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PolarNEWS Magazin - 21 - D

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hin schon beunruhigenden

hin schon beunruhigenden Klimamodelle vorhersagen. Entscheidend ist, wann, wie und wie schnell Wasser an das Bett des Eises vordringen kann und wie lange es dort bleibt. Zur gleichen Zeit arbeiteten 2000 Kilometer östlich in Spitzbergen Leute an einer Lösung des Problems, ohne es zu wissen. Den Einheimischen dort war schon lange bekannt, dass man im Winter, wenn die Gletscherflüsse trocken gefallen sind, in die Schmelzwasserkanäle eindringen kann. Besuche in Gletscherhöhlen wurden auch Touristen angeboten. In den relativ kleinen und sehr kalten Gletschern rund um Longyearbyen ist gefahrlos möglich, was anderswo, etwa in den Alpen, mit grossen Risiken verbunden ist: in das Innere der Gletscher vorzustossen, manchmal bis hinunter ans Bett. Für junge Wissenschaftler auf den Forschungsstationen in Ny Ålesund und Hornsund wurde «Ice Caving» bald zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung. Sie begannen, die Eishöhlen zu kartieren und genauer zu erforschen. Bis dahin hatte die Höhlenforschung in Gletschern einen zweifelhaften Ruf genossen. Schon in den 1980er-Jahren hatte der italienische Wissenschaftler Giovanni Badino begonnen, sich in den Alpen und im patagonischen Inlandeis in Gletschermühlen abzuseilen und das Innere der Gletscher zu erforschen – oft unter abenteuerlichen Bedingungen. Badino, von Haus aus Physiker, war Höhlenforscher und kein Glaziologe. Bei den Gletscherforschern fanden seine Expeditionen wenig Anklang. «Eine fragwürdige Praxis», schrieb der führende Glaziologe Doug Benn 1998 in seinem Standardwerk «Glaciers and Glaciation». Doch als Benn eine neue Stelle an der Arktisuniversität Unis in Longyearbyen antrat, kam er mit den lokalen Ice Cavern in Kontakt – und fing Feuer. Denn was er in den Gletscherhöhlen des Longyearbreen-Gletschers antraf, entsprach überhaupt nicht der Lehrmeinung, die bis anhin gegolten hatte. Im Gegenteil. Praxis widerlegt Theorie Was man bis dahin über das Innenleben der Gletscher wusste, beruhte nicht auf direkter Beobachtung, sondern auf theoretischen Modellen. Man nahm an, dass sich im Eis im Frühsommer kleine Wasseradern bildeten, die sich durch die Wärme und den Druck des Wassers im Laufe des Sommers verbreiterten. Diese kreisrunden Röhren verbanden sich demnach mit der Zeit zu einem Entwässerungssystem, das das Wasser immer schneller und effizienter von der Oberfläche an das Gletscherbett und schliesslich zum Gletschertor beförderte. Nach diesem Modell war der Durchmesser der Schmelzwasserkanäle vom Gleichgewicht zwischen Eisund Wasserdruck bestimmt. Floss weniger Wasser, wurden die Kanäle kleiner; im Winter schlossen sie sich ganz, um im folgenden Sommer neu zu entstehen. Die spektakulären Gletscherhöhlen auf Spitzbergen boten aber ein ganz anderes Bild: Das Wasser stürzte über Kaskaden von Wasserfällen in die Tiefe und schlängelte sich unter dem Eis in Mäandern über flache Passagen. Was Benn hier sah, erinnerte mehr an eine Schlucht im Felsgestein als an das Röhrensystem, das seine Theorie vorhergesagt hatte. Vor allem aber verrieten die Formen der Höhlen ihre Geschichte: Sie hatten sich über mehrere Jahre entwickelt. Und das bedeutete: Sie mussten sich nicht jeden Frühling neu bilden. Die Transportwege für das Schmelzwasser waren das ganze Jahr über offen. Was Zwally aus Grönland berichtete, befeuerte Benns Forschungsinteresse. Ihm wurde schnell klar, welche Konsequenzen seine Beobachtungen auf Spitzbergen für die Situation in Grönland haben könnten: Vielleicht konnte sehr viel mehr Schmelzwasser sehr viel schneller das Gletscherbett erreichen, als man aufgrund der herkömmlichen Theorie vermutet hatte. Der «Zwally-Effekt» könnte noch schneller ablaufen als ohnehin befürchtet. Oft sind es Zufälle, die den Verlauf der wissenschaftlichen Forschung bestimmen. Vielleicht war es einer dieser Zufälle, dass Doug Benn kurz darauf am Rande einer wissenschaftlichen Konferenz einen jungen Hydrologen und Höhlenforscher aus Florida traf: Jason Gulley, ein Doktorand, der sich auf die Karstforschung in den amerikanischen Südstaaten spezialisiert hatte und seine ganze Freizeit mit abenteuerlichen Höhlenexpeditionen verbrachte. Bei einem oder mehreren Whiskys kamen die beiden ins Gespräch. Benns Erzählungen über die arktischen Gletscherhöhlen faszinierten den jungen Caver. Als Karsthydrologe waren ihm die Formen, die Benn beschrieb, alles andere als fremd: Offensichtlich unterschieden sich Höhlen im Eis und im Kalkstein nur in einem Punkt: Im Eis frisst sich das Wasser durch Schmelze ins Eis ein, durch Gestein geht es, indem es Kalk aus dem Felsen löst. Vielleicht, so Gulley, liessen sich die Erkenntnisse der Karstforschung auch auf die Gletscherhöhlen anwenden. Nicht berechenbar Der Glaziologieprofessor und der junge Student und Abenteurer diskutierten die halbe Nacht. Am nächsten Morgen stand fest: Gulley beteiligte sich 2004 an einer Expedition nach Nepal. Dort, auf über 5000 Metern Höhe, begannen die beiden, das Innere der Gletscher systematisch zu erforschen. Es folgten Unternehmungen in Alaska und auf Spitzbergen. Jahr für Jahr stiegen die beiden ins Eis ein, übernachteten gar im Inneren des Gletschers, kartierten, massen, spekulierten. Mit dem Zufügen spezieller Farben versuchten sie, den Weg des Schmelzwassers im Sommer nachzuvollziehen. Ob in Asien, Amerika oder in der Arktis: Immer wieder boten die Gletscherhöhlen Überraschungen. Offenbar formten sie sich nicht nach einem einheitlichen Muster. Die Temperatur und Beschaffenheit des Eises und das Verhalten des Gletschers bestimmten den Lauf des Wassers mit. An manchen Orten bilden sich Höhlen, indem sich ein Schmelzwasserbach immer tiefer in das Eis einfrisst, bis der Druck des Eises die Wände des Canyons wieder zusammenschiebt. An anderen Orten dringt 70 PolarNEWS

Oben: Lindsey Nicholson hat einen Wasserlauf entdeckt. Das Bild stammt von 2009. Drei Jahre später war diese Passage verschwunden. Rechts: Der Autor Peter Walthard ist Geograph und Journalist und lebte insgesamt über ein Jahr in der Arktis. Für seine Masterarbeit wurde er auf Spitzbergen selbst zum Gletscherhöhlenforscher. PolarNEWS 71

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