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PolarNEWS Magazin - 21 - D

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Als Teil der

Als Teil der Eisbohrkernforschung und Messstation betreibt die Schweiz eine Aussenbohrstelle auf dem grönländischen Inlandeis, östlich von Ilulissat, die Bohrstation «Foxx». © Claudia Ryser, ETH Zürich Das europäische Eiskernbohrprojekt Epica mitten auf dem antarktischen Kontinent gehört zu den spektakulärsten Projekten mit Schweizer Beteiligung. Im grossen Gebäude rechts werden die Bohrungen durchgeführt, im Container links werden sie bearbeitet. © Epica tet, um Schnee und Lawinen zu untersuchen. Denn diese beiden Faktoren prägten damals wie heute das alpine Gesicht der Schweiz. Im Verbund mit der 1885 gegründeten Centralanstalt für das forstliche Versuchswesen entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte die heutige Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Die Themenbereiche der WSL sind enorm vielfältig geworden. Denn man erkannte, dass viele Bereiche zusammenhängen: Man kann sich nicht nur mit gefrorenem Wasser auseinandersetzen, wenn man die Komplexität von Eis, Schnee und Gletscher verstehen möchte. Landschaft, Luft, Biologie, Geologie und viele weitere Forschungsbereiche müssen miteinbezogen werden. Und so, wie sich ausserhalb des wissenschaftlichen Elfenbeinturms langsam die Welt öffnete und immer mehr vernetzte, geschah dasselbe auf wissenschaftlicher Ebene. Kooperationen mit anderen wissenschaftlichen Institutionen und Forschungsgruppen wurden etabliert. Helvetische Forscher gingen hinaus in die Welt. Einerseits, um ihr Wissen mit anderen Wissenschaftlern zu teilen. Anderseits, um Neues zu lernen und in der eigenen heimischen Bergwelt anzuwenden – durchaus auch mit dem Ziel, den Gefahren der Alpenwelt besser entgegenzuwirken. Schweizer Wissen war gefragt und wir fragten immer mehr nach Erfahrungen und Wissen aus anderen Ecken der Welt. Zumal gleichzeitig die Risiken und Herausforderungen immer globaler wurden. Risiko Klimawandel Der Klimawandel ist von vielen cleveren Menschen und redegewandten Politikern als die grösste Herausforderung der Menschheitsgeschichte bezeichnet worden. Und dies ist für einmal nicht übertrieben. Denn es handelt sich um ein globales Phänomen, welches jeden betrifft, egal wo auf der Welt. Auch die Schweiz muss sich dieser Herausforderung stellen. Schwindende Gletscher, auftauender Permafrostboden in den Gebirgen und vermehrte Wetterextreme stellen eine reale Bedrohung für das kleine Land mitten in Europa dar. Ein Land, welches von Gletschern geformt und durch die Elemente bearbeitet wurde; ein Land, das von den milden Luftmassen des Golfstromes profitiert und daher fruchtbar ist, auch wenn das Meer 1000 Kilometer weit weg ist. Aber um dieses unheimlich komplexe Thema Klimawandel zu verstehen und dessen Auswirkungen in der Zukunft zu verstehen, muss auch an Orten geforscht werden, an denen dieser Wandel zu spüren ist. Viele Schweizer Forschungsgruppen sind heute in den Polarregionen, wo der Klimawandel am stärksten zu spüren ist, an vorderster Front mit dabei. Beispielsweise ist die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft an verschiedenen internationalen Projekten auf dem grönländischen Eisschild beteiligt. Dabei werden unter anderem Klima- und Oberflächenmessungen der Grundstrahlung durchgeführt und die langfristige Dynamik von Gletscherkalbungen untersucht. Dazu betreibt die Schweiz eine Station, das Swiss Camp, mitten auf dem Inlandeis. Hier werden schon seit 1990 Messungen am Eisschild Grönlands unternommen. Eine Zunahme der Eisschmelze des grönländischen Eispanzers und ein Rückgang der Schneelinie um 50 Kilometer ins Landesinnere gehören zu den wichtigsten Erkenntnissen, die mit Hilfe dieser Station gewonnen wurden. Die Schweiz trägt rund einen Drittel der insgesamt 20 Millionen Franken, die die in dieser Station durchgeführten Projekte kosten. Ein anderes Arktis-Projekt, welches mitten in der Schweiz betrieben wird, ist Itex, das Internationale Tundra-Experiment. Dabei sollen die Auswirkungen des Klimawandels auf Pflanzen und deren Lebensräume untersucht werden. Da die Tundra und die Alpengebiete ähnliche Pflanzengesellschaften aufweisen, sind auch in verschiedenen alpinen Regionen der Schweiz Feldarbeiten im Gang, zum Beispiel im Val Bercla bei Mulegns im Graubünden. Schweizer Alpenund Polargebiete scheinen also doch Parallelen zu haben. Massgebende Daten Doch nicht nur im Norden, auch im Südlichen Ozean sind mittlerweile einige Schweizer Forscher in Projekte involviert. Besonders die Wechselwirkung von Meereis und Klima beziehungsweise die Auswirkungen des Antarktiswetters auf das Wetter in Europa sind von besonderer Bedeutung. In Zusammenarbeit mit renommierten Forschungsinstitutionen wie dem deutschen Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, der Woods Hole Oceanographic Institution in den USA und dem französischen Laboratoire de Glaciologie et Géophysique de l’Environnement sind Schweizer Forscher massgeblich an Untersuchungen beteiligt, wie die Meereisfläche in der Antarktis unser Wetter hier in Europa beeinflusst. Dabei haben die Helvetier wichtige Beiträge leisten können, beispielsweise bei der chemischen Zusammensetzung von Meereis und dessen Feinstruktur, oder bei der Mo- 56 PolarNEWS

Itex ist ein Netzwerk von Feldarbeiten über Klimaauswirkungen auf Pflanzen in polarnahen Regionen, inklusive den Schweizer Alpen. Auf der Bündner Alp Val Bercla hat die WSL ein Freiluftlabor eingerichtet. © Christian Rixen, WSL dellierung des Verhaltens von Meereis. Aber auch auf der technischen Seite sind Schweizer weit vorne und haben hochpräzise Instrumente entwickelt, die für die Strahlungsmessungen dringend benötigt werden. Besonders bekannt sind die Eisbohrkernmessungen in der Antarktis und in Grönland, die Einblicke in die Vergangenheit des Erdklimas geben. Denn diese Technik, die schon seit den 1960er-Jahren angewendet und laufend verfeinert wird, gibt den Forschern einen Blick in die Vergangenheit des Erdklimas. Und wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft besser verstehen. Auf Schweizer Seite ist besonders die Universität Bern mit den Professoren Hubertus Fischer und Thomas Stocker massgebend an wichtigen Erkenntnissen beteiligt. Letzterer wurde medial bekannt, als der Internationale Klimarat, die IPCC, 2007 den Friedensnobelpreis verliehen bekam. Am damals veröffentlichten Bericht hatte auch Thomas Stocker mitgearbeitet. Auch das Projekt Epica (European Project for Ice Coring in Antarctica), an dem auch die Schweiz beteiligt war, erhielt besondere Aufmerksamkeit. Denn im Rahmen dieses Projektes wurde der damals bisher weiteste Blick in die Vergangenheit des Klimas geworfen, nämlich über 800’000 Jahre. Ein anderer Forschungsbereich ist die Ursachenforschung des Klimawandels: Man untersucht vom Norden bis in den Süden Klimawandel-relevante Gase in der Atmosphäre. Hierbei ist die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt federführend und arbeitet international mit Norwegen und Südkorea zusammen. Aufwendig und teuer Wie sind so grosse Unterfangen organisiert? In aller Regel nutzen Schweizer Forscher die bestehende Infrastruktur der Kooperationspartner. Denn in fast allen Projekten fehlt den Schweizern eine eigene Station beziehungsweise ein eigener Teil innerhalb einer Station. In jedem Fall, ausser in Grönland, müssen Schweizer Forscher sicherstellen, dass für ihre Projekte eine geeignete Infrastruktur zur Verfügung steht. Gerade im Bereich der Feldforschung, also der Forschung vor Ort, ist dies besonders wichtig. Dabei geht es nicht nur um Stationsgebäude oder Material, sondern das beinhaltet auch logistische Möglichkeiten, Mensch und Material an den gewünschten Ort zu bringen. Das ist in den Polargebieten besonders schwierig und kostspielig. Schnell sind ein paar zehntausend Franken weg nur für Transport und Logistik. Bei einem mehrjährigen Projekt, wie es meistens der Fall ist, verschwindet so schnell Schweizer Technologieentwicklung hilft Forschern, Schnee in der Arktis, der Antarktis und in den Alpen zu untersuchen. Denn Schnee beeinflusst das Klima in der Schweiz und der ganzen Welt durch Reflexionseffekte (Albedo) der Strahlung. © Martin Schneebeli, WSL PolarNEWS 57

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