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PolarNEWS Magazin - 22 - D

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Interview 62

Interview 62 PolarNEWS

«Man muss es spüren» Die Inuit nennen den Moschusochsen Ungmingmak, der Bärtige. Seine Unterwolle heisst Qiviut, Flaum. Walter Notter bietet dieses Gold der Arktis an. Wir wollten von ihm alles über die edelste Wolle der Welt wissen. Interview: Anita Lehmeier / Bilder: Véronique Hoegger Mister Qiviut Walter Notter mit Rohstoff (oben) und handgesponnenem Schal. Textilexperten bezeichnen Qiviut als Gold der Arktis. Was macht die Wolle der Moschusochsen so wertvoll? Walter Notter: Es ist das Haar als solches und seine Seltenheit. Stellen Sie sich vor: Moschusochsen halten Temperaturen von minus 50 Grad aus und überstehen Eisstürme. Das geht nur mit der richtigen Kleidung! Der «Trick» der Natur: Das Haar des Moschusochsen ist wie das von Eisbären, innen hohl. Das macht es einmalig leicht und isolierend. Darum fühlt sich ein Schal oder Pullover aus Qiviut auch an wie eine Wolke aus Wärme. Zur Seltenheit: Jährlich gibt es nur 5 bis 6 Tonnen weltweit. Damit ist Qiviut 400 Mal rarer als Gold und 6000 Mal seltener als Kaschmir. Sind denn Moschusochsen so selten? Nein, der Bestand ist nicht das Problem. Zwar hatten die Walfänger durch jahrzehntelange Übernutzung die Moschusochsen in Grönland fast ausgerottet. In Kanada sah es ähnlich übel aus: Die Regierung hatte die Tiere 1913 unter Schutz gestellt, 1930 gab es nur rund 3000 Tiere. 1970 hatten sich die Herden so weit erholt, dass diese den Inuit wieder für ihre persönliche Nutzung zur Verfügung standen. Der heutige Bestand wird in Kanada auf etwa 160’000 Tiere geschätzt, in Westgrönland auf 25’000 Tiere. In Grönland darf jede Familie drei Tiere pro Jahr als Fleischlieferanten nutzen. Natürliche Feinde des Moschusochsen sind der Wolf und der Eisbär. Diese kommen aber im südlicher gelegenen Lebensraum von Grönland nicht vor. Warum ist Qiviut nun trotz genügend Tieren als Rohstofflieferanten so selten? Das Problem ist quasi die Ernte: Qiviut ist die Unterwolle des Winterfells, und weil Moschusochsen wilde Tiere sind, kann sie nur vom gejagten Tier gewonnen werden. Das heisst, die Inuit jagen die Tiere zwischen Januar und März für Fleisch hauptsächlich für den Eigengebrauch. Die Unterwolle wird aus dem Fell mit grossem Aufwand ausgekämmt. Dann, wenn es nie hell wird, jemanden zu finden, der sich in dieser Kälte und Dunkelheit auf Moschusochsen-Jagd macht, ist heute sehr schwierig. Die Lebensumstände vieler Inuit haben sich total gewandelt, es gibt kaum mehr nomadisierende Familien. Aber das ist ein anderes Thema. Wie sind Sie auf Qiviut gekommen? Von 1993 bis 2000 lebte ich in Kanada. Da habe ich in einem Laden in Lake Louise zum ersten Mal Qiviut gesehen. Und was viel wichtiger ist: angefasst. Man muss das Material einmal in Händen gehalten haben, es sich «unter die Haut» gehen lassen, um seinen Wert zu erspüren und zu begreifen. Wie schon Goethe sagte: Kannst du es nicht erfühlen, kannst du es nicht erjagen. Über zwei Stunden lang klärte mich eine begeisterte Verkäuferin über Qiviut auf. 24 Stunden später sass ich mit dem Hersteller zusammen. Seit sechs Jahren beziehe ich aber mein «Gold der Arktis» ausschliesslich aus Grönland. 63

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