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PolarNEWS Magazin - 22 - D

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überragt wird. Zu

überragt wird. Zu unserer Linken die weisse Wand des Rosseisschelfs. Ein ganzer Tag vergeht wieder auf See, die Eismauer immer backbord von uns. Die unglaublichen Distanzen und Masse des Rosseisschelfs werden uns bewusst. Wie lange ist es her, seit wir festen, nicht schwankenden Boden unter den Füssen hatten? Zehn Tage? Zwölf Tage. Letzteres ist die Antwort. Dem antarktischen Kontinent entlangzufahren, macht uns bewusst, wie gross die Erde doch ist. Ein Gefühl von Winzigkeit überfällt uns. Unsere «Ortelius» ist mit ihren knapp 100 Metern Länge unsere Welt, das Rossmeer mit seinen hunderten Kilometern unser Universum, ein Wasseruniversum. Und wir als Landbewohner möchten langsam auch wieder das Gefühl von Festland unter den Füssen spüren. Bald, meine Freunde, bald – so beschwichtigt Don die Landsüchtigen, während andere immer noch jeden Tag auf dem Wasser einfach geniessen. Und tatsächlich werden Dons beschwörende Worte bald wahr: Endlich Festland, 19 Tage nach unserer Abfahrt von Ushuaia und 14 Tage nach dem letzten Landgang begrüssen uns Steine, Dreck, Schnee, Robert Falcon Scotts Hütte bei Cape Evans... und viele Raubmöwen, die wütend Touristen attackieren. Und doch gehen einige von uns wie der Papst zuerst mit den Knien auf den Boden für einen Kuss des Dankes, dann ein Spaziergang im Sonnenschein, im Hintergrund Mount Erebus, gewaltig und wunderschön gleissend im Sonnenlicht. Erst jetzt wird uns klar, wo wir eigentlich sind und die Hütte von Scotts Expeditionen lockt. Im Innern der liebevoll restaurierten Hütte wird Geschichte lebendig, wir atmen dieselbe Luft wie Scott (zumindest fast). Es sieht aus, als ob die Hütte immer noch bewohnt ist und die Männer nur mal kurz weg sind. Überall stehen Dinge rum, die uns bekannt sind und trotzdem fremdartig anmuten. Eine Büchse Corned Beef... Ob man die wohl noch essen kann? Andächtiges Schweigen ob der Geschichte dieses Ortes. Scotts Niederlage beim Rennen zum Südpol wird greifbar. Draussen scheint die Sonne, und doch fröstelt es den einen oder anderen. Schnell wieder hinaus und Lustigeres betrachten, zum Beispiel Hunderte von Adéliepinguinen auf dem Eis. Oder Zwergwale beim Fressen (nein, sie fressen Fische, keine Pinguine). Ein perfekter Tag Weiter gehts auf den Spuren von Heroen, nächster Halt: Shackletons Hütte bei Kap Royds! Doch o weh, keine Landung möglich wegen Eis und Wind! Hmmm, danke schön, Antarktika! Doch der nächste Tag entschädigt wirklich jeden und präsentiert die Schönheit von Antarktika wie auf dem Silbertablett: Kaiserpinguine auf dichtem Packeis, an dessen Rand Gruppen von Orcas stundenlang entlangziehen, im Hintergrund die Dry Valleys, das Ziel unserer Hubschrauberflüge inklusive Landung und Herumwandern, und über allem scheint die Sonne und kein Windstoss in der Luft. Wenn ein polarer Tag jemals perfekt war, dann dieser: Mit den Zodiacs zu den Orcas, kein Problem, denn die Orcas kommen zu uns; ein Ausstieg und ein Spaziergang auf dem Eis, kein Problem, denn das Eis ist dick genug für ganze Gruppen; ein langer Flug mit dem Hubschrauber, um das Ganze von oben zu geniessen, kein Problem, denn das Schiff ist zwar weit vom Land entfernt, doch Grosses Bild: Die Dry Valleys. Links: Die seltene Rossrobbe. 34 PolarNEWS

nahe genug für die Hubschrauber. Ein Spaziergang am trockensten Ort der Antarktis rundet den Tag ab. Ein Ort, der so trocken ist, dass sich das Eis nicht verflüssigt, sondern verdampft; dass tote Robben zu Mumien werden; dass noch nicht mal Flechten dort wachsen. Und doch beeindruckt die Kargheit. Und lässt wieder den Finger nervös über den Auslöser zucken. Am Ende des Tages bleibt der Erfolg und entschädigt für all die kleinen oder grossen Niederlagen, die man bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte. Da ist sogar die Tatsache, dass auch der zweite Versuch, die Hütte von Shackleton anzulaufen, wegen Eis und Wind scheitert, reine Nebensache. Denn aller guten Dinge sind drei. Am 21. Tag unserer Reise gelingt es uns doch, Kap Royds zu besiegen, ein weiterer Höhepunkt. Adrenalin und Endorphine sind schon eine tolle Sache... So muss sich ein Entdecker fühlen, wenn er etwas Grosses erreicht hat. Vorwärts nach Hause Und was kommt nach dem Ziel? Nicht der Rückweg für uns... Immer weiter fahren wir, wieder nach Norden, weiter der Küste Antarktikas entlang bis nach Kap Adare und dann weiter nach Neuseeland. Und nach den Erfolgen der letzten Tage hungern wir nach mehr, mehr Landungen, mehr antarktischer Schönheit, mehr Tieren, mehr von einfach allem. Wir segeln der Küste entlang, und Expeditionsleiter Don möchte seine Pläne von weiteren Landungen und Aktivitäten umsetzen. Doch wir sind ja in Antarktika, dem Kontinent der Gegensätze, dem Janus-gesichtigen Kontinent. Das schöne Gesicht durften wir geniessen in den Tagen zuvor. Nun kommt das andere hervor: Wind, Eis, keine Landung, keine Zodiacfahrt, kein Hubschrauberflug. Die «Ortelius» trägt uns weiter der Küste entlang, wieder zwei Tage auf See. Die Natur gibt den Takt vor, das Leben an Bord kommt wieder zur Ruhe. Wir fragen uns, ob es das nun gewesen ist oder ob uns Antarktika nochmals die Chance gewährt, seine Schönheit zu geniessen. Und tatsächlich: Am letzten möglichen Tag, bei Kap Adare am äussersten Zipfel des Kontinents auf dieser Seite, geht der Vorhang noch einmal auf. Antarktika zeigt wieder sein schönstes Gesicht in Form von Sonnenschein, windstillen Verhältnissen, der Borchgrevink-Hütte am Kap Adare, die wir nochmals mit Hubschraubern erreichen, unzähligen Adélies überall, Eisbergen und Eisschollen, die an uns vorbeidriften. Wie verzaubert wandern wir zwischen Pinguinen, hören ihre Rufe und beobachten ihr Treiben, spüren die warme Sonne auf dem Gesicht. Magie pur! Und zum Abschluss kurven wir mit unseren chilenischen Piloten über Eisberge und Eisschollen. Perfekter Tag Nummer 2, ganz grosses Kino und ein würdiger Abschluss unserer Zeit bei Antarktika. Durch den nun nicht mehr so dichten Packeisgürtel, verabschiedet von Kaiserpinguinen mit Hofstaat, den letzten Rossrobben und Krabbenfresserrobben, nach so vielen Eindrücken und Tagen im Rossmeer sind sogar die letzten Zweifler und Kommentatoren froh, wenn sechs weitere Seetage vor einem liegen. Wirklich? Stürme soll es hier geben, die so heftig sind, dass die Drake-Passage wie das Wasser in einer Badewanne daherkommt, Wellen so hoch wie Häuser, und Drachen... Halt, schon wieder falscher Film! Tatsächlich nimmt der Wind zu, die Wellen werden höher, jedoch nur bis Flachdachhaushöhe. Die Tage gleiten dahin wie unsere «Ortelius» auf dem Wasser. Unser nächstes Ziel: Campbell Island und die Gelbaugenpinguine. Doch der Wind wird nicht weniger und Campbell Island muss vom Schiff aus betrachtet werden. Die Füsse werden wohl noch auf Steine und Dreck warten müssen. Dafür zeigen sich die Pinguine im Wasser, die Seevögel der Insel fahren ihr gesamtes Flugrepertoire auf, und sogar die Pelzrobben und Seelöwen der Insel schauen vorbei. Wunderbare Show! Leider auch das Ende der Reise, nächster Halt: Bluff, Neuseeland. Noch zwei Tage, um das Fazit der Reise zu ziehen. Eine unglaubliche Tour, die das Janus-Antlitz der Antarktis gezeigt hat: Sie packt einen, lässt den Reisenden mit ihrer Schönheit in höchste Sphären schweben, nur um ihn dann in Verzweiflung fallen zu lassen ob ihrer Wildheit und Unwägbarkeit. Eines ist sicher: Die Region und die Reise dorthin sind nur für wahre Entdecker, in der Vergangenheit und auch in der Zukunft. PolarNEWS 35

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