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PolarNEWS Magazin - 21 - D

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Die Reise:

Die Reise: Outdoor-Abenteuer rund um Longyearbyen, Spitzbergen Wann: 16. bis 23. März 2015 Basis: Ferienhaus Sea Lodge, Longyearbyen Teilnehmer: 8 plus unser Guide Marcel Schütz Text: Christian Hug Bilder: Heiner Kubny «Es sind ja nur sechs Stunden», sagt Marcel heiter und schaut erwartungsvoll in die Runde. Aber er sieht bloss ratlose Gesichter. Sechs Stunden Schneeschuhlaufen bei minus 20 Grad, den Berg rauf und wieder runter... Erfriert man da nicht irgendwann? Haben wir dafür die richtige Bekleidung mitgenommen? Und insgeheim fragt sich wohl jeder in der Gruppe: Bin ich hart genug, so eine Tour durchzustehen – oder ist der gefrorene Schnee härter? Erst heute Morgen sind wir in Longyearbyen angekommen und haben während des Willkommens-Sightseeings von der meteorologischen Forschungsstation am Berg bis zum Campingplatz am Meer einen ersten Eindruck davon erhalten, was «Frühling» in Spitzbergen bedeutet: dicke lange Unterhosen und im besten Sinne des Wortes eisige Winde. «Wir können morgen ja mit einer einstündigen Angewöhnungstour am Vormittag beginnen, und wer dann noch mag, kommt am Nachmittag mit auf einen Dreistünder», schlägt Marcel vor und lächelt gütig. Man sieht ihm an, dass er gerne die grosse Tour gemacht hätte. Aber hey, Marcel lebt hier, er ist vor drei Jahren von Bern nach Longyearbyen gezogen und führt seither Touristen durch die Gegend. Wenn er ins Freie geht, trägt er Kleidung, die bei uns als leichte Herbstgarderobe durchginge. Wir aber sind glücklich mit seinem Vorschlag. Wir haben keine Erfahrung mit Outdoor-Sport bei minus 20 Grad. Wir, das ist das vierköpfige Redaktionsteam des PolarNEWS; Anna und Adrian, ein offensichtlich berggängiges junges Paar aus dem Kanton Uri; der pensionierte Arktis-Fan Ruedi und die 72-jährige Susi. Susi ist bereits 16 Mal mit PolarNEWS in die Arktis und die Antarktis gereist und, wie man so schön sagt, fit wie ein Turnschuh. Probelauf Der «Testlauf» am nächsten Morgen entpuppt sich dann als Spaziergang, denn wir merken schnell, dass auch hier die Regeln der Alpen gelten: warm, aber nicht allzu warm und windfest anziehen und immer in Bewegung bleiben. Und erstaunlich: Der am Bart zu Eis gefrorene Atem bildet eine wärmende Schutzschicht ums Kinn. Wir steigen hoch zu einem Plateau des Platabergs 400 Meter über dem Meer und geniessen die Aussicht auf Longyearbyen, das so ausserirdisch-idyllisch am noch halb zugefrorenen Isfjord liegt. Erleichtert und aufgekratzt kehren wir zurück zu unserem Ferienheim, einem kleinen Häuschen aus Holz direkt am Meer mit winzigen Zimmern und leistungsstarken Heizungen. Sämtliche Energie, die die rund 2000 Einwohner in Longyearbyen verbrauchen, wird übrigens aus der Steinkohle gewonnen, die in der Grube Nummer sieben etwas ausserhalb des Ortes abgebaut wird. Wir essen fliegend zu Mittag und machen uns auf zur zweiten Runde Schneeschuhlaufen: Wir starten bei den gigantisch grossen Eiscat-Radaranlagen 17 Kilometer ausserhalb des Dorfes zu einem dreistündigen Rundgang mit bezaubernder und beeindruckender Aussicht auf das Adventdalen und Gletscher und die für Spitzbergen typischen Bergketten, bei deren Anblick ich mir immer vorstelle, wie die Kraft der Plattentektonik vor Jahrmillionen die Dinger einfach senkrecht in die Höhe gepresst hat. Sogar Susi, unser weiblicher Methusalem, hält mühelos mit. Die einzige Mühe ist der Umstand, dass Brillenträger kaum mehr was sehen, wenn sie gegen den 28

Wind atmen: Der Dampf gefriert augenblicklich an den Brillengläsern. Globales Dorf Gelöst und müde, aber stolz auf das Gelingen unseres zweiteiligen Abenteuers, beenden wir den Tag bei medium rare gebratenem Rentiersteak, Pizza Napoli mit extradickem Boden und knackfrischem Salat im Restaurant Kroa, dem angesagtesten In-Place der Insel. Alles, was hier oben gegessen wird, kommt übrigens per Flugzeug rein, auch das schwedische Rentiersteak. Es verwundert deshalb nicht, dass sogar in Longyearbyen schon im März die faden und farblosen Erdbeeren aus Marokko serviert werden – willkommen im Global Village... Das Kroa aber ist grossartig: Rustikal und gemütlich eingerichtet, tummeln sich hier alle Longyearbyner und Touristen und geben sich betont cool, wenn ich mir diesen Ausdruck bei solchen Aussentemperaturen erlauben darf. Hier sind die Spitzbergen-Freunde unter sich, und es geht durchaus auch um Sehen und Gesehenwerden. Denn übermorgen wird über Spitzbergen die totale Sonnenfinsternis stattfinden, weshalb weltberühmte Profifotografen und passionierte Hobby-Astrologen angereist sind. Man kennt sich, plaudert, bleibt lässig. Und Informationen kursieren im Eiltempo: Dass die Wetterprognosen vielversprechend sind. Dass Tourguide Bjorn mit einer Gruppe umständlicher Japaner unterwegs ist. Und dass im Tempelfjord ein junger Eisbär einen Touristen aus seinem Zelt gepult und schwer verletzt hat, der Eisbär aber angeschossen wurde und schliesslich von der lokalen Polizei erschossen werden musste – was alle Tourguides masslos ärgert, weil die Menschen besser aufpassen sollten, statt Eisbären totzuschiessen. Marcel eröffnet das Briefing für morgen: Schneescooter-Tour nach Barentsburg, 60 Kilometer hin, russisches Mittagessen im Restaurant, 60 Kilometer her. Und wieder macht sich in unserer Gruppe die Betretenheit der Unerfahrenen breit: Werden wir frieren? Werden wir mit den Höllenmaschinen zurechtkommen? Wie lange braucht man für sechzig Kilometer? Susi entscheidet, als Beifahrerin mitzukommen. Heiner und Ruedi freuen sich mächtig auf die Tour, sie waren schon in Tschukotka mit Schneescootern unterwegs. Rosamaria ebenfalls. Aber sie findet alles doof, was Motoren hat. Und entscheidet sich ebenfalls, als Beifahrerin mitzukommen. Was wiederum Heiner nur mässig begeistert, weil er derjenige ist, der Rosamaria auf dem Beifahrersitz haben wird, und das bedeutet für ihn, langsamer und vorsichtiger zu fahren. Lohn der Wanderung: Ausblick auf Longyearbyen (oben links). Unterwegs in einem Canyon des Sassendalen (unten). PolarNEWS 29

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