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PolarNEWS Magazin - 21 - D

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Politik Heidiland in der

Politik Heidiland in der Kälte Die Schweiz und Polarforschung? Scheinbar eine nicht notwendige und zu kostspielige Sache für die Confoederatio Helvetica. Doch diese Aussage stimmt bei weitem nicht. Wir zeigen, wie, wo und warum die Schweiz ein ernstzunehmender Partner in den Kühlschränken der Erde ist. Text: Michael Wenger Bilder: EDA Die Schweiz, Heimat der Berge mit Schnee und Eis, dauergefrorenen Böden und Tiefsttemperaturen von minus 40 Grad im Winter und plus 30 Grad im Sommer. Wenn man es so betrachtet, sind die Ähnlichkeiten zu den Polargebieten schon fast zwillingshaft. Da würde es sich doch anbieten, wegweisend in der Polarforschung zu sein. Denn diese hat in den letzten Jahrzehnten, Klimawandel sei Dank, einen immensen Vorschub erhalten. Die grossen Polarnationen haben mächtig Gas gegeben und ihre Forschungsprogramme in der Antarktis und der Arktis mit einem gewissen Geldsegen beglückt. Doch warum plötzlich diese Hektik und dieses gesteigerte Interesse an den kalten Regionen? Ist der drohende Klimawandel wirklich der einzige Grund dafür? Stecken nicht eher knallharte wirtschaftliche Kalküle dahinter? Lockt statt dem Ruf der Wildnis und deren Erhalt nicht doch eher der Ruf des Geldes und der Bodenschätze? 54 PolarNEWS

Die grösste Schweizer Forschungsstation «Swiss Camp» steht östlich von Ilulissat mitten auf dem Inlandeis und dient nationalen und internationalen Forschern als Basis. © Konrad Steffen Die Antwort ist wohl: Beides sind Gründe. Wenn dies aber der Fall ist, wo steckt dann die Schweiz, die nicht nur die oben erwähnten Ähnlichkeiten zu den Polarregionen aufweist, sondern auch wirtschaftlich eine nicht unerhebliche Rolle in der Welt spielt? Schon früh mitgemacht Seit mehr als 100 Jahren haben sich Schweizer Forscher nicht nur mit den eigenen Eiswelten beschäftigt, sondern haben den Blick über die Grenzen hinaus gerichtet. Und waren erfolgreich damit. Beispielsweise gelang es 1912 dem Berner Geophysiker Alfred de Quervain (1879–1927), mit einem Team von Wissenschaftlern den grönländischen Inlandeisschild von West nach Ost zu überqueren. Dabei erstellte das Team das erste Höhenprofil der Gletscher, und es wurden zum ersten Mal Vermessungen durchgeführt. Oder die geologische Erfassung der ostgrönländischen Küste im Zuge der dänischen Grönland-Expeditionen des Geologen Lauge Koch (1892–1964), die mit Schweizer Beteiligung wie beispielsweise dem bekannten Basler Geologen Eduard Wenk durchgeführt wurden. Dabei wurden einige der neuentdeckten und beschriebenen Orte mit Schweizer Namen versehen, zum Beispiel die Basler Halbinsel. In den 1950er-Jahren starteten die Grönlandexpeditionen der Expédition Glaciologique Internationale au Groenland, die in den nächsten 40 Jahren Veränderungen des grönländischen Eisschildes untersuchten. Auch die Eiskernforschung in Grönland, heute kaum mehr aus der Polarforschung wegzudenken, wurde von Schweizer Forschern mitvorangetrieben, besonders vom Berner Klimatologen Hans Oeschger. Zurückhaltung im Süden Wirft man einen Blick auf die untere Seite der Erdkugel, sieht es etwas magerer aus, wenn man nach Schweizer Forschern sucht. Der erste Schweizer in der Antarktis war Xavier Mertz, der mit dem Australier Douglas Mawson die Ostantarktis erkundete – und dabei sein Leben verlor. Vielleicht mag dies auf die Schweizer Aussenpolitik einen ähnlichen Einfluss gehabt haben wie einst die Niederlage in der Schlacht von Marignano, denn nach Mertz’ Tod wurde die Antarktis lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Erst im geophysikalischen Jahr 1957/58 nahm in der Schweiz die Forschung in der Antarktis wieder eine grössere Rolle ein: Sie beteiligte sich im internationalen Zusammenspiel verschiedenster Forschungszweige. Ein Resultat dieses geophysikalischen Jahres war die Etablierung des Antarktisvertrages von 1959, in dem die Antarktis als ein Ort des Friedens und, besonders wichtig, der Wissenschaft definiert wurde. Im Laufe der Jahre unterzeichneten und ratifizierten 52 Staaten das Vertragssystem. Die Schweiz unterzeichnete erst 1990 als 40. Staat. Es stehen aber immer noch die Ratifizierungen einzelner Protokolle innerhalb des Vertrages aus, so beispielsweise das Umweltschutzprotokoll des Antarktisvertrages. Exportschlager Klimaforschung Doch was genau unternimmt die kleine Schweiz heute in den polaren Regionen? Warum das Interesse an polarer Forschung? Blickt man ins Herz der Schweiz, wird klar, wo die Forschungsgebiete liegen. Gletscher, Eis und Schnee gehören im klassischen Alpenland zum helvetischen Alltag. Schon seit langem betreibt die Eidgenossenschaft eine Forschungsanstalt für Schnee- und Lawinenforschung: Bereits 1936 wurde auf dem Weissfluhjoch ein erstes Schneelabor errich- PolarNEWS 55

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