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PolarNEWS Magazin - 22 - D

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Frisch geschlüpft: Weil

Frisch geschlüpft: Weil sie anfangs die eigene Körperwärme noch nicht halten können, werden die Küken gehudert. Text: Heiner Kubny Obwohl man den Kapsturmvogel in dieser Gegend nur sehr selten sieht, wurde er ausgerechnet am Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben, und zwar vom schwedischen Naturforscher Carl von Linné im Jahr 1758. Immerhin hat der alte Schwede die sogenannte binäre Nomenklatur erfunden, also die griechische Namensgebung für Tiere und Pflanzen in zwei Teilen. So kann sich der Daption capense rühmen, zu den ersten Tieren überhaupt zu gehören, die einen ordentlichen lateinischen Namen erhalten haben. «Capense» bezieht sich dabei auf den ersten Sichtungsort, das Kap der Guten Hoffnung, und «Daption» leitet sich aus dem griechischen Wort für «Fresser» im Sinne von Alles- oder Vielfresser ab: Linné hat nämlich beobachtet, dass sich Kapsturmvögel sogar bei recht stürmischer See aufrecht auf das Wasser setzen und ihre Nahrung aus dem Wasser picken. Das sieht ein bisschen aus wie bei Tauben, weshalb die Seefahrer ihnen den Namen Kap-Taube gaben. Trotzdem bleibt der Kapsturmvogel am Kap der Guten Hoffnung ein seltener Gast. Im Südsommer brütet er rund um das antarktische Festland und auf den vorgelagerten Inseln, zum Überwintern zieht er vor allem mit dem kalten Humboldtstrom entlang der südamerikanischen Westküste bis hoch zu den wärmeren Gefilden von Peru und Ecuador, auch entlang des ebenfalls kalten Benguelastroms vor der Küste Südwestafrikas bis Angola oder an die Südküste Australiens. Man kann sagen, sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich über die ganze Fläche südlich des Südlichen Wendekreises. Damit ist der Kapsturmvogel der wanderfreudigste Vertreter der Familie der Sturmvögel, die wiederum allesamt zur Ordnung der Röhrennasen gehören, die mit ihrem speziellen Organ oberhalb des Schnabels Salz aus ihrem Körper ausscheiden können. Kapsturmvögel sind übrigens auch die kleinsten und die flinksten aller Sturmvögel. Eine Art Allesfresser Das mit dem «Fresser» hat Carl von Linné auch aus einem anderen Aspekt gut beobachtet: Der Kapsturmvogel ist, wie man sagt, ein opportunistischer Beutegreifer. Das heisst, er frisst alles, was grad vor seinen Schnabel kommt. Das sind in erster Linie Krebstierchen und kleine Fische, die knapp unter der Wasseroberfläche treiben und schwimmen und rund 80 Prozent der gesamten Nahrung ausmachen. Auch Krill gehört dazu und durchaus mal ein Tintenfisch, den er erbeutet, indem er sich vom Suchflug herunterstürzt und bis zu einem Meter tief ins Wasser eintaucht. Findet er einen Tierkadaver, tut er sich an diesem gütlich, auch wenn es ein verendeter Wal ist. Inzwischen haben Kapsturmvögel längst gelernt, dass sie sich auch im Strudel von Hochsee-Fischereischiffen satt fressen können. Weil es für sie auf dem geschlossenen Packeis kaum was zu holen gibt, trifft man sie dort so gut wie nie an. Abgelegene Brutplätze Auch wenn sie untereinander durchaus aggressiv werden, wenns ums Fressen geht, brüten Kapsturmvögel gerne in Kolonien, zu denen sie sich in der Regel nicht mehr als einen Kilometer von der Küste entfernt zusammenfinden. Männchen und Weibchen sind sowohl im markant getüpfelten Gefieder als auch in der Körpergrösse kaum zu unterscheiden, auch die Aufzucht der Brut teilen sie sich gleichberechtigt. Meist bauen sie ein Nest aus Kieselsteinen in einer Felsnische, am liebsten mit einem überhängenden Felsen, sodass das Nest und das Küken vor Feinden geschützt sind – vor allem Raubmöwen plündern ihre Nester. Da sie umgekehrt auch in Felsnischen auf Inseln nisten, 76 PolarNEWS

die sich weit weg vom Festland befinden, haben sie sich einen Standortvorteil geschaffen gegenüber all jenen Vögeln, die Festlandküsten bevorzugen. Das macht es ihnen leichter, überhaupt einen geeigneten Nistplatz zu finden, und sie sind überdies auch besser geschützt vor Fressfeinden. Die bevorzugt überhängenden Felsnischen bieten den nötigen Schutz vor stürmischem Wetter. Partnerschaftliche Aufzucht Im November legt das Weibchen ein einziges Ei, das beide Elterntiere 45 Tage lang abwechselnd ausbrüten. Das frisch geschlüpfte Küken wird zehn Tage lang gehudert, bis es genügend Kraft hat, ausreichend eigene Körperwärme herzustellen. Insgesamt dauert es rund 45 Tage, bis das Kleine flügge wird und selber auf Nahrungssuche geht. Aussergewöhnlich: Forschungen haben ergeben, dass 85 Prozent aller Kapsturmvögel sich dem Partner vom vorhergehenden Jahr erneut verpaaren und also sehr monogam sind, auch wenn sie im Südwinter getrennt gen Norden ziehen – wenn Kapsturmvögel nicht brüten, sind sie meist als Einzelgänger unterwegs. Insgesamt schätzen die Forscher den Bestand des Kapsturmvogels auf 2 Millionen Tiere. Sie gelten somit als nicht gefährdet. Bilder: Tui de Roy / Minden Pictures / National Geographic Creative, nzbirdsonline.org.nz, Liam Quinn / Flickr Magen-Öl als Waffe Speziell ist die Art, wie sich Kapsturmvögel gegen Feinde schützen: In ihrem Magen produzieren sie ein Öl, das sie in einem separaten Sack, dem Vormagen, speichern. Bedroht ein Feind das Nest oder werden sie selber angegriffen, speien sie das Öl aus ihrem Schnabel auf den Feind. Sie kotzen ihn quasi voll, und das über eine Distanz von zwei Metern. Weil das Öl recht übel riecht, ist dessen überraschender Einsatz sehr effektvoll. Praktischerweise ist dieses Öl auch sehr nahrhaft, weshalb die Vögel damit einerseits auch ihre Küken ernähren und anderseits selber davon zehren, wenn sie lange Flüge unterneh- men. Das Öl ist also Nahrungsreserve und Abwehrwaffe gleichzeitig. Zwei Unterarten Die Tierwelt-Katalogisierer nach Carl von Linné haben herausgefunden, dass es zwei verschiedene Daption capense gibt, die sich Aufwendiger Start: Um vom Wasser in die Luft zu steigen, benötigen Kapsturmvögel etwas Anlauf. Je nach dem: Auf weiten Reisen sind sie gerne alleine unterwegs, im Stammgebiet eher in Gruppen. hauptsächlich in der Grundtönung des Gefieders und im Verbreitungsgebiet voneinander unterscheiden. Deshalb existieren heute die beiden Unterarten Daption capense capense und Daption capense australe. Letztere sind eher etwas bräunlich im Gefieder, ein bisschen kleiner und wesentlich seltener. PolarNEWS 77

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