Aufrufe
vor 2 Jahren

PolarNEWS Magazin - 21 - D

  • Text
  • Polarnews
  • Spitzbergen
  • Antarktis
  • Kilometer
  • Longyearbyen
  • Wasser
  • Lummen
  • Nordostpassage
  • Schweizer
  • Beiden
  • Magazin

Text: Peter Balwin

Text: Peter Balwin Bilder: Stefan Gerber, Heiner Kubny Eben lag noch eine idyllisch bleierne Frühlingsruhe über der einsamen Bucht mit ihrem Traumstrand. Gleichförmig sind niedrige Wellen am sandigen Strand ausgelaufen und haben den feinen, spurenlosen Sand immer wieder aufs Neue benetzt. Ein paar fussballgrosse Eisbröckchen liegen wie zufällig hingestreut am Ufer. Sie gleissen im kühlen Sonnenlicht dieses antarktischen Septembermorgens. Urplötzlich durchbricht ein lautes Prusten die Stille; etwas Mächtiges taucht an der Wasseroberfläche auf. Zielgerichtet schwimmt ein massiges Tier dem Strand entgegen: Der Regent kehrt zurück, der despotisch herrschende Boss dieses Strandes, ein dicker See-Elefantenbulle! Obwohl kein anderes Tier in der Bucht zu sehen ist, beginnt der Koloss am Strand zu patrouillieren. Der Boss nimmt den Strand in Beschlag. Denn soviel ist klar: Diese Küste ist keine normale Uferlinie. Bald schon wird es hier von See-Elefanten nur so wimmeln. Weibchen werden an Land kommen, Dutzende, Hunderte. Protzige Männchen werden erscheinen und sich bei den Weibchen einschmeicheln. Die Tiere werden in grossen Gruppen dösen, rülpsen, streiten, schnarchen und das Haarkleid erneuern. Vor allem aber: Sie werden sich hier auch paaren. Und dazu werden die Männchen untereinander harte Kämpfe austragen. Da macht es sich gut, wenn das Revier frühzeitig abgesteckt ist. Der Chef ist also soeben eingetroffen. Er scheint es zu wissen: Wer als Männchen nach dem eisigen Winter als Erster hier auftaucht, der sichert sich auch eine obere Stufe in der Hierarchie innerhalb der Kolonie. Es sind dies meist die schwersten und die längsten See-Elefanten. Sie bringen leicht ein Gewicht von bis zu 3800 Kilogramm auf die Waage und messen bis zu 4,5 Meter von der Hinterflosse bis zur Nasenspitze. Wer mit solchen Körpermassen auftrumpfen kann, zählt zur Weltspitze. Kein Wunder, ist der Südliche See-Elefant von allen Robbenarten die grösste. Doppelt so schwer wie ein normaler Personenwagen... Laute Revierkämpfe See-Elefanten bewohnen die Inseln und Eilande rund um die Antarktis. Von den geschätzten 700’000 Südlichen See-Elefanten, die es heute gibt, treffen sich gut die Hälfte in den Fortpflanzungskolonien auf Südgeorgien. Andere wichtige Kolonien liegen auf den Inseln Macquarie, Kerguelen und Heard. Einige weitere Ansammlungen sind auf anderen subantarktischen Inseln anzutreffen, etwa auf den Falklandinseln, hier vor allem auf Sea Lion Island, wo mehr als 2000 See-Elefanten an Land kommen. Die einzige Kolonie auf dem kontinentalen Festland ist diejenige auf der Valdés-Halbinsel in Argentinien mit rund 50’000 Tieren. Diese massige Robbenart spielt eine wichtige Rolle im Ökosystem des Südozeans rund um die Antarktis und wird dort von Zoologen als einer der Hauptkonsumenten angesehen. Schätzungen besagen, dass alle Südlichen See-Elefanten zusammen jedes Jahr ungefähr 4,5 Millionen Tonnen an Beutetieren verschlingen, zum Grossteil Tintenfische. Das Ungetüm am einsamen Strand tut gut daran, seinen Uferabschnitt zu überwachen. Kaum ist es an Land gegangen, folgt ein zweites, nicht minder kräftiges Männchen von enormer Körperfülle. Ein Konkurrent! Obwohl weit und breit noch kein einziges Weibchen angekommen ist, gehen die Kontrahenten ohne Zögern auf Konfrontationskurs. Schon richten sich die beiden Dreitönner unter gehässigem Brüllen bis zu zwei Meter hoch auf und drohen sich gegenseitig aufs Übelste. Den charakteristischen kurzen Rüssel an ihrer Nase blähen sie bei dieser Gelegenheit stark auf, um Dominanz zu markieren. Naht das Ende des Streites, schwillt das gutturale Gebrüll derart laut an, dass es Menschen noch in mehreren Kilometern Entfernung hören können. Auch hier hilft die aufgeblasene Nase, dieses Mal als Resonanzkörper. Bis zu 20 Sekunden dauert ein «Brüller»! 18 Wenn sich der See-Elefant aufrichtet, ist er locker zwei Meter hoch. Da machen die Pinguine vorsichtshalber PolarNEWS schon mal Platz.

Beruhigend: Bei fast allen «Handgreiflichkeiten» genügt es, wenn sich die aufgebrachten Männchen gehörig anbrüllen. Nur bei 4 Prozent aller Auseinandersetzungen kommt es tatsächlich zum Kampf, und der endet meistens blutig. Dann rammen die Bullen ihre spitzen Zähne mit Schwung in den Hals des Gegners. Selbst die 5 Zentimeter dicke Haut am Hals eines ausgewachsenen Männchens sowie die darunter liegende 5 bis 15 Zentimeter mächtige Fettschicht vermögen die immense Wucht der feindlichen Schläge nicht abzudämpfen. Ab in den Harem Die Gehässigkeiten zwischen unseren beiden See-Elefanten-Männern bekommen endlich einen Sinn, wenn sich die ersten Weibchen eine bis vier Wochen später am Strand blicken lassen. Dann geht das Drohen und Kämpfen erst recht los. Die Weibchen wirken klein im Vergleich zu den gigantischen Männchen: Mit einer maximalen Körperlänge von 3 Metern und einem Gewicht von lediglich 250 bis 800 Kilogramm wirken sie wie Jungtiere oder eine andere Robbenart. Tatsächlich gibt es weltweit kein anderes Säugetier, bei dem der Grössenunterschied zwischen den Geschlechtern derart frappant ist wie beim See-Elefanten. Zoologen nennen das Geschlechtsdimorphismus. Innert weniger Tage kommen ständig mehr und mehr Weibchen aus dem Meer zurück zur Fortpflanzungskolonie. Sie haben gerade acht bis neun Monate im Meer verbracht. Ab etwa Oktober müssen sie für gut drei oder vier Monate an Land, eigentlich nur, um ihr Junges zu gebären – gezeugt im Sommer davor – und rund drei Wochen zu säugen, das eigene Haarkleid zu wechseln und sich erneut begatten zu lassen. Sie wählen die gut zugänglichen Stellen eines Strandabschnittes auf einer subantarktischen Insel, um sich an Land zu hieven, und scharen sich spontan zu kleinen Gruppen von zwei bis vier Tieren zusammen: Der Kern eines regelrechten Harems ist gebildet, um dessen Gunst sich die dicken Männchen streiten. Neu ankommende Weibchen werden vom dominierenden See-Elefanten-Bullen sofort in den Harem getrieben. Die Hauptaufgabe eines Bullen besteht nun darin zu verhindern, dass die Weibchen sich davonmachen, bevor sie geschwängert wurden. Von ihm höchstpersönlich, versteht sich. Nicht etwa vom Nachbarsbullen... Stresstest Die durchschnittliche Grösse eines solchen Harems schwankt je nach Insel. Während ein Harem auf den Kerguelen bis zu 135 Weibchen umfassen kann, zählt er auf Südgeorgien rund 70. Auf der Macquarie-Insel hat man bei wirklich grossen Harems zwischen 300 und 600 Weibchen beobachtet, ein einzelner umfasste sogar über 1000. PolarNEWS 19

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum