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PolarNEWS Magazin - 22 - D

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Die Rohstofflieferanten

Die Rohstofflieferanten für Qiviut-Wolle: Moschusochsen in Grönland. Wie viele Kilos kaufen Sie denn heute ein? Ich kann 500 bis 600 Kilo bekommen, wenn ich möchte. Aber das ist viel zu viel für einen Ein-Mann-Betrieb wie mich! Ich verarbeite im Moment 250 bis 300 Kilogramm. Es ist auch eine Kostenfrage. Ein Kilogramm Qiviut kostet etwa zweieinhalb Mal mehr als das teuerste Cashmere. Sie lassen das Qiviut in Nepal, wo Sie Web- und Spinnschulen eingerichtet haben, handverspinnen. Das kostbare Wollpaket fliegt also von Grönland nach Nepal? Nein, so schnell geht das nicht. Erst wird es nach Belgien zum Waschen verschickt. Ich habe lange nach einem Betrieb gesucht, der die Wolle so gründlich und so schonend wäscht, wie ich mir das wünschte. Bei Wolle aus Westgrönland kann gut und gern vier Prozent feinster Flugsand ausgewaschen werden. Nach dem Waschen geht die saubere Wolle nach England zum Kämmen. Das heisst, die Haare werden alle in einer Richtung ausgelegt. Dieser sogenannte Kammzug kommt dann nach Nepal zum Handverspinnen oder nach Biella, Italien, für die Herstellung von Streich- und Kammgarnen. Hier werden auch feinste Stoffe für Sakkos und Plaids gefertigt. Im Verlauf all dieser Veredelungsprozesse verlieren wir zwischen 20 bis 24 Prozent an Gewicht. Die kurzen, eigentlich feinsten Haare, die beim Kämmen herunterfallen, werden gesammelt und als Füllmaterial für Schlafdecken verwendet. Warum lassen Sie gerade in Nepal handverspinnen? Das ist eine lange Geschichte. Ich arbeite seit über 30 Jahren mit den Nepalesen zusammen, lasse für meine Firma Creation Walter Notter dort Teppiche nach Mass handknüpfen und Wolle mit Naturfarben färben. Auf jedem Heimflug sah ich, dass die Flugzeuge zu über der Hälfte voll waren mit Nepalesen, die sich in Doha, Abu Dhabi oder Katar für im Minimum zwei Jahre als Gastarbeiter verdingen. Wie das da so zugeht, wissen wir spätestens seit den Fifa- Skandalen um die Stadionbauten für die Fussball-Weltmeisterschaft in Katar. 2,7 der rund 30 Millionen Nepalesen arbeiten in den arabischen Ländern. Daran hat auch der aufkommende Tourismus nichts geändert, der macht gerade mal zwei Prozent des Bruttosozialproduktes aus. Nepal ist eines der zehn ärmsten Länder der Welt. Die Menschen sind freundlich und arbeitsam, finden aber in Nepal keine Arbeit. Da lag für mich der Gedanke nahe, ihnen Arbeit vor Ort zu beschaffen, mit dem Verspinnen von Grönländer Qiviut. Ich bat meinen Webmeister, Leute zu suchen. Gesagt, getan. Nicht zuletzt weil wir zwanzig Prozent mehr Lohn bezahlen als andere Kunden und die Menschen auch anlernen, konnten wir eine Spinn- und Webschule einrichten. Zurzeit beschäftigen wir sechzehn Frauen. Wie sieht so eine «Lehre» aus? In zwei bis drei Monate dauernden Lernzyklen wird schulentlassenen Mädchen und Jungen die Chance geboten, das Handwerk zu erlernen und zu vertiefen. Diese Lernblocks können anschliessend mit einer bis sieben Monate dauernden Intensivausbildung verlängert werden. Nach Abschluss eines erfolgreichen Lehrgangs haben die jungen Leute die Möglichkeit, in den Manufakturen meines Partner-Herstellers oder auch auf dem freien Markt eine Anstellung zu erhalten. Kümmern Sie sich selber um die Schulen? Nein, dafür bin ich nicht oft und lange genug in Nepal. Diese Ausbildung überwacht mein Meisterweber, gemeinsam mit einer alten Dame, die ihr Handwerk ausgezeichnet weiterlehrt. Aber ich freue mich bei jedem Besuch über die Fortschritte und Anstrengungen, und diese Ausbildungsalternative, die junge Menschen zu Lohn und Brot verhilft. zeigt nicht nur unser soziales Engagement, sondern auch die Bereitschaft der Menschen vor Ort, diese Idee aufzugreifen, zu unterstützen und mitzutragen. Entstehen die Entwürfe auch in Nepal? Bei Schals und handversponnenen Plaids und Stoffen: Ja! Für Herrenbekleidung wie Sakkos und Pullover erhalte ich vom Zürcher Designer Hannes Bühler bewährte Designs und inspirierende Anregungen. Für Haute Couture arbeite ich mit einer Schneiderin aus St. Moritz. So ein Luxusmaterial muss ja in die richtigen Hände kommen. Auf Kundenwunsch liefern wir die Stoffe auch an deren Schneidereien. Wenn man Ihren Namen googelt, stösst man auf einen Weltrekord. Bitte erzählen Sie uns davon! Mein Webmeister Tej Narayan, ein Inder, hat im Frühling 2014 die beiden höchstdotierten Auszeichnungen für seine Webkunst erhalten. Dies nahmen wir zum Anlass, etwas ganz Spezielles zu entwickeln. So machten sich fünfzehn Spinnerinnen und zwei Weber ans Werk. Nach fast tausend Arbeitstagen war es vollbracht: der längste gewebte Schal der Welt, 167 Meter in Qiviut, Kaschmir, Baby-Yak, Golden- Modisch: Pullover und Schal. 64 PolarNEWS

Muga-Seide und Yangir. Ein wertvolles Unikat. Über das übrigens alle Beteiligten sehr stolz und glücklich sind. Was ums Himmels willen macht man mit einem 167 Meter langen Schal? Wir haben 66 Teile von 70 x 210 Zentimeter konfektioniert und diese Schals, die es übrigens in vier Dessins gibt, in Boxen aus handgeschöpftem Papier angeboten, darin eine Arvenholzplatte mit der Schalnummer und eine ausführliche Beschreibung zu diesem einmaligen Stück Textilgeschichte. Ich sehe diesen Schal als ein völkerverbindendes Unikat, eine Brücke zwischen der Himalaya-Region und unseren Alpen. Das entspricht ganz meiner Philosophie: Mein Streben ist es ja nicht, überteuerte Schals oder Pullover zu verkaufen. Sonst hätte ich, wie mir das viele raten, schon lange ein Geschäft in St. Moritz eröffnet und würde reiche russische Kundschaft bedienen. Das interessiert mich nicht. Was ich seit 30 Jahren mit meinen Produkten vermitteln möchte, sind die Bilder und Geschichten hinter dem Produkt. Von den Tieren, die den Rohstoff liefern, von den Menschen, die diesen verarbeiten. Sie müssten einmal sehen, mit wie viel Respekt und Hochachtung die Nepalesen, die immerhin eine jahrhundertelange Textiltradition besitzen, das Qiviut behandeln. A propos Geld: Was kostet so ein edles Qiviut-Teil? Das günstigste Teil ist eine gestrickte Mütze mit feinem filigranem Zopfmuster für 165 Franken. Farbig: Erst seit kurzem ist es möglich, Qiviut-Wolle einzufärben. Und das teuerste? Das ist ein mit Seide gefüttertes Herrensakko für 7800 Franken. Worauf ich aber am meisten Wert lege: einem Textilbegeisterten möglichst exakt das zu geben, was er möchte. Custom made ist mein grösstes Anliegen. Wir kennen jetzt die Pluspunkte von Qiviut. Gibt es denn gar keine Nachteile? Bisher war ein Nachteil, dass Qiviut nur in seiner Naturfarbe, also braun-beige, erhältlich war. Das unendlich zarte, hohle Haar schrumpft beim üblichen Färbeprozess; seine einmalige Qualität leidet. Es gibt aber mit Stückfärbung die Möglichkeit, diese Qualitätseinbusse minimal zu halten. Auch färben wir vermehrt mit Pflanzenfarben, was von unseren Kunden äusserst positiv aufgenommen wird und sicher für die Zukunft wegweisend sein könnte. Deshalb ist mein nächstes Ziel, der Spinn- und Webschule möglichst bald eine eigene Pflanzenfärberei anzugliedern. Das treibt Sie zu grossem Engagement und ebensolchen Arbeitspensen – beeindruckend! Ich gestehe es gern: Damit verbinde ich arbeitend – oder besser gesagt spielend, wie ein Freund einmal meinte – meine zwei Leidenschaften: die eine fürs Textile und die andere für den hohen Norden. So habe ich doch gleich einen doppelten Lotto- Sechser gewonnen! Mein Berufsleben lang hatte ich mit Textilien zu tun, wunderschönen, und jetzt mit Qiviut mit dem Besten, das es gibt. Am Model: Jacke Serla, 100 Prozent Qiviut. Qiviut in Zahlen Vor knapp hundert Jahren gab es in Kanada noch zirka 3000 Moschusochsen. Heute leben hier dank Artenschutz, Hege und Pflege wieder mehr als 160’000 Tiere. Der Bestand alleine im Westen Grönlands zählt rund 25’000 Tiere. Um diesen stabil, gesund und ausgleichend zu erhalten, dürfen die Tiere von den Inuit für ihren persönlichen Gebrauch nach streng vorgeschriebener Quote bejagt werden. So kommen jährlich nur gerade 5000 bis 6000 Kilo Wolle auf den Markt. Damit ist Qiviut 6000 Mal rarer als Kaschmir und 400 Mal rarer als Gold. 50 Prozent des Haares besteht aus feinsten Luftkanälen. Dank seinem Unterhaar oder Wintervlies trotzt der Ovibos moschatus Temperaturen von -50 Grad und Windgeschwindigkeiten von 140 kmh. Dieses isolierende Haar der Moschusochsen ist 8 Mal wärmer als Schafwolle. Eine einzelne Faser hat einen Durchmesser von 12 bis 18 Tausendstel-Millimetern. Aus 1 Kilo Qiviut kann ein 40 Kilometer langer Garnfaden sogar handversponnen werden. Um 1 Kilo zu verspinnen, benötigt eine geübte Spinnerin 100 Tage, schafft pro Tag 350 bis 500 Meter oder 7 bis 10 Gramm. Walter Notter und seinen Top-Spinnerinnen ist es nach 2 Jahren Tüfteln gelungen, dieses Garn so zu verspinnen, dass es auch als Kettfaden verwendet werden kann. Daraus entstehen nun auch Schals, also Kette und Schuss, aus 100 Prozent Qiviut, als absolute Rarität. In einem einzigen 70 x 210 Zentimeter langen und gerade mal 96 Gramm schweren Unikat stecken 3 bis 4 Wochen Arbeit. Nur 15 bis 20 Stück sind pro Jahr erhältlich. Kostenpunkt: je 1470 Franken. Mehr zu Qiviut auf www.qiviut.ch PolarNEWS 65

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