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PolarNEWS Magazin - 22 - D

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Was keiner von der Crew

Was keiner von der Crew wissen konnte: Die Gegend um die Robertsonbucht ist eine der windigsten und sturmgeplagtesten Gebiete der Antarktis überhaupt. Ein Umstand, der den Männern einige beinahe tödliche Abenteuer und vor allem viele langweilige Tage in der Hütte bescheren sollte. Schnell waren aus dem mitgebrachten Baumaterial zwei Hütten von 5 mal 5 Metern Grundfläche und 2,5 Metern Höhe gezimmert. Die eine Hütte war das Wohnhaus für die ganze Mannschaft, in der anderen sollten die geplanten Sammlungen von Steinen, Pflanzen und Tieren untergebracht werden. In einem separaten Zelt 200 Meter entfernt wurden eine permanente meteorologische Messstation und ein magnetisches Observatorium installiert. Obwohl nur ein einziges Fenster spärlich Licht spendete und die Luft im Raum schnell stickig wurde, «so waren wir im grossen und ganzen doch recht gemütlich eingerichtet», rapportierte Borchgrevink. Die übereinander an den Wänden angebrachten Schlaf- «Es war, als sässen wir da und sähen uns selbst alt werden.» Carsten Borchgrevink jedoch dieses Eis auf, die Männer waren gefangen zwischen Eiswänden und dem Meer mit seinen meterhohen Sturmwellen. Erst nach Tagen am Rande des Erfrierungstods gelang es den Männern, über die Eiswände zu entkommen, indem sie Tritt um Tritt in die Eiswand hackten und den glitschigen Aufstieg schafften. Die Schlittenhunde mussten sie unten am Strand ihrem Schicksal überlassen. Der südliche Winter kam sehr schnell, am 15. Mai erschien die Sonne zum letzten Mal am Horizont, und die dunklen Monate zogen sich träge und zermürbend dahin bei Temperaturen von minus 35 bis minus 50 Grad. Sturm um Sturm fegte über die meterhoch zugeschneite Hütte, in der die Männer ausharren mussten. Um rauszukommen, mussten sich die Männer freischaufeln. «Bei solchem Wetter erschien uns das Leben in unserem kleinen Raum fast unerträglich», schrieb Borchgrevink. «Wir hatten weder Luft noch Bewegung noch Licht. Es war, als sässen wir da und sähen uns selbst alt werden. ... Das Dunkel und die Eintönigkeit bedrückten unseren Sinn. Die Stille donnerte bisweilen in unseren Ohren, jede Unterbrechung in der fürchterlichen Einsamkeit und Öde war eine Erleichterung.» Die einzigen «Unterbrechungen» bestanden aus einem gelegentlichen Glas Grog oder zwei und einer Musikdose, wobei sich die Männer gerne darum stritten, welches Lied als nächstes gespielt werden sollte. dem Wege nach Melbourne ausarbeitete, bestand darin, dass ich eine grössere wissenschaftliche Expedition bilden wollte, die auf dem grossen unbekannten Südpolarlande landen und dort überwintern sollte. Im nächsten Jahr sollte dann die Expedition so weit als möglich nach Süden vordringen, um das Land und Meer zu untersuchen», schrieb Borchgrevink später in seinem Buch. Doch die Finanzierung seines Vorhabens wurde schwieriger als erwartet: Die englische Royal Geographical Society, damals die massgebende Instanz in Sachen Polarexpeditionen, war gerade selber mit der Organisation der geplanten Discovery-Expedition von Robert Falcon Scott beschäftigt. Schlimmer noch: Borchgrevink verfügte weder über Offizierswürde noch über Rang und Namen in der Gesellschaft. Die edlen Herren von der Society nahmen den Lehrer und einfachen Seemann aus Australien schlicht nicht ernst. Schliesslich erklärte sich der englische Verleger Sir George Newnes bereit, Borchgrevinks Vorhaben vollständig zu finanzieren – unter den Bedingungen, dass erstens das Unternehmen unter englischer Flagge durchgeführt wurde und zweitens den Namen British Antarctic Expedition tragen sollte. Kein Problem für Borchgrevink – allerdings eines für die Royal Geographical Society, wie sich später zeigen sollte. Newnes sponserte übrigens 40’000 englische Pfund, was auf den heutigen Kurs umgerechnet rund 4,5 Millionen Euro entspricht. Bescheidene Hütte Am 22. August 1898 stach die «Southern Cross» in London endlich in See, fuhr nach Tasmanien und von dort direkt in die Robertsonbucht, wo sie am Abend des 17. Februar 1899 vor dem Kap Adare vor Anker ging. Was Borchgrevink und seine neun Männer erwartete, machten Wind und Wetter schon sechs Tage später klar, als während des Löschens der Ladung ein heftiger Sturm die Ankerkette zerriss und das Schiff beinahe an den Klippen zerschellen liess. Ein wahrlich spektakulärer Auftakt für eine Überwinterung, die noch nicht mal richtig begonnen hatte. kojen allerdings waren «in Bezug auf Gemütlichkeit und Ausstattung etwa wie in einem – modernen Sarg». Der Arzt ordnete an, vor jede Koje einen Vorhang zu ziehen, damit wenigstens ein kleines bisschen Privatsphäre möglich sei. In der Hütte war es zugig und kalt. Der kleine Feuerherd auf Rädern konnte nur halbwegs Abhilfe schaffen: «Wenn wir richtig feuerten, so wurde es in der Hütte bis zur Höhe unserer Schultern warm, unten am Fussboden aber blieb es kalt.» Neben der Kohle verfeuerten die Männer auch den Speck der Robben, die sie jagten. Gefährliche Stürme Schon nach zwei Wochen begab sich Borchgrevink mit zwei Männern auf eine erste Erkundungstour – und geriet prompt in einen Sturm, der so heftig war, dass der Wind den Schnee durch die engen Maschen des Seidenzelts presste. Eine weitere Expedition Ende April endete für Borchgrevink und die diesmal drei mitgeführten Männer beinahe tödlich: Sie hatten ihr Nachtlager auf einem kleinen Stück Strand aufgeschlagen, den sie über dünnes Eis erreichten. Ein Sturm brach Zwischenfälle Es gab auch unliebsame Überraschungen: Immer wieder blies der starke Sturmwind Hunde ins offene Meer, wo sie ertranken. Einmal wurde der englische Zoologe Hugh Blackwell Evans vom Sturmwind weggeweht, als er nach draussen ging, um im Instrumentenzelt die meteorologischen Daten abzulesen. Drei Stunden lang krochen die übrigen Männer in Zweierteams auf allen Vieren durch den Sturm, bis der fast erfrorene Evans wieder gefunden war. Ein andermal kam der australische Physiker und Astronom Louis Bernacchi von derselben Tour zum Observatorium mit einer eingefrorenen Hand zurück. Der Arzt Herluf Klövstad wollte Bernacchis Hand amputieren, dieser wehrte sich dagegen, und schliesslich konnte die Hand doch noch gerettet werden. Oben: Schon beim Entladen der «Southern Cross» geriet die Mannschaft in einen heftigen Sturm. Unten: Die Überwinterungs- und Teile der Schiffs- Crew posieren für ein Erinnerungsfoto. 56 PolarNEWS

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