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PolarNEWS Magazin - 22 - D

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Drei Jahre später hatte

Drei Jahre später hatte der kurze arktische Herbst von 1884 in Julianehåb (heute: Qaqortoq) im Südwesten Grönlands gerade begonnen, als ein paar Inuit am Meeresufer auf Gegenstände stiessen, die sie pflichtgetreu dem dänischen Gouverneur übergaben: eine Lebensmittelliste mit der Unterschrift des «Jeannette»-Kapitäns George DeLong in einer Proviantkiste – und eine Ölhose mit dem eingenähten Namen des Matrosen Louis P. Noros. Die Kunde vom seltsamen Fund an Grönlands Küste verbreitete sich schnell. Wie war es möglich gewesen, dass Dinge, die eindeutig von der «Jeannette» stammten, 4600 Kilometer Luftlinie vom Unglücksort entfernt aufgefunden werden? Das ist Schwindel, Betrug, das meinten die einen. Für andere war es jedoch ein weiterer eindeutiger Beweis für die Eisdrift im Packeis des Nordpolarmeeres. Und für die Existenz der Transpolardrift, einer Meeresströmung, die in der Region der ostsibirischen Küsten in der russischen Arktis entsteht und via Nordpol auf die Nordküste Grönlands zuhält. Der langen Geschichte kurzer Sinn: Die Treibholzstämme in Franz-Joseph-Land, Spitzbergen, Jan Mayen, Island und Grönland stammen aus der Taiga Sibiriens. Sie gelangen über die riesigen Flüsse im Norden Eurasiens ins Nordpolarmeer und werden von den Meeresströmungen erfasst und fortgetragen. Treibholz als Geheimnisträger Die heutige Forschung gibt sich allerdings mit einem derart oberflächlichen Resultat nicht zufrieden. Man will mehr wissen und hat auch die Möglichkeiten dazu. Zumal Treibholz ein wertvolles Umweltarchiv darstellt, aus dem Daten über die Klimageschichte, über Strömungs- und Eisverhältnisse längst vergangener Jahrtausende herausgelesen werden können. Die moderne Wissenschaft verwendet Treibholz-Daten für die unterschiedlichsten Analysen. So kann man heute bereits: • die Baumart bestimmen, • das Alter der Stämme erkennen, • auf damalige Klimabedingungen in der borealen Zone schliessen, • die Abfluss- und Transportmengen grosser Flüsse herausfinden, • die Eisverhältnisse der letzten Jahrhunderte im Nordmeer ergründen, • die Veränderungen von Meeresströmungen belegen, • das Vorrücken und Zurückweichen von Gletschern entschlüsseln, • die Landhebung nach den Eiszeiten ermitteln. Für die Fachgebiete Soziologie, Geschichte und Archäologie liefert Treibholz zudem wichtige Hinweise bezüglich der geschichtlichen und heutigen Verwendung von Holz. So lassen sich beispielsweise die Aktivitäten der Holzflösserei eruieren, oder man erhält einen Einblick in das Leben der Ur-Eskimos vor Jahrtausenden. Neuste Daten Bei der Treibholzforschung in der Arktis gibt ein Team aus der Schweiz den Takt vor: die Forschungsgruppe Dendroökologie an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL im zürcherischen Birmensdorf. Dort ist man gerade daran, den weltweit umfassendsten Datensatz von arktischen Treibholzproben aufzubauen. Dieses einmalige Datenarchiv wird auch die Artbestimmung dank holzanatomischer Merkmale beinhalten sowie eine aufs Jahr genaue Altersdatierung der gesammelten Holzproben. Mit Proben, die es zu untersuchen gilt, sind die Holzforscher der WSL gut eingedeckt. Kürzlich kamen sie mit 1440 Holzproben von Treibholzstämmen nach Birmensdorf zurück. Sie stammen von einer grossangelegten Untersuchung – dem bisher grössten Forschungsprojekt dieser Art. Die Hölzer wurden an der grönländischen Ostküste und auf Spitzbergen eingesammelt. Dank der Methoden der Holzanatomie (Xylotomie), bei welchen die mikroskopische Gewebeverteilung sowie die Feinstrukturen der Zellen angeschaut werden, bestimmten die Forscher fünf Nadelholzarten unter ihrem Probenmaterial: Waldkiefer (Pinus sylvestris), Sibirische Zirbelkiefer (Pinus sibirica), Fichten-, Lärchen- und Tannenarten sowie drei Laubhölzer: Pappeln, Weiden und Birken. Nur bei den Kiefern (Föhren) ist eine genaue Artbestimmung möglich; sie stammen zu 90 Prozent aus dem west- und mittelsibirischen Einzugsgebiet des gewaltigen Stromes Jenissei. Den Hauptanteil der untersuchten Holzproben machten mit 40 Prozent die beiden Baumarten Wald- und Zirbelkiefer aus. 26 Prozent waren Lärchenarten und 18 Prozent Fichten, entweder aus Sibirien oder aus Nordamerika. Holzfunde von Laubbäumen hingegen waren extrem selten. Reise im Packeis Bis eine Föhre aus der Taiga Sibiriens als Treibholz an einer arktischen Küste endet, ist es ein weiter Weg. Am Anfang steht einer der sechs grossen Flüsse und deren Einzugsgebiete, die in den Arktischen Ozean entwässern: Ob, Jenissei, Lena und Kolyma in Sibirien sowie Yukon und Mackenzie in Nordamerika. Diese Ströme tragen rund einen Zehntel der Abflussmenge sämtlicher Flüsse weltweit in den Arktischen Ozean. Allein die Meeresgebiete vor der Küste Sibiriens (Ostsibirische See, Laptev-, Kara- und Barentssee) erhalten zusammen fast 2700 Kubikkilometer Süsswasser pro Jahr; dies entspricht dem Wasservolumen von 56 Bodenseen! Nur schon der Jenissei als grösster Zufluss steuert jährlich 620 Kubikkilometer Süsswasser bei. Solche unvorstellbaren Wassermassen reissen entlang der Flussläufe Bäume mit, welche durch Stürme, Ufererosion oder wegen des auftauenden Permafrostbodens in die Fluten geraten. Das meiste Holz wird durch die grossen Fluten im Frühling mitgerissen – verursacht durch das oft explosionsartige Aufbrechen des Flusseises in den sibirischen Strömen zwischen Mitte April und Mitte Juni. In diesen wenigen Monaten 40 PolarNEWS

transportieren die sibirischen Flüsse etwa 60 Prozent ihrer jährlichen Abflussmenge. Auf diese Weise gelangen natürliche, von Menschen unbearbeitete Baumstämme in den Arktischen Ozean. Dort frieren sie im Winter im Packeis fest und werden von der Drift davontransportiert. Und die gefällten Stämme, deren Schnittflächen eine Bearbeitung durch den Menschen klar erkennen lassen? Dieser Typ von Treibholz hat seinen Ursprung in der Holzwirtschaft, welche vor allem am Jenissei seit etwa 1840 intensiv betrieben wird. Die Hälfte der gefällten Bäume im Einzugsgebiet des Jenissei sind Kiefern, vor allem am wichtigsten Nebenfluss, der Angara. Um den Transport zu erleichtern, wurden die Baumstämme an den Fluss gebracht und zu riesigen Flössen zusammengebunden. Besonders ab dem Ende der 1920er-Jahre nahm die Holzflösserei auf dem Jenissei stark zu. Die Flosszüge, so heissen die zu Ketten verbundenen Gruppen von Flössen, waren immens; bis zu 40’000 Kubikmeter Holz pro Floss waren üblich. Dies entspricht der gesamten jährlichen Holzernte der Kantone Genf und Uri zusammen. Immer wieder gingen dabei ganze Flösse verloren. In den ersten Jahrzehnten der Flösserei betrug der Verlust an geflösstem Holz bis zu 50 Prozent. Die Baumstämme rissen sich los und trieben unkontrolliert auf dem riesigen Strom davon – nordwärts in den Arktischen Ozean. Die Treibholzflösserei kam in Sibirien nach dem Jahr 2000 praktisch ganz zum Erliegen. Aber noch heute sind über drei Fünftel aller Treibholzstämme, die vom Jenissei stammen, zwischen 1920 und 1975 durch die Holzwirtschaft gefällt worden und beim Flössen verlorengegangen. In Nordamerika hingegen, auf den Flüssen Yukon in Alaska Lena Hellmann, Forscherin der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, nimmt eine Probe von jahrtausendealtem Treibholz auf Spitzbergen. PolarNEWS 41

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