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PolarNEWS Magazin - 22 - D

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Vorhergehende Seiten: Frühaufsteherin Nadia bindet Zugtiere vor die Schlitten. Grosses Bild: Äste zu Brennholz hacken ist eine von Nadias Aufgaben. Oben: Nadias Nachname Serotetto bedeutet «Meisterin des weissen Rentieres». Rechts: Nadia kämmt Galinas Haar. Leben im Zelt bedeutet sehr viel Nähe. Ganz rechts: Die Rentiere sind halbwild, Atyom fängt sie mit dem Lasso. 46 PolarNEWS

Nenzen leben auf der russischen Halbinsel Jamal. Text und Bilder: Theo Kübler Atyom und Vasili hocken gemütlich plaudernd auf einem Schlitten. Nach und nach wagt sich ein Rentier in kleinen Schritten an die beiden Männer, die das Tier schliesslich kraulen und ihm sanft über den Rücken streichen. Die beiden Männer haben die Zugtiere soeben von den Schlitten losgebunden, hier wird der Familienverband für die nächsten paar Tage sein Lager aufschlagen. Das Zelt ist bereits aufgestellt und mit Schnee eingeschaufelt. Auch das nötige Brennholz ist schon herbeigeschafft. Nadia, die kleine, zierlich gebaute Frau mit blauen Augen, dunklem Haar und ausgeprägtem asiatischem Aussehen, stapft im Laufschritt durch den tiefen Schnee zwischen dem Zelt und den Schlitten hin und her. Sie ist damit beschäftigt, Felle, Lampen und Pfannen möglichst rasch von den Schlitten in den Tschum zu tragen. Der Tschum ist ein Kegelzelt, wie es schon die Ureinwohner nach Nordamerika brachten, wo es bei den nomadisierenden Indianern zum bekannten Tipi mutierte. Bald steigt Rauch aus dem Kamin. Nadia holt den zweijährigen Nyadwa vom Schlitten, wo er seit nun bald 11 Stunden verpackt in getrocknetem Moos und Rentierfellen ausharren musste. Alle suchen die behagliche Wärme auf, denn draussen weht der Wind bei 37 Grad unter dem Gefrierpunkt. Bald sitzen und knien beide Familien beim Schein der Petrollampen in ihren Tschums auf den Fellen um den kurzbeinigen Tisch, schneiden rohes Fleisch von Knochen und schlürfen heissen, gesüssten Tschai. Bis zum Lampenlöschen bleiben noch zwei Stunden Zeit, um Schlitten und Geräte zu reparieren oder Kleider zu flicken. Als Nähfaden nutzt Nadia 40 Zentimeter lange Fasern aus getrockneten Nackenbändern des Rens, die dem Tier helfen, den Kopf mit dem schweren Geweih oben zu halten. Nochmals rückt die Frau den Tisch vor die Felle. Sie nimmt die Pfanne mit der dampfenden Rentiersuppe vom Feuer. Ein gemütlicher Augenblick zum Entspannen. Doch nach diesem knochenharten Tag kämpft Nadia, die Mutter von drei Kindern, bald mit dem Schlaf. Lebensweise bewahrt Endlich legen sich ihr Mann Atyom (31) und ihr Schwiegervater Vasili (60) aufs Fell. Sie ziehen den bleischweren Fellmantel, der sie den Tag über vor der beissenden Kälte geschützt hatte, über sich. Nun versenkt Nadia noch die 4-jährige Daria in den Fellen. Galina (6) schläft schon. Bleibt nur noch, das Tuch, das innerhalb des Tschum an der Wand angebracht ist, herunter zu lassen und selbst in das Zelt im Zelt zu kriechen. Dort schauen nur noch die Füsse hervor, auf denen sich gerne einige der fünf Hunde, die auch im Tschum wohnen, niederlassen, um es etwas wärmer zu haben. Schon bald kehrt Ruhe ein, nur im Ofen knistern die letzten Reste des Feuers. So auch im Nachbarzelt, im Zelt des Bruders von Atyom. Das wird bis zum Morgen so bleiben, denn es ist völlig tabu, nachts aufzustehen und ins Freie zu gehen. Zu kalt, zu viel Unruhe. Für die Kinder steht eine Pinkelschüssel bereit, Erwachsene haben durchzuhalten... PolarNEWS 47

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