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PolarNEWS Magazin - 22 - D

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Wissenschaft Mit besten

Wissenschaft Mit besten Grüss In der Arktis wachsen keine grossen Bäume. Holz gibts dort trotzdem. Es kommt von weit her. Wertvolles Strandgut im Prinz-Karl-Vorland auf Spitzbergen. Text: Peter Balwin Bilder: Stefan Gerber, WSL, Peter Balwin Wer gerne Kreuzworträtsel löst, kennt die Frage «Baumlose Kältesteppe, 6 Buchstaben» und ist um die Antwort nicht verlegen: T-u-n-d-r-a. Des Rätsels Lösung ist allerdings nicht hundertprozentig korrekt. Sogar in den Tundren der Hocharktis wachsen Bäume, wenn auch im Miniformat. Die Arktische Weide (Salix arctica) zum Beispiel schafft es zwar kaum über eine Wuchshöhe von 10 Zentimetern hinaus, ist aber botanisch gesehen ein veritabler Baum – zusammen mit anderen nordpolaren Weidenarten sogar der kleinste Baum der Welt. Ein weiterer Aspekt lässt die Rätselfrage inkorrekt erscheinen – es gibt auch «richtige», sprich grosse Bäume in der Arktis. Bloss stehen die nicht aufrecht und in vollem Saft in der Tundra, sondern liegen dort zu Hunderttausenden als alte, ausgebleichte Treibholzstämme an den arktischen Meeresküsten. Lange Zeit bevor sich die Wissenschaft für dieses Treibholz zu interessieren begann, waren die offenbar von weit her angereisten Hölzer für verschiedene Inuit-Kulturen gleichermassen begehrter Brennstoff wie auch wichtiger Werkstoff für Waffen und Zeltstützen. Das zeigen 4000-jährige Funde der Independence-Kultur und 1000-jährige Artefakte der Thule-Kultur. So hat der berühmte dänische Polar-Archäologe Eigil Knuth Funde von verkohltem Holz aus der Region des nordostgrönländischen Independence- Fjords analysiert und ein Alter von 3600 bis 4700 Jahren festgestellt. Dies ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass den Eskimos der Independence-I-Kultur zu jener Zeit Treibholz an den Küsten jenes Fjordes zur Verfügung stand, der ihrer Kulturphase den Namen gab. Knuth folgert daraus, dass die klimatischen Bedingungen in Nordgrönland vor rund 4000 Jahren viel milder gewesen sein müssen: Nur bei einer geringen Eisbedeckung des Meeres konnte Treibholz aus 38 PolarNEWS

Rubriktitel en aus Sibirien weit entfernten Gebieten die Küsten dieses nördlichen Fjordes in Grönland erreichen. Zu einem ähnlichen Resultat gelangten Forscher bei Studien im Nordosten der kanadischen Ellesmere-Insel. Die prähistorischen Treibholzfunde von dort wiesen ein Alter von 3650 Jahren auf und zeigen ebenfalls an, dass die Gewässer entlang der nördlichen Ellesmere-Küste zu jener Zeit sommers über relativ eisfrei gewesen waren. Jeder Stamm mit Geschichte Das Treibholz, welches für die Ur-Eskimos lebenswichtig war und für die modernen Forscher extrem spannend ist, weckt auch das Interesse heutiger Arktistouristen. Nicht selten muss der Leiter einer Expeditionskreuzfahrt den Landepunkt seiner Schlauchboote am Strand sorgsam wählen, weil die Küste über und über mit Treibholzstämmen jeglicher Form und Grösse dicht bedeckt ist. Da fragen sich die meisten Gäste unweigerlich, auf welchen Umwegen denn diese mächtigen Baumstämme in die «baumlose Kältesteppe» gelangt sein könnten... Treibholz findet sich weltweit an praktisch allen Meeresküsten. Nirgends sind jedoch die Strände so dicht mit Holz übersät wie in den höheren Breiten. Erste wissenschaftliche Untersuchungen an diesem polaren Treibholz stammen von Arktis-Expeditionen nach Spitzbergen aus den 1860er-Jahren. Schon damals fiel den Wissenschaftlern auf, dass Treibholz in zwei grosse Gruppen eingeteilt werden kann. Selbst Laien bemerken sofort, dass es zum einen natürliche Baumstämme gibt, die noch einen Wurzelstock und Astansätze haben, zum anderen gefällte Stämme, bei denen eine klare Schnittfläche erkennbar ist. Höhepunkte für Treibholzfans sind Funde von bearbeiteten Stämmen. Sie weisen oft Einkerbungen auf, zeigen Spuren von Säge und Axt, Meissel und Beitel. Besondere Stücke sind sogar mit handgeschmiedeten Nägeln beschlagen, die wohl aus dem 16. oder 17. Jahrhundert stammen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, über den ehemaligen Verwendungszweck einer solchen Rarität zu spekulieren. Ölhose wirft Fragen auf Von wo aber stammen diese immensen Mengen Treibholz an den arktischen Küsten, wenn es doch offensichtlich weit und breit keine Wälder gibt in den Tundren? Den Anstoss, dieser Frage nachzugehen, gab eine spektakuläre Geschichte im vorletzten Jahrhundert. Sie beginnt mit dem amerikanischen Matrosen Louis P. Noros, der sich für die Expedition ins Packeis des Arktischen Ozeans mit dem Dampfer «Jeannette» bereitmachte. Er beschriftete wie alle Kleidungsstücke auch seine Ölhose mit seinem Namen. Die «Jeannette» wurde 1881 bei den Neusibirischen Inseln vom Packeis zermalmt, die meisten Männer überlebten den anschliessenden Marsch übers Eis nicht. PolarNEWS 39

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