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PolarNEWS Magazin - 21 - D

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Text: Peter Walthard Bilder: Jason Gulley Ein kalter Tag im Herbst 2010. Wir stehen an der Zunge des Rieperbreen, eines kleinen Gletschers in Svalbard. Der erste Schnee bedeckt die steinige Mondlandschaft, aus dem einst reissenden Gletscherfluss ist ein Rinnsal geworden. An seinen Rändern bildet sich das erste Eis. Noch ist der Himmel blau, eine Schar Wildgänse zieht in einem langen Zug nach Süden. Der Sommer ist vorbei. Für uns bedeutet das: Wir können wieder hinein. In die Höhle am Bett des Gletschers. Den ganzen Sommer über donnerte hier der reissende Gletscherfluss unter dem Eis hindurch. Nun sind die Temperaturen unter den Gefrierpunkt gefallen, die Gletscherschmelze ist vorbei. Der Fluss ist versiegt. Wir schieben uns über grobes Geröll durch Engstellen, die Eisdecke hängt immer tiefer. Die kleinen Tümpel im Bachbett durchtränken Schuhe und Kleider. Nun heisst es immer in Bewegung bleiben: Sonst droht die Unterkühlung. Für ein paar hundert Meter brauchen wir mehrere Stunden. Schliesslich weitet sich der enge Kanal, eine Halle öffnet sich. Eingefroren im Flussbett zwei Behälter aus weissem Plastik. Darin verstaut: unsere Messgeräte. Den ganzen Sommer über haben sie den Wasserdruck in dem natürlichen Stollen gemessen. Sie sollen uns Aufschluss über den Verlauf der Gletscherschmelze im vergangenen Sommer geben. Rutschpartie Ein halbes Jahr zuvor hatten wir die Instrumente installiert. Mühsam hatten wir uns in eine Gletscherspalte abgeseilt, waren einem verschlungenen Canyon bis ans Bett des Gletschers gefolgt und hatten dort in zeitraubender Handarbeit die Messgeräte mit einem Handbohrer an Felsbrocken befestigt. Wissenschaftliche Feldarbeit in der Arktis: teuer, anstrengend, bisweilen auch nicht ohne Risiko. Warum tut man das? Am Ende der Welt, in einem Gletscher, der so klein und unspektakulär ist, das er kaum einem Touristen ins Auge fällt? Weil die Schmelzwasserkanäle im Rieperbreen über mehr Aufschluss geben als nur über diesen einen Sommer im kahlen Bolterdalen. Seit zehn Jahren wird in den Gletschern rund um Longyearbyen intensiv geforscht. Im Gegensatz zu anderen Gebieten der Arktis sind sie gut erreichbar und klein genug, um die Schmelzwassergänge in ihrer ganzen Ausdehnung vermessen und kartieren zu können. Von den Resultaten erhoffen wir uns Aufschluss über einige grundsätzliche Fragen: Wie gelangt das Schmelzwasser von der Oberfläche zum Bett des Gletschers? Wie lange bleibt es im Gletscher? Wie verändert sich dieses Entwässerungssystem im Laufe der Zeit? Die Antworten auf diese Fragen sind nicht nur für eingefleischte Gletscherforscher von Bedeutung. Sie könnten helfen, eines der grossen Umweltprobleme unserer Zeit besser zu verstehen: das Abschmelzen der riesigen Eisschilde Grönlands und der Antarktis. Und damit das Ansteigen des Meeresspiegels und die Zukunft von Milliarden Menschen, die weltweit an den Küsten siedeln. 2002 publizierte der amerikanische Glaziologe H. Jay Zwally im renommierten Wissenschaftsmagazin «Science» eine beunruhigende Beobachtung: Bei seinen Forschungen auf dem grönländischen Inlandeis hatte er entdeckt, dass die Fliessgeschwindigkeit des Eises immer im Frühsommer sprunghaft anstieg. Zwally bemerkte: Die Eismassen beschleunigten ihre Reise in Richtung Meer immer kurz nachdem die Schneeschmelze eingesetzt hatte. Seine Schlussfolgerung: Das Schmelzwasser musste einen Weg bis ans Bett des Eises gefunden haben – und das sehr schnell. Darauf deuteten auch die riesigen Schmelzwasserseen hin, die sich im Frühsommer auf dem schneebedeckten Eisschild bilden und die sich im Sommer oft innert weniger Stunden wieder entleeren. Auch hier schien das Wasser einen schnellen, direkten Weg durch das Eis gefunden zu haben. Wissenschaftliche Feldarbeit in der Arktis: teuer, anstrengend, bisweilen auch nicht ohne Risiko. Schlimme Vermutung Zwally vermutete: Am Bett des Gletschers musste das Wasser wie ein Schmiermittel zwischen Untergrund und Gletscher wirken. Die Folge: Die Gletscher nehmen Fahrt auf – und schaufeln wie ein riesiges Förderband ungeheure Eismassen direkt ins Meer. Er begriff sofort: Der Mechanismus könnte fatale Konsequenzen haben. Denn je weiter sich die Schneegrenze als Folge der globalen Erwärmung ins Inlandeis verschiebt und je mehr Wasser sich als Folge der Schmelze in den subglazialen Seen sammelt, desto mehr Eis gelangt ins Meer und desto schneller schmilzt das Grönlandeis ab. Doch damit nicht genug: Wenn die grossen Gletscher schneller fliessen und also mehr Eis ins Meer befördern, dann fliessen die Eismassen aus dem Inneren des bis zu 3000 Meter dicken grönländischen Eispanzers nach. Infolgedessen senkt sich die Oberfläche des Eisschilds ab. Und je tiefer diese liegt, desto eher wird sie der sommerlichen Schneeschmelze ausgesetzt. Das ist ein Prozess, der sich selbst dauernd beschleunigt. Zwallys alarmierende Schlussfolgerung: Der Kollaps des grönländischen Inlandeises – und damit der Anstieg des Meeresspiegels um über sieben Meter – könnte viel schneller erfolgen, als die ohne- Links: Der Glaziologe Matt Covington seilt sich in eine Mühle des Hans-Gletschers in Spitzbergen ab – ein gefährliches Unterfangen. Vorherige Doppelseite: Die Forscherin Patricia Spellman folgt einem subglazialen Wasserlauf. PolarNEWS 69

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