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PolarNEWS Magazin - 21 - D

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schläge zumeist

schläge zumeist unverletzt. Doch nun beginnt der gefährliche Teil ihres Umzugs ins Meer. Sie müssen durch das Geröll zu Fuss bis zum Wasser gehen und sind dabei komplett ungeschützt. Diese Chance lassen sich die Füchse nicht entgehen: Sie schnappen sich so viele Lummen, wie sie nur können. In dieser Zeit des Überflusses verstecken die Füchse einen grossen Teil ihrer Beute in Nischen zwischen Felsen und Permafrostboden und legen sich auf diese Weise Vorräte für die Zeit an, wenn die Lummen das Alkefjell wieder verlassen haben. Von diesen Reserven werden die Füchse zehren, bis im November oder Dezember das Meer gefriert und sie auf das Packeis wandern können. Im Winter folgen sie dort den Eisbären und ernähren sich von den Resten von dessen Mahlzeiten. Nützliches Timing Doch auch die Lummen haben Strategien entwickelt, um die Überlebens-Chancen der Jungtiere beim Lummensprung zu erhöhen: Alle Lummen in der Kolonie springen innerhalb sehr kurzer Zeit von der Klippe. Dadurch haben die Füchse in einer sehr kurzen Zeitspanne ein so grosses Futterangebot, dass sie nicht mehr nachkommen, die Lummenküken alle einzusammeln und für später zu verstecken. Räuberübersättigung nennen Bio-logen diese Methode, sich für ein gefährliches Unternehmen zeitlich abzustimmen, erklärt unser Guide. Und das ist auch der Grund, warum sich all die Vögel hier zur gleichen Zeit am gleichen Felsen versammeln. Während wir weiter entlang der Klippen fahren und die ein- und ausfliegenden Lummen beobachten, kommt die Frage auf, warum gerade auf dem Schutt unterhalb der Kolonie die Vegetation besonders kräftig grün gefärbt ist. Das liege an der guten Düngung, antwortet der Guide. Besonders gut wächst hier das Gebräuchliche Löffelkraut, eine Pflanze mit nierenförmigen, fleischig-dunkelgrünen Blättern und weissen Blüten. Wegen dieser Pflanze legten schon im 17. Jahrhundert Walfänger in Vogelkolonien wie dem Alkefjell einen Zwischenhalt ein. Denn die Seefahrer wussten, dass man sich mit dem Genuss dieser Pflanze den Skorbut vom Leibe halten konnte. Über die Ursachen dieser Krankheit und warum diese Pflanze heilende Kräfte besass, war damals noch nichts bekannt – heute ist klar, dass das Gebräuchliche Löffelkraut viel Vitamin C enthält und so vor der Vitaminmangelkrankheit Skorbut schützen kann. Taucher und Flieger Nochmal führt unser Guide das Zodiac hin zu einem Bereich der Kolonie, in dem die Lummen bis dicht ans Wasser brüten. Wir gleiten langsam vorbei an Gruppen erwachsener Lummen, die auf dem Wasser sitzen und sich ausruhen. Einige kommen neugierig näher und tauchen unter unserem Zodiac hindurch. Das sieht aus, als ob die Lummen unter Wasser fliegen. So machen das auch die am anderen Ende der Welt lebenden Pinguine, allerdings haben sich die Pinguine ganz ans Leben im Wasser umgestellt und können ihre Flügel inzwischen nicht mehr zum Fliegen einsetzen. Den Verzicht aufs Fliegen konnten sich die Pinguine im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte leisten. In der Antarktis gibt es keine bodenlebenden Räuber, und die Pinguine können ihre Nester auf ebener Erde bauen. Die Lummen dagegen, die Polarfuchs und Eisbär zu fürchten haben, müssen ihre Nester an unzugänglicheren Orten anlegen, die sich nur fliegend erreichen lassen. Darum konnten sich die Lummen keine so radikalen Anpassungen an das Leben im Wasser erlauben wie die Pinguine. Die Lummen sind Grenzgänger, die in ihrem Körperbau Anpassungen an das Leben in Wild und r 50 PolarNEWS

omantisch zugleich: Am frühen Morgen ist der Alkefjellen noch nebelverhangen, doch die Sonnenstrahlen drücken bereits durch. In der Luft fliegen hunderte von Vögeln. der Luft und das Leben im Wasser miteinander verbinden: Die Flügel sind verhältnismässig kurz und schmal. In dieser Form sind sie starke Paddel, müssen aber sehr schnell geschlagen werden, um das Körpergewicht in die Luft zu heben. Das kostet viel Energie. Um wiederum beim Fliegen Energie zu sparen, ist der Körper bei Lummen, wie bei allen fliegenden Vögeln, in Leichtbauweise gefertigt. Lummen haben hohle Knochen und Luftsäcke im Körper verteilt. Die eingelagerte Luft verursacht unter Wasser aber Auftrieb, gegen den die Lummen ständig anschwimmen müssen. Diese unterschiedlichsten Anforderungen machen das Leben der Lummen aus energetischer Sicht zum Balanceakt. Unklare Bedrohung Darum reagieren die Dickschnabellummen auch sehr empfindlich auf Veränderungen in ihrer Umgebung. In den letzten Jahren ist der Bestand auf Spitzbergen leider erheblich zurückgegangen, seit 2010 steht die Art auf der Roten Liste von Norwegen. Was den Lummen genau zusetzt – Überfischung in ihrem Sommer- oder ihrem Winterquartier, weniger Meereis oder andere Gründe –, ist bisher nicht genau bekannt. Unser Guide schaltet den tuckernden Motor des Zodiacs ab und gönnt uns ein paar Minuten, in denen wir die Lummenkolonie am Alkefjell mit allen Sinnen geniessen können. Es ist faszinierend zu erleben, wie inmitten der kargen kalten Wildnis der Arktis das Leben an einem Ort wie diesem förmlich explodiert. Schliesslich sagen wir den Lummen Lebewohl, und unser Guide dreht das Zodiac ab, zurück zu unserem Schiff. PolarNEWS 51

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