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PolarNEWS Magazin - 22 - D

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Am 3. Juli schlief der englische Meteorologe und Proviantmeister William Colbeck in seiner Koje ein, ohne das Licht der Tranlampe gelöscht zu haben. Sein Bett fing Feuer, nur mit Glück konnte der Brand gelöscht werden. Ein andermal entgingen drei Männer nur knapp einer Rauchvergiftung. Immerhin: Es ereignete sich in diesen Monaten aber auch Erfreuliches. Der lappländische Hundeführer Per Savio baute wenn möglich eine Sauna in den Schneeverwehungen an der Hütte. Am 1. Juni kamen von mehreren Schlittenhunden insgesamt 16 Welpen zur Welt. In dieser Zeit tauchte auch der Schlittenhund Chapras wieder auf, wohlgenährt und gesund: Er war zwei Monate zuvor auf einer Eisscholle ins offene Meer abgetrieben und galt als verloren. Offensichtlich trieb die Scholle zurück ans Land, und Chapras frass sich wochenlang an Robben und Pinguinen satt, ehe er zurück ins Lager fand. Endlich Frühling Die Mannschaft konnte es kaum erwarten, bis der Frühling endlich anbrach. Schon Ende Juli unternahm das Team mehrere Schlittenfahrten in die nahe und weite Umgebung, sammelte Gesteins- und Pflanzenproben, vermass die Umgebung, erfasste Daten und beobachtete ausführlich die Tierwelt. Mit grossem Erstaunen stellten die Männer fest, dass im Wasser und auf dem Meeresgrund eine Vielfalt von Leben existierte. Bisher galt die Lehrmeinung, dass bei so kalten Temperaturen im Meer kein dauerhaftes Leben möglich sei. Borchgrevink und seine Männer aber fanden Polypen, Quallen, Seesterne – und Fische, die man sogar essen konnte. Was für eine unerwartete und erfreuliche Abwechslung, «ein Umstand, der uns nach dem immerwährenden Genuss von Konserven in hohem Grade entzückte». Auch Pinguine schmeckten lecker, wenn man ihr Fleisch in Essig einlegte und vor dem Verzehr das Fett auskochte. Pinguineier mundeten «vortrefflich», sie waren «wie die Vögel selbst, sehr ‹fettig› und schmeckten nach Speck». Nur der norwegische Präparator Nicolai Hanson kam nicht richtig in die Gänge. «Er Oben: Das Leben in der engen Hütte war oft monoton und langweilig. Unten links: Die beiden Samen Ole Must und Per Savio waren Hundeführer. Unten rechts: Die Daten der Wetterstation mussten bei jedem Wetter abgelesen werden. hatte das ganze Jahr gekränkelt», stellte Borchgrevink fest. Am 15. Oktober starb Hanson an einem Darmverschluss. Man vermutet heute, dass er an Mangelernährung litt, vielleicht Skorbut, vielleicht an der Vitamin-B1-Mangelkrankheit Beriberi. Er wurde auf seinen eigenen Wunsch bei einem Wanderstein 1000 Fuss über dem Meeresspiegel beigesetzt. Heimkehr mit Umweg Am 28. Januar 1900 erschien die «Southern Cross» wie vorgesehen am Horizont. Es war Nacht, die Männer schliefen in ihrer Hütte. Der Schiffskapitän Bernard Jensen gönnte sich den Scherz, lautlos an Land zu rudern, in die Hütte zu schleichen, heftig auf den Tisch zu klopfen und lauthals «Post» zu rufen. Die erste Antarktis-Überwinterung in «Ein selbstsüchtiger Kerl mit einem kolossalen Ego.» der Geschichte der Menschheit war überstanden. Das Abenteuer selbst war aber noch nicht zu Ende. Die Männer hinterliessen einen grossen Haufen Unrat am Kap Adare und brachen nur vier Tage später mit dem Schiff wie geplant Richtung Süden auf. Entlang der grossen Eisbarriere sammelten sie weitere Proben, entdeckten Inseln und erkundeten das Rossmeer. Borchgrevink segelte bis zu einer südlichen Breite von 78 Grad 50 Minuten und übertraf den 59 Jahre zuvor aufgestellten Rekord von James Clark Ross um 72,5 Kilometer. Am 18. Februar 1900 trat die Mannschaft mit der «Southern Cross» die Heimreise an, am 1. April landete das Schiff in Neuseeland. Fazit und Erkenntnisse der British Antarctic Expedition: Eine Überwinterung in der Antarktis ist möglich – auch für Grönlandhunde – es gibt organisches Leben auf dem kalten Meeresgrund – auf dem Festland existieren sogar Insekten – neuer Süd-Rekord – die Vielfalt an pflanzlichem Leben ist grösser als angenommen – der magnetische Südpol ist lokalisiert, wenn auch nicht abschliessend definiert – mehrere Inseln entdeckt und erstmals betreten – die Antarktis ist sehr sehr kalt und windig – das nächste Mal mehr Tabak mitnehmen. Zehn Jahre später wird Roald Amundsen die flache Stelle, die Carsten Borchgrevink in der Eis- barriere entdeckte, für seine Anlandung nutzen und in der Nähe ein Basislager zur Eroberung des Südpols einrichten. Wenig Ehre Carsten Borchgrevinks glorreiches Experiment fand allerdings in Europa nicht die gebührende Beachtung. Die Royal Geographical Society war immer noch schwerstens beleidigt, dass ein einfacher Matrose ihr den Rang abgelaufen hatte, und diffamierte ihn als überheblich und seinen Bericht als reisserisch. Borchgrevinks Vortragsreise durch Schottland und England fand daher kaum Beachtung. Auch sein Buch «First on the Antartic Continent», erschienen im Verlag von George Newnes, wurde nicht zum Bestseller – obwohl Polarberichte bis anhin immer verlässliche Verkaufsschlager waren. Louis Bernacchi Louis Bernacchi, der Mann, dem fast die Hand amputiert werden musste, warf Borchgrevink in seinen Memoiren fehlende Führungsqualität und fehlendes wissenschaftliches Know-how vor. Er bezeichnete Borchgrevink wörtlich als «selbstsüchtigen Kerl mit einem kolossalen Ego», «taube Nuss» und «Feigling». Einzig Roald Amundsen lobte seinen Landsmann in den verdienten höchsten Tönen. Erst 1930 überreichte die Royal Geographical Society dem Pionier die goldene Patronatsmedaille, ihre höchste Auszeichnung, und fand blumige Worte für eine Entschuldigung. Vier Jahre später starb Carsten Borchgrevink in Oslo. Er war nie mehr in die Antarktis zurückgekehrt, obwohl er mehrmals weitere Expeditionen angekündigt hatte. Die Überwinterungsmannschaft ging als «The Ten» in die Geschichte ein. Louis Bernacchi und William Colbeck schlossen sich 1901 der Expedition von Robert Falcon Scott an. Die beiden Hundeführer Ole Must und Per Savio starben unabhängig voneinander bei einem Unfall zu Hause in Lappland beim Fischen. Hugh Blackwell Evans, der manche langen Tage in der Hütte mit seinem Talent fürs Geschichtenerzählen gerettet hatte, starb als letzter der Zehn am 8. Februar 1975 in den USA. Er wurde 101 Jahre alt. Nicolai Hanson gebührt die Ehre, der erste Mensch zu sein, der in der Antarktis beerdigt wurde. PolarNEWS 59

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