Aufrufe
vor 2 Jahren

PolarNEWS Magazin - 20 - D

  • Text
  • Polarnews
  • Antarktis
  • Arktis
  • Schiff
  • Rubriktitel
  • Zeit
  • Pinguine
  • Menschen
  • Reise
  • Expedition
  • Magazin

Mutmassung 1: «HMS

Mutmassung 1: «HMS ‹Erebus› im Eis», Gemälde von François Etienne Musin, 1847. den geringsten Anhaltspunkt über den Verbleib der beiden inzwischen seit vier Jahren vermissten Schiffe. Jetzt wurde die Sache langsam ernst. Die Admiralität setzte im Frühling 1850 die riesige Summe von 20’000 Pfund Sterling Belohnung aus für denjenigen, der Franklin fand und ihm Hilfe leistete – das sind nach heutigem Geldwert rund 2 Millionen Euro. Weitere 10’000 Pfund versprach man demjenigen, der gesicherte Informationen über den Verbleib Franklins und seiner Männer geben konnte. Die Zeitungen weckten mit den gerade aufkommenden farbigen Illustrationen ein gigantisches Publikumsinteresse um das Franklin-Drama. Drei Gräber Vierzehn zum Teil aus mehreren Schiffen bestehende Suchexpeditionen schwärmten aus, finanziert aus unterschiedlichsten Quellen und aus verschiedenen Staaten stammend. Vor allem John Franklins Frau Lady Jane setzte sich mit enormen finanziellen Mitteln und massiver politischer Einflussnahme für die Rettung ihres Mannes und seiner Mannschaft ein. Im August 1850, fünfeinhalb Jahre nach Franklins Abfahrt, fand man vor der Beechey-Inseln drei Gräber von Besatzungsmitgliedern, auf deren Kreuzen ihr Tod auf Januar und März 1846 datiert war. Die Todesursachen waren nicht vermerkt. Man fand auch 700 mit Kieselsteinen gefüllte Konservendosen und Kleiderfetzen. Das liess zwar Böses erahnen, bewies aber letztlich nichts. Die Suche musste weitergehen. In den Jahren 1852 und 1853 wurden weitere vier Suchexpeditionen losgeschickt, eine davon war mit fünf Schiffen unterwegs – doch keine fand weitere Spuren von Franklin. Per 31. März 1854 wurden sämtliche Teilnehmer der Franklin-Expedition offiziell für tot erklärt, «zu betrachten als verstorben im Dienst». Inuit als Augenzeugen Nur ein Jahr später tat sich eher zufällig eine heisse Spur auf: Der schottische Forscher John Rae war im Auftrag der Hudson’s Bay Company auf dem Festland unterwegs, um Bei den drei Gräbern vor der Beechey-Insel stehen heute Gedenksteine. neue Gebiete auszukundschaften, und stiess bei einem Inuit-Stamm auf Gegenstände, die eindeutig von Franklins Expedition stammen mussten, darunter eine kleine silberne Tafel mit der Gravur «Sir John Franklin KCB». Die Inuit erzählten Rae von weissen Männern, die vor Jahren Richtung Süden über das Eis gelaufen, im Gehen umgefallen und gestorben waren. Sie berichteten auch von Massengräbern und von Kannibalismus unter den weissen Männern. Die Nachricht schlug in London ein wie eine Bombe. Endlich konkrete Hinweise! Aber der Verdacht auf Kannibalismus war eine grenzenlose Frechheit. Nie und nimmer würde ein so hochrangiger Admiral wie John Franklin Kannibalismus zulassen! Das sei «in höchstem Mass unglaubwürdig», ereiferte sich sogar der berühmte Schriftsteller Bilder: National Maritime Museum, Greenwich, London; Heiner Kubny. 82 PolarNEWS

Mutmassung 2: «Sir John Franklin sterbend bei seinem Rettungsboot». Gemälde von W. Thomas Smith, 1895. Das einzige gefundene offizielle Schriftstück der Expedition, mit handschriftlichen Notizen. Charles Dickens und verunglimpfte die Inuit: «Sie sind habgierig, hinterhältig und grausam. Mit einer Vorliebe für Blut und Walfischspeck.» Lady Jane beantragte der englischen Admiralität umgehend eine neue Suchaktion, doch diese lehnte ab: Inzwischen war England an der Seite Frankreichs in den Krimkrieg gegen Russland eingetreten und hatte andere Sorgen als der Verbleib von 129 sowieso schon für tot erklärten Arktishelden. Franklins Witwe kam selber für die Finanzierung der Suchexpedition unter Francis Leopold McClintock auf. Endlich Gewissheit McClintock wurde vor der Westküste der King-William-Insel mehrfach fündig: An einer Stelle fanden die Suchmannschaften tatsächlich verstümmelte menschliche Skelette und scheinbar als nutzlosen Ballast liegengelassene Ausrüstungsgegenstände. Weiter südlich stiessen sie auf ein Skelett in einer Steward-Uniform mitsamt einem Notizbuch, das aber keinerlei Angaben erhielt über Daten und Geschehnisse, sondern ziemlich wirre, zum Teil rückwärts buchstabierte Notizen enthielt. Noch weiter südlich fanden sie ein 8,5 Meter langes Rettungsboot mit weiteren zwei Leichen drin. Überaus sonderbar: Um das Rettungsboot verstreut lagen vollkommen nutzlose Dinge wie Silberbesteck, seidene Taschentücher, parfümierte Seife, sechs Bücher, fünf goldene Uhren. An Lebensmitteln fand man hingegen nur etwas Tee und 20 Kilo Schokolade. Was war hier passiert? Der wichtigste Fund von McClintock aber war ein in einem Steinhaufen eingestecktes Formularblatt der englischen Marine mit handschriftlichen Notizen von Francis Crozier, Kapitän der «Terror», und James Fitzjames, Erster Offizier der «Erebus». Diesem Stück Papier war zu entnehmen, dass Sir John Franklin am 11. Juni 1847 verstarb – ohne Angabe einer Todesursache und bereits zwei Jahre nach der Abfahrt in London – und dass zu diesem Zeitpunkt bereits 23 seiner Männer ebenfalls tot waren. Des weitern, dass die 105 noch lebenden Männer am 22. April 1848 die beiden Schiffe aufgegeben hatten, nachdem sie seit dem 12. September 1846 von Eis umgeben waren. Dazu einige Koordinaten. Das Formular blieb bis heute das einzige schriftliche Fundstück der Franklin-Expedition. Viele Spekulationen Was genau geschehen war, lässt sich nur vermuten und allenfalls vage rekonstruieren. Aber warum Franklins Expedition so katastrophal aus dem Ruder gelaufen war, darüber gibt es verschiedene Theorien. Die wahrscheinlichste basiert auf den mitgeführten Konservendosen: Diese wurden damals mit einer 90-prozentigen Bleilösung verlötet und mussten mit Hammer und Meissel geöffnet werden. Doch Blei lagert sich im Körper ab und führt zu einer schleichenden Vergiftung: Es greift das zentrale Nervensystem an, der Körper wird zuneh- PolarNEWS 83

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum