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PolarNEWS Magazin - 22 - D

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In der Nacht höre ich,

In der Nacht höre ich, dass sich jemand auf der anderen Seite des inzwischen kalt gewordenen Ofens aufhält. Nadia, Atyom und Vasili aber liegen mucksmäuschenstill neben mir. Wer war das? Ein paar Wochen darf ich den Alltag von Atyoms und Vasilis Familien teilen und sie auf ihren nomadischen Reisen begleiten. Der Familienverband gehört zur ethnischen Gruppe der Nenzen, was in ihrer Sprache «Menschen» heisst. Nenzen bevölkern vor allem die Halbinsel Jamal im Norden Sibiriens und sind Teil der Russischen Föderation. Von den rund 40’000 Nenzen ziehen noch immer knapp 30’000 als Rentiernomaden mit ihren Tieren durch die sibirische Tundra, wie seit Hunderten von Jahren. Auf ihren Wanderungen mit den Rentierschlitten legen sie im Jahr bis zu 1600 Kilometer zurück. Unter den indigenen Völkern im Norden Russlands gehören die Nenzen zu denjenigen, die am standhaftesten ihrer althergebrachten Kultur, ihrer atavistischen Religion und ihrer nomadisierenden Lebensweise treu geblieben sind. Drei Viertel aller Nenzen sprechen noch immer ihre eigene Sprache. Wie lange das so bleibt, ist ungewiss: Die Nenzen leben in einem Gebiet, in dem Russlands Regierung riesige Erdölvorkommen gefunden hat. Ab dem 7. Lebensjahr können die Kinder die Schule in Yar Sale, einem Dorf im Südwesten der Halbinsel Jamal, besuchen. Viele kehren dann nicht mehr zu ihren Familien in der Tundra zurück, weil ihnen das Leben in Häusern mehr zusagt. Andere Kinder sind so sehr mit der Tundra verwurzelt, dass sie sich von Zeit zu Zeit im örtlichen Museum in den nachgebauten Tschum setzen, um wieder ein Gefühl von Zuhause zu haben. Geister und Götter Bis zum Morgen hat der Schlafplatz einiges an Gemütlichkeit eingebüsst. Es ist wieder Nadia, die als Erste aktiv wird. Brennt das Feuer und kocht das Wasser, bindet sie den Vorhang hoch. Sie wirft den noch schlafenden Familienmitgliedern ihre getrockneten Fellstiefel zu. Sie sind zwischen dem Innenund Aussenschuh mit frischem Gras gestopft. Bald herrscht ein Kommen und Gehen – es sind dies die Minuten der allgemeinen Erleichterung. Da sich die geweihbewehrten Rentiere um die salzhaltigen Urinausscheidungen streiten, müssen vor allem die Männer auf der Hut sein, sollte noch alles an ihnen sein, wenn sie ins Zelt zurückkehren. «Habt ihr den Parmä gehört letzte Nacht?», wird beim Morgentee in die Runde gefragt. War das dieser Jemand, der sich in der Nacht hinter dem Ofen versteckte? Der Parmä ist ein Geist, der böse oder gut sein kann. Seinetwegen tragen alle Nenzen immer ein Streichholz mit sich, davor hat der Geist Angst. Heute ist kein Reisetag. Zeit für Gespräche und Erholung. Die Nenzen erzählen sich gerne Geschichten von solchen Geistern, vor allem abends im warmen Zelt. Zum Beispiel diejenige von einem Schamanen, der für einige Tage verschwand, ohne Spuren im Schnee zu hinterlassen. Oder die Geschichte eines anderen Schamanen, der Bäume zu Fall bringen konnte, ohne sie zu berühren. Heute ist kein Reisetag. Zeit für kleine Arbeiten, Gespräche und Erholung. Ein Rentier wird getötet. Es ist für den Eigenbedarf gedacht, weshalb es nach genauen Ritualen erdrosselt wird, damit das Fell keinen Schaden nimmt. Liegt das Tier einmal tot im Schnee, werden die Messer gezückt. Als Erstes überträgt Vasili die Kraft und die Erfahrung des getöteten Tieres auf ein jüngeres Ren, das während des Rituals am heiligen Schlitten festgebunden ist. Er streicht ihm einen Tropfen Blut ins Fell. Das junge Ren soll dereinst die Herde leiten. Vom frisch getöteten Tier wird eifrig gegessen. Mit Tassen schöpfen Männer und Frauen Blut und trinken es. Es herrscht eine fröhliche Stimmung, auch unter den Kindern. Man bittet mich, keine Fotos zu schiessen, auf denen Gesichter zu erkennen sind: Die Baptisten, die in der Region missionieren, wollen den Nenzen dieses Ritual aus religiösen Gründen verbieten. Kälte und kurze Tage «Wir sind immer etwas durstig und schläfrig nach einer solchen Mahlzeit, aber unsere Götter, die wollen das so», meint Vasili mit blutverschmiertem Gesicht und bluttriefenden Händen. Wie ernst er das wohl meint? Am Abend kommt die sechsjährige Galina in den Genuss des ganzen Gehirns. Sie schlürft das rohe Organ, als wäre es eine feine Vanillecreme, genüsslich und laut hörbar. Das rohe Fleisch und die rohen Fische aus den hunderten kleinen Seen ihrer Region beliefern die Nenzen mit den nötigen Vitaminen. Und die haben sie dringend nötig, weil ihnen Früchte und Gemüse in den Winter- und Frühlingsmonaten kaum zugänglich sind. Denn während dieser Zeit dauert der Tag offiziell nur etwa 2 Stunden. Das bedeutet, dass in diesen Breitengraden über dem Polarkreis die Sonne nur sehr kurz über den Horizont blinzelt. Die Nomaden nennen die sonnenärmste Zeit im Dezember die grosse Dunkelheit. Es fahren Schlitten über den Himmel, sagen sie, wenn sich die fantastischen Polarlichter von Horizont zu Horizont spannen. Bei einer Gelegenheit, als ich mit Nadia alleine im Tschum bin, greift Nadia links neben dem Zelteingang unter einen Berg von Rentierfellen. Sie zieht behutsam eine etwa halbmetergrosse Stoffpuppe ans Licht, sie ist überall mit Bändern umwickelt. «Das ist eine Miabuhutscha», sagt sie und reicht sie mir. Diese «alte Frau des Tschum» besteht aus vielen Schichten alter Babykleider. «Manchmal ist sie ganz leicht, wenn ich sie ins Zelt trage», erzählt Nadia, «und manchmal ganz schwer.» Die Miabuhutscha ist seit weit über hundert Jahren im Besitz der Familie und eine Art Talisman für den Nachwuchs. «Haben die Kinder irgendwo Schmerzen, nehmen wir ein Band von dem entsprechenden Körperteil der Puppe und wickeln es an derselben 48 PolarNEWS

Alle paar Tage zieht der ganze Tross mit allem Hab und Gut zur nächsten Lagerstätte. Stelle um das Kind – das hilft», ist Nadia felsenfest überzeugt. «Ist man nicht gut zu Miabuhutscha, kann sie Unwohlsein oder Schmerzen verursachen.» Fotografieren darf ich sie nicht, «es könnte ihr die Kraft wegnehmen». Behutsam versteckt Nadia die Kostbarkeit wieder unter den schützenden Fellen. Das Leben in der Tundra ist hart. Die Temperatur sinkt in der kältesten Jahreszeit auf 51 Grad unter dem Gefrierpunkt. Dazu kommt der nimmer ruhende Wind, eine wahre Herausforderung für ein nomadisierendes Volk. Auch mein Fotodisplay funktioniert nicht mehr, der Kugelschreiber versagt, und das «Schutzglas» meiner Skibrille zerbröselt wie ein trockener Kuchen. Letztes Jahr war der Winter besonders prekär: Nach einem Wärmeeinbruch gefror der angetaute Schnee derart hart, dass die Rentiere nur mit grösster Mühe ihr Futter freischarren konnten. 1500 Tiere verhungerten. Das war die Hälfte der Herde des Familienverbands. So ziehen denn die beiden Familien alle paar Tage weiter – südwärts zum Nordwesten Sibiriens, wo besseres Futter für die Tiere vorhanden ist. Zudem haben die Nenzen das Pech, über Bodenschätzen zu leben. Schon in der Vergangenheit wurden Erde, Flüsse und Seen in der Tundra auf übelste Weise vergiftet, um an Bodenschätze zu gelangen. Da Russland zu zwei Dritteln vom Export von solchen Rohstoffen abhängig ist, ist es kein Wunder, dass es diese ohne grosse Rücksicht auf Verluste ausbeutet. Bedrohte Kultur Das halbstaatliche Erdgasförderunternehmen Gazprom hat sich inzwischen auf Jamal fest installiert. Im Hinblick auf den zukünftigen Schiffsverkehr im Nordpolarmeer baut die Gazprom am Ostufer der Halbinsel zurzeit eine gewaltige Hafenanlage. Die Zuwanderung von Arbeitern macht die Nenzen in den Tundra-Dörfern zur Minderheit. Die russische Regierung versucht, die noch freien Nomaden in sogenannte Rentierzüchter-Brigaden einzubinden, um weiteren «Nenzen- Aufständen» vorzubeugen. Schon in vergangenen Zeiten mussten die Nomaden Zwangs-Christianisierung, Zwangsumsiedlungen und schamlose Ausbeutung durch skrupellose Pelzhändler über sich ergehen lassen. Jetzt machen sich die Gazprom und ihre Arbeitskräfte breit. Es grenzt an ein Wunder, dass sich die seit vielen Jahrhunderten traditionelle Lebensweise der Rentiernomaden wenigstens hier im Westen Sibiriens fast unverändert erhalten konnte. Raketen und Klimawandel Eines Morgens durchbricht ein langgezogenes Donnern die Stille der Tundra. Nadia erscheint im Zelt, zeigt mit der Hand in Richtung Westen und erzählt von einem langgezogenen Feuer, das in den Himmel aufgestiegen sei. «Wieder so eine Rakete!», Die Wanderungen sind auf die Jahreszeiten abgestimmt. schimpft Vasili. Inzwischen wird das Nomadenvolk auch aus dem Himmel bedroht: Unzählige Raketentrümmer von abgeworfenen Antriebsstufen oder Fehlstarts von den nahegelegenen Weltraumbahnhöfen Russlands liegen verstreut über der ganzen 120’000 Quadratkilometer grossen Halbinsel. Es hat sich inzwischen so viel Raketenschrott angesammelt, dass ein Bruder Atyoms aus diesen Trümmern Edelmetalle gewinnen und verkaufen wollte. Der Staat aber hat dies strengstens verboten, da diese sehr oft mit hochgiftigen Substanzen verunreinigt seien. Wegräumen aber tut er sie nicht. Zusätzlich zu diesen Bedrohungen werden die Rentier-Nomaden in ihrer Bewegungsfreiheit immer mehr eingeschränkt: Die Wanderungen der Rentierzüchter sind genau auf die Jahreszeiten abgestimmt. Der Zug in Richtung Norden ist so angelegt, dass die Herde grössere Flüsse überqueren kann, solange diese noch gefroren sind. Unterwegs sind Schlitten deponiert mit den Sommerkleidern und Geräten für den Fischfang. Der Klimawandel hat zur Folge, dass diese «Fahrpläne» immer mehr durcheinander geraten. Pessimisten befürchten den Untergang des letzten noch erhaltenen traditionellen Nomadentums in der Tundra bereits in den nächsten paar Jahren. Wir ziehen weiter Der Vorhang wird hochgebunden. Das Feuer wärmt den Tschum, die Zeiger meiner Uhr stehen auf 4 Uhr – Reisetag! Nach dem ersten Gang rohen, gefrorenen Fleisches, das in einer Schüssel im Schnee neben dem Schlaflager aufbewahrt wurde, klopft Atyom den Treibschnee vom Zelt. Nadia verpackt die Schlaffelle auf die Schlitten. Vlad, der Bruder von Atyom, sucht mit dem Motorschlitten die Rentierherde und treibt sie zum Lager. Schon rollt die äussere Zeltplane zu Boden, dann die erste und schliesslich die zweite Fell-Plane. Sauber gefaltet werden sie auf Schlitten gebunden. Die vierzig etwa 6 Meter langen Zeltstangen werden auf zwei Schlitten verteilt, ebenso die zehn Bretter und die vier Steckenroste, die zusammen den Boden bildeten. Der Ofen und der Tisch werden darauf festgezurrt. Der kleine Nyadwa sitzt schon lange auf seinem Schlitten fest fixiert. Inzwischen sind die 1500 Rentiere eingetroffen. Die Männer leiten die Tiere zum Korral, einem aus Schlitten und Netzen gebildeten Gehege. Mit viel Geschrei, Armfuchteln, Lassoschwingen und Hundegebell treiben sie etwa 300 Tiere ins Innere des Korrals. Aus diesen wiederum suchen sie rund hundert heraus und spannen sie als Zugtiere vor die Schlitten. Nach einem letzten Tee und einigen Fetzen Fleisch setzt sich der Tross mit 40 Schlitten und der Rentierherde in Bewegung. Die Reihenfolge ist genau bestimmt. Mit einer 4 bis 6 Meter langen Stange, Zurufen und einer Zugleine wird das zuvorderst links ziehende Tier des Vierer- oder Sechsergespanns gelenkt. PolarNEWS 49

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