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PolarNEWS Magazin - 21 - D

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Patriotische Walfang-Grossunternehmer wie Lars Christensen sprangen in die Entdecker-Bresche und beauftragten Schiffskapitäne wie Klarius Mikkelsen, unterwegs neues Land zu erkunden und damit quasi provisorisch den Anspruch ihrer Nation auf die betreffende Antarktis-Region zu markieren. Seefahrer- und Entdeckerländer stritten sich also um die Aufteilung der Antarktis in nationale Gebiete. England beanspruchte seit der Londoner Konferenz von 1926 gar die gesamte Antarktis für sich alleine, was für Seefahrer-Nationen wie Norwegen, Belgien, Frankreich oder Dänemark natürlich überhaupt nicht in Frage kam. Man einigte sich darauf, dass die Küste zwischen dem 60. und dem 86. Längengrad vorläufig niemandem gehörte. Norwegen und England hatten sich darüber hinaus verständigt, sich gegenseitig nicht in die Quere zu kommen. Der heikle Punkt an Klarius Mikkelsens Anlandung: Sie erfolgte just in diesem «neutralen» Sektor. Nun musste die norwegische Regierung das Übereinkommen mit England offiziell bestätigen, um die durch das Foto ausgelösten Querelen zu beruhigen. Die Inselfrage Hier könnte diese Geschichte zu Ende sein. Klarius stirbt, Caroline heiratet erneut und bleibt bis 1995 für die Forschung unauffindbar. Das Vestfold-Gebiet gehört heute zum englischen Sektor. Die Engländer haben das Ingrid-Christensen-Land und den Caroline-Mikkelsen-Berg zu Klarius’ Ehren bei diesen Namen belassen, der Berg trägt heute die Identifikationsnummer 117379. Aber dann veröffentlichten die australischen Wissenschaftler F. I. Norman, J. A. E. Gibson und J. S. Burgess 1998 im englischen Magazin «Polar Record» eine zwölfseitige Abhandlung, in der sie behaupteten, dass Klarius Mikkelsen nicht auf dem Festland gelandet sei, sondern auf einer vorgelagerten Insel. Was bedeutet, dass Caroline nicht die erste Frau auf dem Kontinent Antarktis war – wir erinnern uns an Oben: Klarius Mikkelsen, vorne im Bild, war der Kapitän der «Thorshavn». Unten: Der Tanker «Thorshavn» transportierte Versorgungsgüter und Walöl. die Aufteilung von Ruhm und Entdecker-Ehre. Norman, Gibson und Burgess stützen sich auf ungenaue Koordinaten-Angaben (die Sekunden fehlen), unterschiedliche Einträge in Klarius’ Tagebuch und das offizielle Logbuch inklusive ungenauer Beschreibungen. Zudem unterstellen sie indirekt, dass der Walfangmagnat Lars Christensen Mikkelsens Daten zu seinen Gunsten nicht gerade manipuliert, aber zumindest nicht ganz korrekt zu seinen patriotischen Zwecken eingesetzt habe. Die Frage, ob die Gruppe 1935 tatsächlich auf Festland stand oder nur auf einer Insel, hat die Forscher natürlich schon vorher beschäftigt. Als 1957 ungefähr 30 Kilometer von Mikkelsens Anlandungspunkt die australische Davis-Station gegründet wurde, machten sich Australier auf den Weg, den Steinhügel zu finden, auf dem die norwegische Flagge gehisst worden war. Eine Expedition 1958 blieb erfolglos. 1960 fanden zwei Forscher tatsächlich eine norwegische Fahne, aber keiner von beiden erfasste die Koordinaten der Fundstelle. 1995 fand der australische Archäologe Martin Davies den vermeintlichen Steinhaufen, stürzte aber zwei Tage später während eines Spaziergangs in den Felsen ab und verletzte sich tödlich. Bis zum Artikel von Norman, Gibson und Burgess 1998 war also noch kein niet- und nagelfester Nachweis zur Inselfrage erbracht, und sogar die Beweisführung der drei wurde von anderen Wissenschaftlern angezweifelt. War die zweite die erste? Es war dann schliesslich die australische Autorin Jesse Blackadder (notabene schon wieder eine Frau), die es ganz genau wissen wollte, 2011 in die Antarktis reiste und in den Archiven wühlte. Ihr Ergebnis: Es gibt keine absolut eindeutigen Beweise für oder gegen die Inseltheorie. Aber, so folgerte Jesse Blackadder in ihrem Buch 1998 war also noch kein niet- und nagelfester Nachweis erbracht. «Chasing the Light», wenn Caroline Mikkelsen nicht die Erste gewesen wäre, dann wäre es Ingrid Christensen gewesen, die Frau des Walfangmagnaten Lars Christensen. Ingrid fuhr nämlich zusammen mit ihrem Mann zwei Jahre nach Caroline in die Antarktis, es war übrigens bereits ihre vierte Reise dorthin. Am 30. Januar 1937 betrat sie am Fuss des Scullin-Monolithen antarktisches Festland – niet- und nagelfest bewiesen. Auf dieser Reise waren drei weitere Frauen an Bord: Sofie, die Tochter der Christensens, Lillemor Rachlew und Solveig Widerø. Lange Jahre war nicht klar, welche der vier Frauen als erste aus dem Boot stieg. Eine Neuübersetzung von Lars Christensens Tagebuch ergab aber 2012, dass Ingrid als erste das Land betrat. Und so endet diese Geschichte definitiv, diesmal mit einem, sagen wir: offenen Schluss zu Gunsten Caroline Mikkelsen. Nachtrag Was die erste Frau betrifft, die das antarktische Festland mit eigenen Augen gesehen hat, geht diese ebenfalls leer aus: 1835 erlitt ein Schiff vor Campbell Island Schiffbruch. Vier Jahre später wurden drei Männer und eine Frau von den beiden englischen Walfangschiffen «Eliza Scott» und «Sabrina» unter dem Kommando von John Balleny gerettet, je zwei Schiffbrüchige wurden auf die «Eliza Scott» und die «Sabrina» verteilt. Auf der Weiterfahrt kamen die beiden Schiffe bis auf Sichtweite des Festlandes heran. Auf der Heimreise ging die «Sabrina» in einem Sturm mit Mann und Maus und Logbuch unter. Im Logbuch der «Eliza Scott» wurde die gerettete Frau nicht mit Namen erwähnt. So bleibt sie für immer unbekannt. Ironie der Geschichte: Nach Kapitän Balleny ist die auf dieser Fahrt entdeckte Balleny- Insel benannt. PolarNEWS 65

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