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PolarNEWS Magazin - 22 - D

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Text: Michael Wenger

Text: Michael Wenger Bilder: Michael Wenger, Priska Abbühl Was tut der erfahrene Antarktis-Reisende, der die Königspinguine auf Südgeorgien mit Namen kennt und bei Port Lockroy auf der antarktischen Halbinsel als «Customer of the Year» bekannt ist? Er besteigt die MV «Ortelius» und fährt von Ushuaia in Argentinien nach Neuseeland. Doch nicht auf der üblichen Route, sondern der eisigen Küste des antarktischen Kontinents entlang, auf der Suche nach Kaiserpinguinen, seltenen Robben und Walen. Eine mutige Gruppe von PolarNEWS-Leserinnen und -Lesern hat das Abenteuer gewagt, Natur, Geschichte und Landschaft einer wenig besuchten «Ecke» Antarktikas zu entdecken. Die Reise beginnt, wie meistens, wenn es auf Besuch zu Pinguin und Co. geht, in Ushuaia, der Hauptstadt der argentinischen Provinz Tierra del Fuego. Der quirlige Ort mit seinen 56’000 Einwohnern (es können auch 70’000 sein, so genau weiss man es nicht) liegt am äussersten Zipfel des südamerikanischen Kontinents und besticht durch viele Dinge, nur nicht durch Ordnung. Von hier aus starten die meisten Reisen in Richtung Islas Malvinas (eigentlich Falklandinseln, aber man ist ja in Argentinien), Südgeorgien und antarktische Halbinsel. Die üblichen Touren dauern zwischen 10 und 18 Tagen und geben einen wundervollen Einblick in die Vielfalt der Antarktis. Ist man mal angesteckt mit dem antarktischen Vertreter des Polarvirus, reichen dem Befallenen nicht mehr nur ein Besuch auf Deception Island für einen Tanz auf dem Vulkan oder eine Stippvisite bei einer der zahlreichen Pinguinkolonien. Nein, man will mehr... viel mehr. Am liebsten die abgelegensten Winkel der Antarktis, wo einst Scott und Amundsen lagerten vor ihrem Rennen um den Südpol. Das Rossmeer, diese gigantische Delle im antarktischen Kontinent mit ihrem riesigen, Eisberg-produzierenden Schelfeis, lockt. Und genau da möchten wir hin und die Wunder dieser abgeschiedenen Welt in uns aufnehmen. Eine 33-tägige Reise mit sehr vielen Seetagen und ungewissem Ausgang steht bevor. Hubschrauber nicht vergessen! Doch zuerst einmal läuft alles wie gehabt ab: Einsteigen, Kabinen beziehen, sich im Gewirr der Gänge und Decks auf unserem neuen Heim zurechtfinden. Wo zum Geier gehts schon wieder auf die Brücke? Seis drum! Wir haben in den kommenden Tagen genügend Zeit, uns zurechtzufinden. Danach Sicherheitsbriefing, Willkommensapéro und Vorstellung der Teams. Es ist spannend zu sehen, mit wem wir die nächsten Wochen verbringen werden. Aus insgesamt 16 Nationen kommen die Teilnehmer, von Südafrika bis China, von den USA bis Russland. Die Stimmung ist aufgekratzt, und schon gehts endlich los. Wir düsen dem Ausgang des Beagle-Kanals entgegen, jener Wasserstrasse, die eigentlich die Südspitze Feuerlands durchtrennt wie ein Schnitt die Zungenspitze. Doch schon ein paar Stunden später rasselt die Ankerkette, und der geübte Kanalfahrer erkennt die kleine chilenische Ortschaft Puerto Williams in der Dämmerung des argentinischen Abends. Schon wird etwas Hektik ersichtlich bei einigen Passagieren. Motorenschaden? Ankerkette kaputt? Ein medizinischer Notfall? Unglaublich, wie schnell die Gerüchteküche brodelt. Doch nichts von alledem ist wahr: Wir holen die Hubschrauber ab, die uns auf dieser Fahrt an die abgelegenen Landgebiete bringen und uns die Antarktis aus einem anderen Blickwinkel zeigen sollen. Im Nullkommanichts sind die zwei Fluggeräte an Bord, und wir machen die Bekanntschaft mit Sergi, Felipe und Aldo, den drei aerialen Musketieren, im Allgemeinen auch als Piloten bekannt. Kapitän Ernesto Barria, der zusammen mit dem neuseeländischen Expeditionsleiter Don MacFadzien das Sagen auf Vorhergehende Seite, gross: Antarktisches Schelfeis. Vorhergehende Seite, oben: Kap Royds. Vorhergehende Seite, Mitte: Orcas in der McMurdo-Bucht. Vorhergehende Seite, unten: Haubenpinguin. Grosses Bild: Tafeleisberg. Links: Die Reiseroute. Rechts: Deception Island. 30 PolarNEWS

dem Schiff hat, lässt wieder die Kette hochnehmen (Gott sei Dank, sie funktioniert) und wir brausen los in Richtung Antarktische Halbinsel. Erster Akt: Die Halbinsel Die ersten Tage der Reise sollen nur einstimmen auf die Dinge, die da kommen werden. Begrüsst werden wir die ersten zwei Tage mit ruhiger See in der Drake-Passage, Sonnenschein und Kurzärmelwetter auf Deception Island (wo keiner auf dem Kraterrand tanzt), einer spektakulären Fahrt durch den Lemaire-Kanal und sonnenbadenden Pinguinen auf Peterman Island. Hört sich eigentlich speziell an und wird nicht oft erlebt. Alles sehr schön und auch dankbar angenommen. Doch die Hardcore- Reisenden fiebern bereits auf neue Territorien und noch unbekannte Pinguine. Wie wärs mit der Überquerung des antarktischen Polarkreises? Für einige der Reisenden bereits ein kleiner Höhepunkt, denn ab sofort ist jeder Breitengrad weiter südlich ein neuer persönlicher Rekord. Auch in der PolarNEWS-Gruppe sind solche «Grünschnäbel» mit dabei. Die Gegend sieht eigentlich nicht anders aus als anderswo auf der Halbinsel. Und doch stellt sich ein Entdeckergefühl ein, die Eisberge sehen unbekannter aus, die Krabbenfresserrobben und Seeleoparden auf dem Eis wirken anders, und auch die Pinguine sind irgendwie leicht fremdartiger. Da sind die beiden anderen Expeditionsschiffe, die wir unterwegs sehen, schon wieder ein bekannterer Anblick, und doch eher störend. Nur schnell weg, noch weiter nach Süden. Detaille Island ist unser vorläufig letzter Landgang. Wir kurven mit den Zodiacs zwischen Eisschollen und Eisbergen und nehmen nochmals diese eigentlich bekannte und sich trotzdem schon fremd anfühlende Region der Antarktis in uns auf. Nach diesen ersten drei Tagen vor der Antarktischen Halbinsel sind nun wieder ein paar Seetage angesagt. Der Speicher der Fotokamera wird es einem danken. Denn trotz der Tatsache, dass viele von uns die Antarktische Halbinsel schon einmal besucht haben, zuckt der Finger dank der Motivvielfalt immer wieder und drückt den Auslöser. Werden diese Seetage so ruhig wie unsere ersten zwei Tage in der Drake Passage? Es ist zu wünschen. Das wahre Gesicht Seetage haben etwas Geruhsames und Erholendes, wenn man sanft dahingleitet über die Wellen, Seevögel wie der Kapsturmvogel das Schiff begleiten in ihrem mühelos aussehenden Gleitflug und man dezent seinen Gedanken nachhängen kann. Die Vorfreude auf eine Landung auf der völlig abgelegenen Insel Peter I. ist in den Gesichtern der Mitreisenden zu sehen. Nur zwei Tage auf See trennen uns vom Neuen, noch nicht Gesehenen. Endlich eine komplett unbekannte Insel, die darüber hinaus sehr schwierige Anlande- Bedingungen aufweist. Wie schwierig die sind, sehen wir, als wir ankommen. Denn das Trübe, das sich vor unseren Augen zeigt, ist nicht der Schlaf (es ist 3 Uhr morgens). Eine dicke Nebelschwade verhüllt den ersehnten Blick auf die Insel, der Wind pfeift mit Stärke 5 und lässt weder eine Hubschrauber-Aktion noch eine Landung zu. Durch diesen Rückschlag zeigt sich bei den Passagieren, wer ein wirklicher Expeditionsreisender ist und wer doch eher in die Kreuzfahrten-Fraktion gehört. Denn die ersten unwirschen Stimmen über das angekündigte Reiseprogramm und dessen Undurchführbarkeit vor Ort werden aus dem Lager der letzteren erhoben. Doch Rückschläge stacheln an zum Weitermachen, und so fahren wir weiter durch die weite Amundsensee. Wie weit die ist, wird nun auch dem letzten Teilnehmer klar, als wir die Pläne für die kommenden Tage von Expeditionsleiter Don präsentiert kriegen: Zehn Tage kontinuierliches Fahren, keine Landung, keine Flüge! PolarNEWS 31

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