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PolarNEWS Magazin - 20 - D

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sen, wenn sie den

sen, wenn sie den Zeitpunkt verpasst haben, aufs Eis zu gehen. Dann wandern die Bären den Küsten entlang auf der Suche nach Futter... Kumulierte Ablagerungen Bisher haben wir über die von blossem Auge sichtbaren Makro-Plastikteilchen gesprochen – mit den «augenscheinlichen» Problemen, die sie verursachen. Gehen wir nun einen Schritt weiter und befassen uns mit den mikroskopisch kleinen Plastikteilen, die von blossem Auge nicht mehr sichtbar sind – und immer weniger abschätzbare Gefahren bergen, je kleiner sie werden: Mikroplastik in seiner kleinsten Form. Das grösste Problem: Mikroplastik wird in Körpern von Tieren eingelagert – und summiert sich, je höher die Nahrungskette reicht. Das geht so: Die winzigsten Mikroplastikteile, die nicht vom Eis der Arktis eingeschlossen sind, werden von Algen eingelagert. Plankton-Tierchen fressen Algen und lagern deren Mikroplastik ihrerseits in ihren Körpern ab. Kleine Fische fressen Plankton und lagern den Mikroplastik der Algen und des Planktons ab – und so weiter bis zum Ende der Nahrungskette. Das ist wissenschaftlich belegt: Für eine Studie fütterten Forscher in England Fische mit Mikroplastikteilchen und verfütterten die Fische an Kaiserhummer (Nephrops norvegicus). Die anschliessende Obduktion dieser beliebten Speisekrebse zeigte, dass die Kaiserhummer die Fische zwar verdauten, aber die Mikroplastikteile nicht etwa ausschieden, sondern in ihren Därmen einlagerten. Freiwillige Helfer sammeln kaputte Netze. (Bild: Linking Tourism & Conservation LT&C) Auch Bestandteile des Plastiks lagern sich in den Körpern ab: Im Mittelmeer, das als ein stark mit Mikroplastikteilen verunreinigtes Meer gilt, fanden italienische Forscher Finnwale (Balaenoptera physalus) mit stark erhöhten Mengen des Plastikzusatzes Phtalat im Fettgewebe (Fossi et al., 2012). Eine andere Studie an Krabben zeigte, dass die Kleinstteile sich in Darm und Kiemen festsetzen können und sogar in das Gewebe eingebaut werden (Watts et al., 2014). Nicht abschätzbare Gefahr Über die biologischen Konsequenzen solcher Akkumulationen ist nur wenig bekannt. Eine Studie an Würmern, die eine wichtige Reinigungsfunktion im Meer übernehmen, konnte zeigen, dass physiologische Prozesse wie beispielsweise die Energiespeicherung beeinträchtigt werden (Wright et al., 2013). Eine andere Hypothese besagt, dass in den Geweben durch Zersetzungsprozesse Stoffe freigesetzt werden können, die wie Hormone wirken. Da Hormone elementar für Körperfunktionen sind, werden durch die freigesetzten Stoffe unterschiedlichste Prozesse im Körper beeinflusst. Doch auch externe Schadstoffe, die an den Teilen haften und sich dort ansammeln, wenn diese im Meer treiben, können durch die Aufnahme in den Körper gelangen und ihre Wirkungen ausüben (Bakir et al., 2013; Ogata et al., 2013). Auch pflanzliches Plankton scheint vor negativen Auswirkungen von Mikroplastikteilen nicht gefeit zu sein. Eine Feldstudie an den Algen Chlorella und Scenedesmus (Bhattacharya et al., 2010) ergab, dass sich Mikroplastikteile aufgrund ihrer elektrischen Ladung an den mikroskopisch kleinen Algen anhefteten und die Photosynthese blockierten. Ausserdem verhinderten sie die Atmung, was zu sogenanntem Oxidativem Stress führte. Im arktischen Ozean sind Algen die Grundlage der Nahrungskette. Wenn im Frühling das Eis schmilzt und die Algen freigibt, können gleichzeitig Unmengen von Mikroplastikteilen freigesetzt werden, die dann die Vermehrung der Algen hemmen – die Wissenschaftler sprechen von einer Reduktion der Primärproduktion. Weniger Algen, also weniger Nahrungsgrundlage wirkt sich auf das gesamte Nahrungsnetz aus und könnte gravierende Konsequenzen für die gesamte Tierwelt nach sich ziehen, die bereits zur Genüge unter den anderen Auswirkungen des Klimawandels leidet. Und wer steht neben den Eisbären und den Walen ebenfalls am Ende der Nahrungskette? Wir Menschen. Was bedeutet, dass sich Mikroplastik in grösserem Mass auch in unseren Körpern ablagert. Welche Gefahren damit verbunden sind, dazu existieren bisher nur wenige Studien und kaum mehr gesicherte Resultate als dasjenige, dass auch wir Menschen von den Auswirkungen unseres eigenen Plastikmülls nachhaltig betroffen sind. Welche Lösung funktioniert? Die Lage spitzt sich zu. Was kann man dagegen tun? Plastik hat seinen festen Platz in unserer Gesellschaft und ist aus dem Alltagsleben nicht mehr wegzudenken. Millio- 74 PolarNEWS

Trauriger Fund: Zwei Rentiere haben sich mit den Geweihen in Netzen verheddert und sind daran verendet. (Bild: Linking Tourism & Conservation LT&C) nen von Arbeitsplätzen sind direkt und indirekt mit der Plastikindustrie verbunden. Jeder von uns hat und braucht Plastik in seinem Alltag. Daher ist es ausgeschlossen, einfach die Plastikherstellung zu verbieten und auf andere Materialien auszuweichen. Doch wie sollen Lösungen aussehen? Wer soll sie umsetzen? Und wer wird die Kosten dafür tragen? Die Antwort darauf kann nur eine sein: Jeder Mensch weltweit! Jeder und jede von uns kann zur Milderung des Problems beitragen, indem wir bewusster mit Plastik umgehen. Brauche ich drei verschiedene Plastikverpackungen? Kann ich mein Gemüse auch ohne Plastikverpackung einkaufen? Bücke ich mich, um ein Stück Plastik vom Boden aufzuheben und in den nächsten Abfalleimer zu schmeissen? (Auch einheimische Tiere fressen Plastikteile.) Brauche ich für jeden gekauften Artikel eine eigene Tasche? Kann ich diese Tüte mehrfach verwenden? Die Frage ist nicht, ob wir recyclen sollen, sondern wie. Und zwar weltweit. Auch das Rückgewinnen von Energie aus Plastik ist eine Möglichkeit, den Plastikabfall zu reduzieren. Gemäss Zahlen von PlasticsEurope sind die Schweiz, Deutschland, Österreich und Luxemburg federführend in der Vermeidung von Plastikmüll in den Deponien (PlasticsEurope, 2013). In diesen Ländern wird Plastikverpackung entweder recyclet oder für die Energiegewinnung durch Verbrennung genutzt (mit den entsprechenden Umweltauflagen). Dabei werden zwischen 90 und 100 Prozent der im PolarNEWS 75

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