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PolarNEWS Magazin - 23 - D

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Opfer, davon allein

Opfer, davon allein 2’053’956 auf der Südhalbkugel. Niemand weiss, wie viele Wale diese Zeiten überlebt hatten. Sicher ist einzig, dass ein grosser Teil der Buckelwal-Population der Südhemisphäre vernichtet worden war. Zoologen schätzen, dass heute wieder etwa 60’000 Buckelwale in den Meeren der Südhalbkugel vorkommen. Bis heute werden Buckelwale gejagt, obwohl sie seit den 1960er-Jahren weltweit geschützt sind. An der Westküste Grönlands gesteht die Regierung den einheimischen Jägern eine jährliche Fangquote von neun Tieren zu – allerdings hat die Internationale Walfangkommission IWC diese Quote für die jetzige Fangsaison nicht genehmigt. Auch in der Karibik macht man Jagd auf Buckelwale: Im Inselstaat St. Vincent und die Grenadinen gilt ein Maximum von 24 Buckelwalen in der aktuellen Fangsaison 2013 bis 2018. Und Japan hat diese Walart zwar auf der Fangliste, verzichtet jedoch (bisher) auf die Bejagung. Wie alle anderen Meeresbewohner der Antarktis muss auch der Buckelwal dem winterlichen Packeis weichen, das sich wie ein breiter weisser Gürtel rund um den Kontinent Antarktika legt und die Nahrungsgebiete mit einem dicken Deckel aus gefrorenem Meerwasser verschliesst. Aber wo sind die Buckelwale im Südwinter? Diese Frage führt direkt mitten ins spannende Leben dieser Walart. Buckelwale ziehen durch die Weiten der Ozeane, von ihrem sommerlichen Nahrungsgebiet in den polaren Meeren bis ins winterliche Fortpflanzungsgebiet in tropischen oder subtropischen Gewässern – und wieder zurück. Ob sie aus der Arktis oder der Antarktis anreisen, ist egal: Einmal im Jahr führt eine Tausende von Kilometern lange Wanderung alle Buckelwale dieser Welt in die Äquatorzone. 22 PolarNEWS

Grössenvergleich: Die Brustflossen können über 5 Meter lang werden – fast dreimal die Grösse eines Menschen. Bild: Masa Ushioda /Alamy Dort in den Tropen und Subtropen, innerhalb von 30 Grad nördlicher und 30 Grad südlicher Breite, haben Zoologen weltweit 24 Überwinterungsgebiete ausgemacht, in denen sich die Buckelwale aufhalten. Die Populationen auf der Südhalbkugel ziehen aus der Antarktis zum Beispiel vor die Küste Brasiliens, nach Gabun und Madagaskar, zu den Komoren, nach Tonga und Französisch Polynesien. Dort verpaaren sich die Tiere oder bringen die Jungen zur Welt. Und sie fressen nichts in dieser Zeit, keine einzige Garnele. Ihr Fettpolster legen sie sich im Sommer in den Polargebieten zu, wo die Wale nur hinschwimmen, um sich für ein ganzes Jahr zu verköstigen: 1 bis 1,5 Tonnen Nahrung pro Tag fressen sie dort, hauptsächlich Antarktischer Krill. Die Buckelwale im Nordozean ergänzen ihren Speiseplan mit kleinen Fischen. Davon wissen die Südwale allerdings nichts. Denn beim jährlichen Stelldichein unter der Äquatorsonne begegnen sich die Südländer und die Nordländer nie. Schuld daran ist im Grunde genommen die Schrägstellung der Erdachse. Sie führt dazu, dass die Jahreszeiten Sommer und Winter auf den beiden Halbkugeln des Globus jeweils entgegengesetzt stattfinden. Wenn sich also die nördlichen Buckelwale im Nordsommer (Juni bis August) in arktischen Gewässern den Bauch vollschlagen, herrscht auf der Südhemisphäre tiefster Winter, und die südlichen Buckelwale befinden sich gerade auf Fastenkur am Äquator. Warme Kinderstube Und umgekehrt: Sobald der Winter im Norden einkehrt, machen sich die nördlichen Buckelwale auf in Richtung Tropen – wo die südliche Verwandtschaft aber gerade davonschwimmt, um ihre Nahrungsgründe im Südozean während des Südsommers (Dezember bis Februar) rechtzeitig zu erreichen. Forscher wissen heute, dass sich die Buckelwale der Nord- und der Südpopulation genetisch und äusserlich leicht voneinander unterscheiden. Diese «Differenzen» haben sich wohl daraus ergeben, weil der Warmwassergürtel der Tropen für beide Populationen wie eine Barriere wirkt: Bis hierhin und nicht weiter. Pottwale halten das übrigens auch so. Orcas hingegen kümmern sich nicht um Grenzen. Über die Gründe, weshalb Buckelwale derart lange Wanderungen durch die Weltmeere unternehmen, spekulieren die Wissenschaftler. Die einen postulieren, dass die Wale ihre Kälber in Meereszonen gebären, in denen sie weniger von Orcas (ihren ärgsten Feinden) belästigt werden. Andere sind der Ansicht, dass die Buckelwale aus Energiespargründen zum Äquator wandern: In der Wärme eines tropischen Meeres muss ein Walkalb weniger Eigenwärme produzieren, was sich positiv auf dessen Wachstum auswirkt. Das Kalb wird grösser, gesünder und hat als ausgewachsener Buckelwal grösseren Erfolg bei der Fortpflanzung. Wie auch immer: Bei einer Lebenserwartung von 45 bis 50 Jahren hat ein Buckelwal am Ende seines Daseins gute 700’000 Kilometer unter den Flossen! Um die Wanderbewegungen dieser Wale zu enträtseln, erheben Forscher heute genetische Analysen oder bringen Satellitensender am Wal an. Nicht zuletzt aber liefern Fotovergleiche der Schwanzflosse äusserst wertvolle Dienste bei der Identifikation von Einzeltieren. Wie bei unseren menschlichen Fingerabdrücken sind bei der Walfluke Form und Pigmentmuster der Unterseite einmalig und ermöglichen es der Wissenschaft, einzelne Individuen auch nach vielen Jahren wiederzuerkennen. PolarNEWS 23

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