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PolarNEWS Magazin - 21 - D

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Aussicht über das Tal

Aussicht über das Tal des Von-Post-Gletschers (oben). Warten auf die Sonnenfinsternis (gan Dann also los: Dick eingepackt, wie wir sowieso schon sind, schlüpfen wir in massive, winddichte Overalls, ziehen lederne Fäustlinge über unsere Fingerhandschuhe und wollene Gesichtsmützen und Helme über die Köpfe und Skibrillen über die Augen. Die Skidoos sind klasse! Man sitzt bequem, die Handgriffe sind geheizt, die filzgefütterten Fahrstiefel stehen windgeschützt im warmen Motorraum, und die Dinger haben Kraft: Das Gaspedal, das nur mit dem rechten Daumen bedient wird, runtergedrückt, und die Motorschlitten zischen ab wie Rennmaschinen. Die Lynx Adventure LX laufen mit 600-Ace-Motoren von Rotax, mit bleifreiem Benzin betrieben, Gesamtgewicht 241 Kilo, Höchstgeschwindigkeit 120 kmh. Und es zeigt sich schnell, dass die Skis stabiler über den Schnee laufen, je höher das Tempo ist. Das macht es auch einfacher, den immer leicht flatternden Lenker sicher in den Händen zu halten. Ach ja: Vor lauter Aufregung vergisst man die Kälte, die ja mit dem Fahrtwind noch weiter zunimmt und wohl auf minus 30 bis minus 40 Grad sinkt, aber wir sind ja gut verpackt und die Sonne scheint. Und die Begeisterung über die Landschaft ist so grenzenlos wie deren Anblick: endlose weisse Weiten, flache Täler umsäumt von diesen urtümlichen Spitzbergen-Bergen, zugefrorene Fjorde, kilometerlange Gletscher und alle halben Tage eine kleine Gruppe Rentiere, die unbeirrt vom Motorenlärm im Schnee scharrt. Dagegen ist sämtliche Alpentourismus- Werbung, mit Verlaub, ein müder Witz. So viel Raum. So viel Natur. Und überhaupt die Rentiere: Es mutet schon merkwürdig an, wie diese zotteligen, massigen Tiere in der Leere der Schneewüste wandern und dabei ganz offensichtlich mühelos überleben. Wahrscheinlich freuen sie sich sogar über die angenehme Temperatur, denn erst am vergangenen 29. Januar beendete das erste Sonnenlicht die Polarnacht auf Spitzbergen, seit dem 15. Februar ist die Sonne auch wieder am Himmel zu sehen. Unterwegs überholen wir dreimal Skitourenwanderer. Sie geniessen die Weite in Langsamkeit. Man sagt übrigens, eine Stunde Skidoo fahren ist gleichbedeutend wie einen ganzen Tag zurücklaufen ohne Schneeschuhe. Der Weg nach Barentsburg dauert mit Fotopausen vier motorisierte Stunden beziehungsweise 64 Kilometer. Da versteht es sich von selbst, dass unser Tourguide Marcel einen Anhänger mitführt, in dem neben warmem Tee und trockenen Biscuits Reservebenzin und Schraubenschlüssel gelagert sind. In Barentsburg, einer russischen Kohleminensiedlung, gibt es pragmatisches russisches Überlebens-Essen, fett und kalorienreich, aber lecker und in einem angenehm überheizten Restaurant serviert. Auf dem Weg zurück liegt mir das Essen dann so schwer im Magen wie der Scooter auf dem Schnee, und der Kaffee bringt das Herz auf so hohe Touren wie der Motor. Aber das macht nichts. Die Landschaft macht das Rumpeln im Gedärm zehntausendfach wett. Und immerhin: Bei der Einfahrt in Longyearbyen fühle ich mich gut, ein Hauch von Pionier- Abenteurergeist stählt meine Brust. Und zum coolen Stelldichein beim Nachtessen in Mary-Anns (überheiztem) Polarriggen gibt es alles, was auch auf einer Speiskarte in einem Restaurant zu Hause stehen würde, sogar das Rindersteak an einer Pilzrahmsauce mit Reis und frischem Gemüse. Licht und Schatten Am nächsten Morgen herrscht unaufgeregt geschäftiges Treiben im Dorf: Die totale Sonnenfinsternis, in jeder Boutique auf T-Shirts angekündigt, steht bevor. Wir fahren mit den Motorschlitten zur gegenüberliegenden Seite des Fjords und beziehen eine der Hütten, die die Einheimischen als Wochenendhaus nutzen. 30 PolarNEWS

die singen nicht. Dafür ist mein Hirn irritiert: Links am Horizont wabert Licht am Himmel wie kurz vor Sonnenaufgang, rechts ist eine ferne Bergkette prächtig sonnenbeschienen, und in der Mitte, wo wir auf dem Boden sind und die Sonne verdeckt am Himmel steht, ist es dunkel wie bei uns zu Hause spät am Abend – der Schattenpfad auf der Erde ist ja bloss etwas über 400 Kilometer breit. 148 Sekunden dauert das Spektakel, das Licht flimmert wieder über den Boden, diesmal in umgekehrter Richtung, und zack ist der Spuk vorbei. Und jetzt? Party? Aber das hier ist kein Public Viewing mit Bierschwemme und Grossbildschirm, das hier ist echt. Wir sind nur neun und von diesem Schauspiel so tief beeindruckt, dass niemand gross reden mag. Am Flughafen stehen schon drei Flieger bereit, die Hunderte von Passagieren noch heute Nachmittag zurück aufs europäische Festland befördern. Ich verziehe mich in die Hütte und koche für alle Gemüsesuppe mit ganz viel Wurst drin. z oben). Blutspur Gestärkt und allmählich wieder redselig, brechen wir auf zu unserer zweiten Skidoo-Tour, diesmal durch die tiefgefrorene Ebene des Adventdals über den Sassendalen-Gletscher zum Tempelfjord. Unterwegs treffen wir auf die Stelle, wo der Eisbär am Tag vorher einen Mann aus dem Zelt gezerrt hat. Blutspuren des angeschossenen Tiers führen von der Zeltgruppe weg. Armes Tier. Die Meldung wurde inzwischen längst in den Zeitungen und Radiostationen zu Hause verkündet, meine Freundin schickte ein SMS, «lebst du noch?» Ich schon. Aber der Bär ist leider tot. Der «angegriffene» Campierer hat überlebt. Und wie immer bei solchen Zwischenfällen heisst es, die Pyrofalle habe nicht funktioniert. Diese Vorrichtung ist ein um das Zelt gezogener Stolperdraht, der bei Auslösung ein Feuerwerk auslöst, das den Bären verscheucht. Das Ding ist überlebensnotwendig hier draussen, zumal seit Wochen bekannt war, dass sich ein junger Eisbär in der Gegend aufhält. Aber Menschen wollen eben Abenteuer in Spitzbergen, und ich frage mich, ob die Bären inzwischen gelernt haben, Gebiete zu meiden, wo sie auf Spuren von Skis, Skidoos und Schneeschuhen treffen. Weil wir Menschen das mit dem «Angriff» immer falsch verstehen. Denn für Eisbären sind sowohl schlafende als auch wache Menschen nichts weiter als Futter, leicht bekömmlich und leicht zu jagen. Deshalb finde ich es beruhigend, mit dem Skidoo unterwegs zu sein: Falls der Bär kommt, bin ich auf alle Fälle schneller weg, als er bei mir ist. Von der Sonnenfinsternis selber wurde inzwischen genug berichtet, und das perfekte Bild dazu gibts in diesem Heft auf Seite 6 zu sehen, deshalb hier nur das Wichtigste in Kürze: Bis zu einer Abdeckung der Sonne durch den Mond von rund 96 Prozent ist auf der Erde von blossem Auge keine Lichtveränderung erkennbar – was uns die Kraft der Sonne buchstäblich vor Augen führt. Dann wird es schummrig, und bevor es dunkel wird, flackert das Licht in Wellen über den Boden. Jetzt würden die Vögel aufhören zu singen, aber um diese Jahreszeit sind erst die ersten Grillteisten nach Spitzbergen zurückgekehrt, und Treffpunkt Bei Hackfleisch-Pizza und Eisbär-Bier diskutieren wir am Abend im Restaurant Kroa, natürlich mit Understatement cool in Norwegerpullis, über die Menschen in Longyearbyen und die Natur darum herum. Dieser kleine Ort auf 78 Grad nördlicher Breite ist längst zu einer Art Paradies für alle Winter-Outdoor-Sportler geworden, die es gerne sehr viel extremer haben, als das zu Hause möglich ist – ausser für Skifahrer, denn Skilifte sucht man hier vergebens. Im Dorf stehen ungefähr doppelt so viele Skidoos rum, als es Einwohner gibt, und Hunderte von Huskys ziehen PolarNEWS 31

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