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PolarNEWS Magazin - 21 - D

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Gelegenheit erhält,

Gelegenheit erhält, auch mal irgendwo an Land zu gehen. Der erste Mann, der das antarktische Festland betrat? Der US-amerikanische Robbenfänger John Davis am 7. Februar 1821. Wenig überraschend: Wissenschaftler bezweifeln das. Fairerweise muss aber gesagt sein, dass das auch damit zu tun haben könnte, dass Jäger in ihren Logbüchern andere Prioritäten setzten als Entdecker. Wenig biografische Daten Entsprechend war denn die Frau eines Walfängers kaum der offiziellen Rede wert, und so erstaunt es nicht, dass wir heute so gut wie nichts über Caroline Mikkelsen wissen. Die Recherchen begannen beim Walfangmuseum in Sandefjord, führten zum Norwegischen Polarinstitut in Tromsø und in die Redaktion des «Aftenbladet» in Oslo, weiter zur New Zealand Antarctic Society und zur australischen Autorin Jesse Blackadder bis zur Universität Cambridge, England. Das magere Ergebnis: Caroline Mikkelsen wurde 1906 in Dänemark geboren als 13. von 16 Geschwistern. Die Ehe mit Klarius blieb kinderlos. Nach Klarius’ Tod 1941 heiratete sie 1944 den Gärtner Johan Mandel und übernahm dessen Namen, womit sie quasi untertauchte. Erst als Diana Patterson (notabene eine Frau, sie war 1969 die erste weibliche Leiterin einer Antarktisstation) 1995 zur 60-Jahr- Feier des denkwürdigen Ausflugs der Mikkelsens mit einer grossangelegten Inseratekampagne in den norwegischen Medien nach Caroline suchte, meldete sich ihr Sohn. Frau Mandel gab daraufhin dem «Aftenbladet» ein Interview, der Journalist beschrieb die mehrfache Grossmutter als bescheiden, leise sprechend und bei klarem Verstand. Caroline erzählte in diesem Interview, dass sie auch auf See immer gut angezogen gewesen sei, weil sie gerne geschneidert habe. Dass sie von der Mannschaft verwöhnt worden sei. Und dass bei der Landung «überall Pinguine, Pinguine, Pinguine» gewesen seien. Sie habe die letzten Jahrzehnte zu ihrem Abenteuer geschwiegen aus Rücksicht auf ihren zweiten Gatten. Caroline Mandel starb in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre in Tønsberg nahe Sandefjord, Norwegen. Wann genau, ist unbekannt. Der Landgang Zurück ins Jahr 1935: Gut dokumentiert ist hingegen die Reise von Kapitän Klarius Mikkelsen mit seinem Schiff «Thorshavn», einem Tanker mit 11’000 Tonnen Eigengewicht. Klarius war ein erfahrener Antarktis-Seemann und stand im Dienst des Norwegers Lars Christensen, dem Besitzer des grössten Walfang-Unternehmens weltweit. Die «Thorshavn» transportierte Lebensmittel und Ausrüstung von Kapstadt zu den vier norwegischen Walverarbeitungs-Schiffen, die in den kalten Gewässern unterwegs waren. Nachdem die Schiffe beliefert und die «Thorshavn» mit deren Wal-Öl beladen war, fuhr Mikkelsen am 18. Februar weiter auf der Suche nach einem Jagdschiff, das Einen Tag später sahen sie schnee- und eisfreie Küste. den Auftrag erhalten hatte, südwestlich die Packeis-Verhältnisse auszukundschaften. Am 19. Februar vernahm die «Thorshavn»- Crew Geräusche, die den Schluss nahelegten, dass Land in der Nähe war. Einen Tag später sahen sie schnee- und eisfreie Küste im Gebiet der Vestfold Mountains und navigierten durch die Eisschollen bis 5 nautische Meilen, also etwa 9 Kilometer an diesen Abschnitt heran. Das Wetter war ideal für eine Anlandung, weshalb Klarius ein Rettungsschiff klarmachen liess und mit seiner Frau und sieben Crew-Mitgliedern an Land ruderte. Klarius notierte später in seinem Logbuch die Koordinaten und beschrieb den Strand als felsig und vegetationsfrei mit bis zu 100 Meter hohe Gipfeln, ein kleiner Bach floss von einem Süsswassersee herunter, und überall lag meterdick goldgelbe Pinguinkacke, weil Pinguine brüteten «so weit das Auge reichte». Es kam zu besagter Ansprache mit Fahnenzeremonie, Auftritt Caroline und Foto. Unter einem zweiten Steinhaufen wurde eine Kiste mit Notfallausrüstung vergraben, falls dereinst Männer in Not hier vorbeikommen sollten. Klarius notierte dessen Koordinaten mit 68 Grad 29 Minuten Süd und 78 Grad 36 Minuten West. Er taufte die Gegend Ingrid-Christensen- Land nach dem Namen der Frau seines Arbeitgebers. Nach ein paar Stunden war der Zauber vorbei, Klarius nahm noch ein paar Steine mit an Bord. Am nächsten Tag taufte Klarius einen 250 Meter hohen Berg zu Ehren seiner Frau Mount Caroline Mikkelsen. Die Rückreise verlief ohne Zwischenfälle. Ein Versorgungs- und Transport-Trip von Kapstadt ins Eis und retour dauerte übrigens in der Regel sechs Wochen. Streit um die Antarktis Zu Hause in Norwegen war Lars Christensen, der Walfangkönig, hocherfreut über das Bild mit Klarius und Caroline. Norwegische Antarktis-Freunde verkündeten lauthals der ganzen Welt, dass die erste Frau überhaupt die Antarktis betreten habe. Und dass, viel wichtiger noch, diese eine Norwegerin sei. Was wiederum den Anspruch Norwegens auf grosse Teile der Antarktis und der Walfanggebiete bekräftige. Genau mit diesem Anspruch und dem dazu gehörenden «Beweisfoto» entfachten die nordischen Patrioten aber internationale politische Querelen. Um diese Unruhen zu verstehen, muss man etwas weiter ausholen: Spätestens mit dem Scheitern von Ernest Shackletons Quest- Expedition und dessen Tod auf Grytviken 1922 war das «goldene Zeitalter der Antarktis-Forschung» beendet – die intensive Zeit des Walfangs begann, und der Südliche Kontinent war noch nicht in die heutigen Länder-zugeordneten Sektoren aufgeteilt. Caroline Mikkelsen, ungefähr zu der Zeit, als sie ihren Mann in die Antarktis begleitete. 62 PolarNEWS

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