Aufrufe
vor 2 Jahren

PolarNEWS Magazin - 22 - D

  • Text
  • Polarnews
  • Nordostpassage
  • Tage
  • Antarktis
  • Zeit
  • Rentiere
  • Tundra
  • Arktis
  • Borchgrevink
  • Arktischen
  • Magazin

Weil Rentiere viel

Weil Rentiere viel wandern, sind die Kälber schon schnell recht flink auf den Beinen. werfen die Männchen ihr Geweih bereits wieder ab. Bei den Weibchen entwickelt sich ab Juni ein Geweih, welches normalerweise ein Jahr lang getragen wird. So können die Weibchen ihr Geweih zur Verteidigung der Kälbchen nutzen. Sind gute Nahrungsquellen vorhanden, wächst dieser knochige Kopfschmuck zu imposanten, massigen, eindrucksvollen Strukturen heran. In mageren Jahren fällt auch das Geweih kleiner aus. Wertvolle Altlast Von allen lebenden Hirscharten tragen die Wildrentiere die grösste Geweihmasse im Vergleich zu ihrer Körpergrösse. Und falls Sie auf Ihrem nächsten Tundra-Spaziergang über ein abgeworfenes Rentiergeweih stolpern – lassen Sie es liegen, nicht aufsammeln! Solche alten Geweihe sind eine der ganz wenigen Kalziumquellen in den Tundren der Kältewüsten. Ausserdem ist es leicht möglich, dass das Geweih auf dem Boden vor Ihren Gummistiefeln bereits Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende unberührt dort liegt, genau dort! An der Nordspitze Grönlands haben Zoologen zum Beispiel solche Geweihe untersucht und datiert – einige dieser Gestänge sind vor fast zweitausend Jahren abgeworfen worden! Abgestossene Geweihe findet man in fast jedem Winkel der Tundra Spitzbergens, auf beinahe allen Inseln des Archipels. Dies erweckt den Anschein, die Tiere ziehen grenzenlos umher. Fakt ist: Ein Spitzbergen-Ren ist in einem relativ kleinen Aktionsraum (Home Range) anzutreffen. Ein solches Gebiet ist im Winter um einiges grösser als im Sommer. Laut einer Studie im Nordenskiöld Land, einer Region südwestlich des Hauptortes Longyearbyen, misst der genutzte Lebensraum im Sommer durchschnittlich 25 Quadratkilometer, im Winter hingegen fast 30 Quadratkilometer, mit Maximalwerten von bis zu 100 Quadratkilometern. Leben in engen Grenzen Und was machen die Tiere auf so viel Wohnfläche? Nahrung suchen steht zuoberst auf der Liste der Aktivitäten. Rund 450 Kilogramm an Essbarem vertilgt ein Rentier pro Jahr! Es frisst pflanzliche Nahrung und ist dabei nicht besonders wählerisch: Der vegetarische Menüplan sieht fast alles vor, was in Spitzbergen wächst. Natürlich gibt es einige Ausnahmen, die gemieden werden, wie etwa die Vierkantige Moorheide (auch Vierkantheide, Cassiope tetragona). Studien über das Nahrungsverhalten haben gezeigt, dass das Svalbard-Ren Flechten den Gräsern vorzieht und Gräser den Moosen. Sommerliche Menus werden durch den reichlichen Verzehr von Polar-Weide und Gegenblättrigem Steinbrech bereichert. Im Winter sind Flechten die Hauptnahrung. Das Besondere: Es gibt nur ganz wenige Pflanzenfresser, die Flechten und Moose überhaupt verdauen können. An vorderster Stelle steht die Rentierflechte (Cladonia rangiferina), eine Strauchflechtenart, die man im Volksmund ein bisschen falsch als Isländisch Moos bezeichnet. Am zweitliebsten vertilgen Rentiere im spitzbergischen Winter Vertreter der Krustenflechten-Gattung Ochrolechia. Die tägliche Flechtenmenge, die ein Rentier verzehren muss, liegt bei 2 Kilogramm Trockengewicht. Oder aus anderer Sicht: In strengen Wintern muss ein Spitzbergen- Ren bis anderthalb Stunden lang Flechten äsen, damit es für die folgenden drei bis vier Stunden gesättigt ist. Flechten sind besonders energiegeladen: 80 bis über 90 Prozent einer Flechte sind Kohlehydrate. Jedoch mangelt es an anderen Stoffen – sie haben einen geringen Eiweiss-, Fett-, Mineralien- und Vitamingehalt. Obwohl Rentiere im Winter nebst den Flechten auch nach grünen Kräutern unter dem Schnee graben, bleibt die gesamte Energieaufnahme zu gering. Kein Wunder, verlieren die Rentiere bei solch karger Ernährung im Winter bis zu einem Fünftel ihres Herbstgewichtes. Ein Ziel der Jäger Für Jäger war das Spitzbergen-Ren deshalb nur im Herbst als Ziel attraktiv, wenn das Tier sich einen Fettvorrat angefressen hat. 22 PolarNEWS

Im Winter scharren sie den Boden von Eis und Schnee frei und fressen Moose und Flechten. Rentiere auf Svalbard wurden seit Mitte des 17. Jahrhunderts bejagt. Die Abschussbilanzen hielten sich jedoch in bescheidenen Grenzen – bis in die 1860er-Jahre. Zu dieser Zeit tauchten immer mehr Menschen in dieser hocharktischen Inselwelt auf, um in der Fallenstellerei oder im Bergbau aktiv zu werden. Diese erhöhte menschliche Präsenz führte dazu, dass in Svalbard allein zwischen 1860 und 1925 nachweislich rund 25’000 Rentiere erlegt worden waren. Rechnet man die Dunkelziffer dazu, dürften wohl doppelt so viele Tiere abgeschossen worden sein. Wie auch immer: Die Population brach vielerorts zusammen. Daraufhin stellte die norwegische Regierung das Svalbard-Ren ab 1925 bis 1983 unter rigorosen Jagdschutz, mit Ausnahme von Abschüssen zu wissenschaftlichen Zwecken. Heute, nach einer offensichtlichen Erholung der Bestände, erhalten Einheimische zwischen dem 15. August und dem 20. September eine geringe Quote zugeteilt, wobei diese Jagd auf das Nordenskiöld Land begrenzt ist und angeblich auf längere Sicht nachhaltig sein soll. Jedes Jahr werden heute knapp 200 Rentiere erlegt. Zusätzlich müssen rund 40 weitere pro Jahr ihr Leben lassen, weil sie von überwinternden Trappern bei zwei Stationen geschossen werden dürfen. Abgesehen vom (jagenden) Menschen kennt das Rentier auf Spitzbergen keine Feinde. Gelegentlich versucht ein Eisbär, ein Rentier unter seine Pranken zu bekommen. Diese für das Ren an sich «friedliche» Situation währt auf Svalbard seit mindestens 4000 Jahren. Viele Rentiergruppen auf der Tundra kennen deshalb nur wenig Scheu vor Menschen und lassen stille Beobachter bis 40, 50 Meter an sich herankommen. Unvergessliche Klicks Aus einer solch geringen Entfernung hört man oft einen anfangs unerklärlichen Laut, ein Klick-Geräusch, das eindeutig von den Rentieren ausgeht. Tatsächlich: Die Kniesehnen des Spitzbergen-Rens (und anderer Unterarten) klicken, wenn sich das Tier fortbewegt. Dabei gleiten kleine Sehnen im Knie über das Sesambein, jene «Umlenkrolle», die eine bessere Hebelwirkung des Gelenks bewirkt. Unter Zoologen gilt dieser schneidend scharfe Klicklaut als ein aussergewöhnliches Beispiel einer nonverbalen Kommunikation unter Tieren. Denn wer als Rentier häufig und laut klickt beim Gehen, signalisiert den anderen seine Körpergrösse, seine Überlegenheit. Für uns aber als staunende Tundra-Wanderer ist das Klicken der Rentierknie in dieser unheimlichen Stille, die über der Tundra liegt, wie ein akustisches Reisesouvenir. Wem es vergönnt war, dieses Geräusch zu hören, wird das Spitzbergen-Rentier nie mehr vergessen. Die Energiesparer Rentiere auf Spitzbergen frönen einem Lebensstil, der sich mit demjenigen in unseren zivilisierten Breiten vergleichen lässt: eine bewegungsarme Lebensweise. Ist dies bei uns Menschen in Mitteleuropa auf Faulheit, Bequemlichkeit und Komfortgenuss zurückzuführen, so haben die Spitzbergen-Rentiere einen überlebenswichtigen Grund für ihr «faules» Auftreten – es spart enorm Energie in einer harschen arktischen Umwelt, die einem nichts schenkt. Zudem haben sie keine Konkurrenz auf der Tundra, weil keine anderen grossen Grasfresser auf Svalbard vorkommen. Auch Feinde sind rar, und lästige Insekten, welche in riesigen Wolken zum Beispiel über die Artgenossen in Nordamerika herfallen, gibt es ebenfalls nicht. So verbringt das Ren auf Spitzbergen fast die Hälfte eines Tages im Liegen. Lange Pausen: Liegen auf dem Moos spart Energie in der Kälte. PolarNEWS 23

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum