aber sind 4 Studien älter als 10 und weitere 4 Studien sogar älter als 20 Jahre. Das Species Survival Network SSN, ein Zusammenschluss von 80 Umweltorganisationen, spricht von «maximal 25’000» Eisbären. Andere Schätzungen gehen tiefer. Ungenaue Grössen Eine etwas längere Antwort zeigt auf, dass die gemeinhin zitierten Bestandszahlen vielfach die Interessen jener Kreise widerspiegeln, welche diese Zahlen aufstellen. Wo doch Bestandszahlen auf präzisen Fachkenntnissen beruhen und die korrekte Anzahl Eisbären angeben sollten. Mit der gleichen Unsicherheit behaftet sind auch historische Angaben zur Anzahl Eisbären oder zur Fortpflanzungsrate dieser Tiere. Bis Ende der 1960er-Jahre existierten überhaupt keine verlässlichen Zahlen. Ebenso unklar sind Aussagen zum aktuellen Trend der Bestandsgrösse. Nicht minder täuschend sind die Jagdzahlen: Die Statistiken erwecken zwar den Anschein, als ob wir recht genau wüssten, wie viele Eisbären in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten dem Menschen zum Opfer gefallen sind. Doch selbst diese Zahlen enthalten viele Unsicherheitsfaktoren, wie wir bald sehen werden. Zu den mangelhaften Kenntnissen über die Biologie und die Jagd der Eisbären gesellt sich eine noch viel grössere Unbekannte: die Zukunft. Wie stark beeinflussen die vielen anderen Schwierigkeiten, mit denen der Eisbär zu kämpfen hat, dessen Überlebenschancen in seinem sich rasant verändernden Lebensraum? Die «Zukunft» hat allerdings längst begonnen. Ihre Herausforderungen stellen sich den Eisbären schon längst, und es wird erwartet, dass sich diese Probleme in der Arktis noch weiter verstärken: Klimawandel, Jagd, leergefischte Meere, Verschmutzung, Verkehr, industrielle Entwicklung, Bevölkerungswachstum, fehlende Schutzgebiete, störende und belästigende Forschungsmethoden, der Tourismus... Wie wird sich die Vielzahl dieser unterschiedlichsten Bedrohungsfaktoren auf den Eisbären auswirken? Die ernüchternde Antwort: Im Grunde genommen wissen wir das nicht. Die meisten dieser Faktoren und deren Traditionelle Jagd Sowohl das Agreement on the Conservation of Polar Bears 1973 als auch die IUCN 2013 haben es unterlassen, den Begriff Traditionelle Jagd zu definieren. Es ist lediglich der Einsatz von Flugzeugen und grossen Motorbooten verboten. Doch was bedeutet traditionelle Jagd bei den Inuit? In ganz alten Zeiten zogen die Jäger mit Hundeschlitten aufs Eis. Sichteten sie einen Eisbär, wurde dieser von den Schlittenhunden umzingelt und von den Inuit mit Harpunen erlegt. Diese Art von Jagd endete nicht selten für Hunde und Menschen tödlich. Heute gehen die Inuit mit hochtechnischen Motorschlitten und wummstarken Gewehren, mit Feldstechern und Spezialkleidung auf das Eis hinaus. Gerät ein Eisbär ins Visier der Jäger, ist er so gut wie tot. Trophäenjagd In Kanada ist die Jagd auf Eisbären auch Nicht-Inuit erlaubt – vordergründig mit dem Argument, den verarmten Eingeborenen eine Einkommensquelle zu sichern, und als «Wiedergutmachung» für Zwangsumsiedlungen in den 1950er-Jahren. Jägern aus der ganzen Welt ist es somit möglich, einen Eisbären zum reinen Vergnügen zu töten und das ausgestopfte Tier oder Teile davon als Trophäe mit nach Hause zu nehmen. Der deutsche Anbieter Diana-Jagdreisen zum Beispiel preist die Trophäenjagd als «grösstes Jagderlebnis auf Erden». Bei International Safaris Corp. kosten «10 Jagdtage inklusive 1 Eisbär» 35’900 Kanadische Dollar. Die chinesische Firma I Love Hunting verlangt umgerechnet 70’000 Euro. Der Anbieter Jagen Weltweit aus Deutschland verspricht eine «Erfolgsquote von 80 Prozent». 30 PolarNEWS

Aufgestockt: Frische Eisbärenfelle hängen zum Trocknen im kühlen Wind – hoch über dem Boden, damit die Hunde nicht rankommen. Bild Seiten 28/29: Paul Shoul. Bild Seite 31: William W. Bacon/Alamy Auswirkungen sind unbekannte Grössen. Und es wird nicht besser: Wissenschaftliche Schätzungen gehen davon aus, dass die Eisbärenpopulation wegen des Klimawandels bis zum Jahr 2050 um bis zu 70 Prozent einbrechen könnte. Wenn wir den Zustand der Eisbärenpopulation unter diesen Umständen vorsichtig bewerten, müssen wir von eher pessimistischen Annahmen ausgehen: Heute leben wahrscheinlich nur 20’000 Eisbären in der Arktis – oder sogar noch weniger. Diese Umstände machen klar: Der Fortbestand der Eisbären steht auf wackligen Füssen. Falls wir die Eisbären aber tatsächlich schützen möchten, müssen wir uns ein verlässliches Bild über den Zustand dieser Tierart machen können. Erst eine präzise Analyse liefert die Grundlagen für ein Wildtiermanagement und eine Artenschutzstrategie, die für den Eisbären hilfreich sind. Solche Strategien und Gesetze müssen bedingungslos naturschützerisch daherkommen. Sie müssen auf Ansichten basieren, die Eigenverantwortlichkeit und selbstständiges Denken widerspiegeln und unabhängig sind von kommerziellen, politischen, ethnischen, institutionellen oder individuellen Interessen. Eines der besten Instrumente, um die Unabhängigkeit von Interessenvertretern sicherzustellen und gleichzeitig einen echten Schutzeffekt zu erzielen, ist der Grundsatz der Vorsorge. «Im Zweifel für den Angeklagten» soll die Leitlinie sein. Ungenauigkeiten oder Irrtümer sollen immer zugunsten des Eisbären ausgelegt werden – und nie gegen ihn. Der grosse Verrat Dieser Erkenntnisse zum Trotz: Anstatt den Eisbären zu schützen, hämmern die Experten und andere interessierte Kreise der Öffentlichkeit ein, dass der heutige Eisbärschutz eine Erfolgsgeschichte sei und dass die Bären bestens bewirtschaftet würden. Die Beweggründe sind vielfältig: Interessengruppen verteidigen ihre wirtschaftlichen Vorteile. Einzelpersonen sehen ihre persönliche Karriere oder politische Belange bedroht. Manche halten dank dieser Lüge lokale oder ethnisch bedingte Privilegien hoch. Wieder andere haben schlicht Angst davor, die Wahrheit auszusprechen. Immerhin: Es handelt sich bei all diesen Beweggründen nicht um einen Komplott. Es ist keine Verschwörung gegen den Eisbären in Gange, denn es geht nicht um einen bewusst herbeigeführten Betrug. Für die betroffene Tierart aber macht das keinen Unterschied: Der Eisbär wird von Leuten verraten, die behaupten, sich um dessen Fortbestand zu kümmern. Doch zurück zur Jagd: Der Lebensraum des Eisbären erstreckt sich über die Gebiete von fünf Nationen rund um die Arktis: Kanada, USA (Alaska), Russland, Dänemark (Grönland) und Norwegen (Spitzbergen). Die Schutzbestrebungen für den König der Arktis verliefen deshalb ganz unterschiedlich. Bereits im Jahre 1957 hatte Russland (damals die UdSSR) die Jagd auf Eisbären gänzlich verboten; bis heute bleibt dies so. Bis zum Ende der 1960er-Jahre hatte die Eisbärjagd in der gesamten Arktis derartige Auswüchse angenommen, dass ein dramatischer Bestandszusammenbruch befürchtet worden war. Aus dieser Sorge heraus unterschrieben 1973 die fünf Arktis-Anrainerstaaten in Oslo das gesamtarktische Internationale Abkommen zum Schutz der Eisbären (Agreement on the Conservation of Polar Bears): Man einigte sich zwar auf den ganzjährigen Schutz von Jungtieren und Weibchen mit Jungen, beschränkte die Jagd auf die «freigegebenen» Eisbären aber lediglich auf ein Verbot des Einsatzes von grossen Motorbooten und Flugzeugen. Aus geschichtlichen und kulturellen Gründen wurde die traditionelle Jagd nur den indigenen PolarNEWS 31

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