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PolarNEWS Magazin - 23 - D

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Text: Peter Balwin Die

Text: Peter Balwin Die Nacht war besonders ruhig. Schon gestern Abend war unser Expeditionsschiff in einer kleinen Bucht der Anvers-Insel vor Anker gegangen. Bleigrau die Hochnebeldecke, still wie ein Mühlteich das eisige Wasser der Gerlache-Strasse an der Westseite der Antarktischen Halbinsel. Ohne das ständige Geräusch der laufenden Schiffsmotoren, ohne das Schwanken im Wellengang schlafen alle Passagiere besonders tief. Ich liess das Bullauge meiner Kabine in dieser stillen Nacht geöffnet, die Luft hier auf 64 Grad südlicher Breite ist so rein und erfrischend. Doch gegen fünf Uhr in der Früh wache ich auf: Was war das? Von irgendwo her erklingen sanfte, entspannte, rhythmische Laute. Atmet hier jemand? Ich bewohne eine Einzelkabine, nicht möglich... Langsam dämmert mir: Natürlich ist da niemand! Aber das ist kein Mensch. Die Klänge kommen von draussen, ein sanftes Prusten. Also schnell raus aus der Koje und an Deck! Und dann dieser Anblick: Direkt unter meinem Kabinenfenster, keine drei Meter unter mir, ruhen zwei Buckelwale ganz dicht an den weiss gestrichenen Schiffsrumpf geschmiegt im Wasser! Sie schlafen. Und ich bin hellwach vor Begeisterung. Ein Bild des Friedens in buchstäblich gigantischen Ausmassen. Woher kommen diese freundlichen Riesen? Wohin gehen sie, wenn sie aufwachen? Wer schon zur Antarktischen Halbinsel gefahren ist, kann in aller Regel von Begegnungen mit Buckelwalen erzählen. Sie gehören schliesslich zu den häufigeren Walarten entlang der Küsten des Weissen Kontinents. Genau genommen sind Zusammentreffen mit Buckelwalen in allen Weltmeeren möglich. Sie bewohnen küstennahe Bereiche in tropischen wie auch polaren Gewässern und in den meisten Meeresgebieten der gemässigten Klimazonen. Der Buckelwal ist vielleicht der populärste aller Grosswale, nicht zuletzt deshalb, weil er zu den besterforschten Walen gehört. Und weil er berühmt geworden ist dank seiner spektakulären Verhaltensweisen. Dazu gehören akrobatische Sprünge, bei denen der gesamte bis 17 Meter lange Walkörper mit seinem Gewicht von bis zu 30 Tonnen senkrecht aus dem Wasser empor schiesst. Grosses Erstaunen lösen immer wieder die lauten, knallenden Geräusche aus, welche der Buckelwal mit seinen immens langen Brustflossen erzeugt. Diese Flipper sind so lang wie ein Drittel seines Körpers, und er lässt sie mehrmals kräftig aufklatschen. Für den menschlichen Beobachter wirkt dies, als ob der Wal einem zuwinken würde. Kein anderer Wal überbietet den Buckelwal, wenn es um die Länge der Brustflossen geht. Natürlich stimuliert dies die Neugierde der Zoologen: Warum sind die so lang? Mit über einem halben Dutzend Hypothesen versucht die Wissenschaft, das Phänomen zu erklären. So heisst es, der Wal könne in den von ihm bevorzugten seichten Gewässern besser navigieren. Oder so: Dank der langen Flipper liessen sich Geräusch-Signale besser produzieren, womit das Winken gemeint ist. Oder das: Die Manövrierfähigkeit werde verbessert. Und dann noch dies: Die Flipper kämen bei der Paarung zum Einsatz. So ganz genau scheint es niemand zu wissen. Der mit den Flügeln In der Welt der Wissenschaft tauchte der Buckelwal im Jahr 1781 auf. Der deutsche Naturforscher Georg Heinrich Borowski lieferte die erste wissenschaftliche Beschreibung 20 PolarNEWS

dieser Tierart. Er nannte den Buckelwal Pflokfisch (Balaena novae angliae) und beschrieb ihn in seiner «Gemeinnüzzigen Naturgeschichte des Thierreiches» so: «Hat an der Stelle, wo der Finnfisch seine Flosse trägt einen Höker, wie ein Pflok gestaltet, der hinten weg steht. Derselbe hat 1 Fuss in der Höhe und die Dicke eines Mannskopfs. Seine Brustfinnen sizzen beinahe in der Mitte des Leibes unter dem Bauch und sind 18 Schuh lang. Seine Leibeslänge muss daher ansehnlich sein. Sein Aufenthalt ist an den Küsten von Neuengland. Seine Baarten sind besser als des Finnfisches und das Spek hat mit diesem viel Aehnlichkeit.» Später taufte man den Pflokfisch auf Buckelwal um und gab ihm seine heutige Bezeichnung Megaptera novaeangliae. Also ging der Buckelwal, der Weltbürger der Ozeane, als «Neuengländer mit grossen Flügeln» in die Literatur ein, in Anlehnung an seine sehr langen Brustflossen und benannt nach der US-amerikanischen Region New England, wo dieser Wal als erstes den europäischen Entdeckern und Walfängern auffiel. Just in der Zeit, als der Buckelwal zu seinem wissenschaftlichen Namen kam, verbreitete sich die Meldung von unermesslichen Mengen an Walen und Robben im Südozean. Weil die Bestände dieser Meerestiere auf der Nordhalbkugel nach Jahrhunderten der Verfolgung durch den Menschen massiv abgenommen hatten, wurde die Kunde aus dem tiefen Süden mit Begeisterung aufgenommen: Die Walfangflotten zahlreicher Nationen änderten sogleich ihren Kurs von der Arktis in die Antarktis. Das Massaker an den Meeressäugern des Südozeans nahm seinen Lauf. Der Buckelwal errang bald einen der Spitzenplätze in den Fangstatistiken. Allein zwischen 1900 und 1973 kamen den Walfängern auf der Südhalbkugel 250’000 Buckelwale vor die Harpunenkanone. Das Gemetzel war ungeheuerlich. Die grausamen Fangtechniken verfeinerten sich zusehends. Ein Kapitän der US-Küstenwache sagte 1938 in einem Interview: «Einige der grösseren Fabrikschiffe mit ihrer Kapazität von über 2500 Barrel Walöl pro Tag (rund 300 Tonnen) fangen mehr Wale in 2 Tagen, als die ersten schwimmenden Fabriken von 1904 in einer ganzen Saison hätten abtransportieren können. Ein einziges modernes Walfang- Fabrikschiff verarbeitet mehr Wale in einer Saison als die gesamte amerikanische Walfangflotte von 1846 – sie umfasste damals immerhin über 700 Schiffe!» Selbst in den letzten Jahren vor dem Ende des kommerziellen Walfangs in der Antarktis töteten die Jäger der damaligen Sowjetunion in nur zwei Fangperioden (1959/60 und 1960/61) noch über 25’000 Buckelwale. Auch anderen Walarten erging es nicht besser. Eine kürzlich neu berechnete Zusammenstellung lässt das globale Drama erahnen: In den hundert Jahren zwischen 1900 und 1999 fielen weltweit 2,9 Millionen Grosswale (vor allem Blau-, Fin-, Pott-, Buckel-, Sei- und Zwergwale) dem industriellen Walfang zum PolarNEWS 21

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