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PolarNEWS Magazin - 21 - D

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«Schlammassel»: Wenn

«Schlammassel»: Wenn es regnet oder der Schnee schmilzt, wird es in der Brutkolonie matschig und dreckig. Text: Heiner Kubny Bilder: Priska Abbühl, Michael Wenger Kaiser- und Königspinguine unterscheiden sich äusserlich kaum voneinander. Felsenund Makkaronipinguine fast gar nicht. Da hat es der Zügelpinguin schon sehr viel einfacher: Er ist der einzige Pinguin, dessen weisses Bauchgefieder sich bis über den Schnabel und die Augen fortsetzt. Und mit dem schwarzen Streifen, der über die Wangen und das Kinn verläuft, liefert er gleich noch eine optische Extravaganz mit. Warum das so ist und ob der Streifen einem spezifischen Zweck dient, wissen wir nicht. Klar ist nur, dass er dem Zügelpinguin seinen Namen gibt: Der Streifen sieht aus wie die Zügel beim Pferd. Ein sachlicherer Name ist Kehlstreifpinguin, abgeleitet vom englischen Chinstrap Penguin. Die Russen nennen ihn schlichtweg Polizist. Und wenn wir grad bei Namen sind: Der Zügelpinguin ist die einzige der 17 Pinguin-Arten, die in ihrer wissenschaftlichen Bezeichnung das Wort Antarctica trägt – wo doch die allermeisten Pinguine in der Antarktis zu Hause sind. Der Zügelpinguin ist zwar tatsächlich rund um die Antarktis anzutreffen, vor allem aber an der Küste der Antarktischen Halbinsel und einiger vorgelagerter Inseln. Rund 5 Millionen der insgesamt geschätzten 7,5 Millionen Brutpaare brüten auf der Südsandwich-Insel. Meistens teilen sich die Zügelpinguine den Brutstrand mit Adélie- und Eselspinguinen, alle drei Arten sind aber sorgsam darum bemüht, ihre «Sektoren» sauber einzuteilen. Die Zügelpinguine bevorzugen meist die etwas höher gelegenen Lagen und absolvieren für die bessere Aussicht problemlos auch längere Klettereien über Stock und Stein. Alle drei Arten zusammen bilden die Gattung der Langschwanzpinguine, auch Bürstenschwanzpinguine genannt, lateinwissenschaftlich Pygoscelis: Die Federn ihrer Hinterteile sind breit gefächert und dienen beim Stehen und Klettern als Stütze. Der Zügelpinguin ist nicht nur der neugierigste von diesen dreien, er gilt auch der aggressivste aller Pinguine überhaupt: Wenns sein muss, attackiert er ohne zu zögern auch Tiere, die grösser sind als er. Und wenn sich zwei Zügelpinguine miteinander streiten, starren sie sich lange an und drohen mit lautem Knarren. Nützt das nichts, hacken sie so lange mit den Schnäbeln aufeinander ein, bis einer nachgibt – und der wird dann auch noch vom Sieger lauthals verjagt. Charakteristisch: Der schwarze Kehlstreifen und der lange Schwanz. Männchen auf Abruf Mit seiner eigenen Familie ist er allerdings zärtlich und hingebungsvoll. Die Männchen kommen Anfang November einige Tage vor den Weibchen zu ihren Nistplätzen zurück. Am liebsten brüten sie in demselben Nest wie im Vorjahr und mit demselben Weibchen. Deshalb warten sie oft tagelang geduldig am Strand, bis die ersehnte Partnerin 76 PolarNEWS

endlich auftaucht. Ist das der Fall, begrüssen sich die beiden ausführlich mit Geschnatter, ritualisierten Körperbewegungen und gegenseitiger Gefiederpflege. Sie schenken sich auch gegenseitig Kieselsteine, mit denen sie ihr Nest bauen beziehungsweise ausbessern. Das Weibchen hingegen legt nicht so viel Wert auf langjährige Treue: Wenn es an Land kommt und den Vorjahrespartner nicht ziemlich schnell antrifft, verpaart es sich alsbald mit einem anderen Männchen. Aussicht: Die höher gelegenen und felsigen Stellen werden bevorzugt. Die Regel: Zügelpinguine ziehen pro Brutsaison zwei Junge gross. Gut organisiert So oder so legt das Weibchen in der Regel zwei Eier ins Kieselsteinnest, die durchschnittlich 37 Tage lang von beiden Partnern bebrütet werden. Während sich bei allen anderen Pinguinarten die Partner alle paar Tage abwechseln, geht das nicht brütende Elterntier der Zügelpinguine nur rund 20 Stunden ins Meer zur Nahrungssuche. Das bleibt auch später bei der Aufzucht der Jungen so. Jedem Schichtwechsel geht ein ausgedehntes Wiedersehens-Ritual voraus. Nach etwa zwei Wochen ist das Federkleid der Küken dicht genug, dass sie von den Elterntieren nicht mehr gehudert, also unter den Fittichen gewärmt werden müssen. Mit etwa drei Wochen verlassen die Jungvögel das Nest und scharen sich zu regelrechten Kinderkrippen zusammen. Für die Gruppenerziehung ist weniger «Aufsichtspersonal» nötig, weshalb nun beide Elterntiere gleichzeitig auf Krill- und Fischfang gehen können. Mit sieben bis acht Wochen ist bei den Küken das erste Jugendgefieder ausgebildet: Es ist wasserdicht, die Kleinen können nun ebenfalls auf Nahrungssuche ins Meer gehen. Hier endet denn auch die Bindung zwischen Jung- und Elterntieren. Letzteren steht jetzt nämlich die Mauser bevor. Diese dauert drei Wochen und ist sehr anstrengend: Der Wechsel des gesamten Gefieders braucht sehr viel Energie, aber weil in dieser Zeit das Federkleid nicht wasserdicht ist, kommen die Tiere nicht zum Fressen. Kein Wunder, verlieren sie dabei viel Gewicht, das sie sich danach wieder anfressen müssen. Zu 95 Prozent vertilgen Zügelpinguine Krill. Tauchen in V-Form Forscher haben übrigens herausgefunden, dass ein Zügelpinguin während eines Beutezugs in mehreren hundert Tauchgängen bis zu 5000 einzelne Krilltierchen fängt. Dabei taucht er weniger tief und weniger lang als andere Pinguinarten: im Durchschnitt rund 30 Meter und eineinhalb Minuten. Die gemessenen Rekorde liegen allerdings bei über 100 Metern und sechs Minuten. Das Tauchschema bleibt dabei immer dasselbe: in gerader, leicht schräger Linie runter und auf ebensolche Weise wieder hoch. Wissenschaftler nennen das ein V-förmiges Tauchschema. Andere Forscher haben vor drei Jahren bekanntgegeben, dass der Rückgang der Zügelpinguin-Population nichts mit dem Tourismus zu tun habe, sondern durch den Klimawandel verursacht werde. Was sie aber nicht sagten, war, dass dieser Schwund auch mit dem Aufkommen der Bartenwale verknüpft sein könnte. Fakt ist: In den letzten Jahrzehnten ist die Population in einigen Brutgebieten beträchtlich geschrumpft, teilweise um bis zu 50 Prozent. Dies, nachdem in den 1970er- und 1980er- Jahren die Populationen stark gewachsen waren, nämlich um bis zu 35 Prozent. Populations-Schwund Nun wurde diskutiert, ob der Rückgang der Zügelpinguine etwas mit den Touristen zu tun haben könnte, die vor allem das Gebiet um die Vulkaninsel Deception zunehmend stark bereisen. Die Forscher der Antarctic Site Inventory stellten aber fest, dass in touristenfreien Gegenden die Populationen ebenfalls abgenommen haben. Also sind nicht die Touristen schuld, sondern der Klimawandel. Was aber ebenso wahr ist: In den 1970er- und 1980er-Jahren konnten die Zügelpinguin-Populationen wachsen, weil die Bartenwale wegen ihrer jahrzehntelangen Bejagung durch die Menschen immer weniger wurden und deshalb mehr Futter, sprich Krill für die Pinguine übrig blieb. Inzwischen erholen sich aber die Walbestände wieder, insbesondere der des Südlichen Zwergwals. Was bedeutet, dass sich die Pinguine das Krill-Angebot wieder vermehrt teilen müssen. Das Tragische ist bloss: Wegen der Erwärmung des antarktischen Meeres nehmen auch die Bestände des Krills ab. Bleibt am Ende für alle zu wenig? Bislang gilt der Zügelpinguin aber als häufig und ungefährdet. PolarNEWS 77

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