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PolarNEWS Magazin - 20 - D

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Text: Peter Balwin

Text: Peter Balwin Darauf haben Millionen gewartet: Das Brutgeschäft ist abgeschlossen, die hektische Zeit an Land wird in wenigen Wochen vorüber sein – der Winter kommt, das Meer gefriert. In Hunderten von Kolonien an den Küsten der Antarktis treten sich Millionen von Pinguinen auf die rauen, krallenbewehrten Füsse und denken an eine baldige Abreise. Hinaus in die Weiten des Südozeans! Wenn etwa Mitte März, zu Anfang des Südwinters, starke, kalte Winde die ersten feinen Schneeflocken über die wenigen eisfreien Stellen entlang der Küste wehen, dann stehen nur noch kleine, elende Häufchen verwaister, kranker oder halbtoter Pinguine an den Ufern. In den kurzen Sommermonaten davor war dort ein unbeschreiblich lautes, betriebsames schwarzweisses Gewusel zu beobachten. Wenn ungemütliche Stürme und kalte Temperaturen den Einzug des Winters ankündigen, dann halten sich viele zehn- oder hunderttausende Pinguine einer Kolonie bereits irgendwo im riesigen Meer draussen auf. Der dick eingepackte menschliche Beobachter an Land hört angestrengt in die eisige Stille – und vernimmt nur die Geräusche des Windes. Wo ein halbes Jahr lang ein fröhliches, aufgeregtes Geschnatter aus Tausenden von Pinguinkehlen zu hören war, ein unübersichtliches Kommen und Gehen und Herumstehen, beherrscht ab Winteranfang absolute Ruhe diese herbe frostige Landschaft. Unweigerlich drängt sich die Frage auf: Wo genau in diesem unendlich scheinenden Meer, das den gesamten Kontinent Antarktika umschliesst und ihn zur immensen Insel macht, sind die Pinguine jetzt? Und was machen sie monatelang im kalten Südozean? Spätestens hier ist der Moment gekommen, daran zu erinnern, dass Pinguine Wasservögel sind, die optimal mit ihrem nassen Lebensraum – kalte Meere – vertraut sind. Sie sind bestens angepasste Spezialisten, was nur schon ihr stromlinienförmiger Körperbau zeigt: Er produziert im Windkanal der Wissenschaftler traumhafte aerodynamische Werte – so viel, respektive so wenig wie ein senkrecht und längs in der Strömung stehendes Geldstück. Die dicke Fettschicht unter den Federn hält die Kälte ab. Und die Flügel: kurz, stark, äusserst kräftig. Seit rund 40 Millionen Jahren vermögen es diese Flügel nicht mehr, den Pinguin in die Lüfte zu heben, aber unter Wasser verhelfen derart flossenartig umgestaltete Flügel zu traumhaften Spitzengeschwindigkeiten. Um unter Wasser «fliegen» zu können, verlässt sich der Pinguin auf eine äusserst kräftige Brustmuskulatur. Sie erledigt spielend den energieaufwändigen Flügelauf- und -abschwung gegen den Widerstand des Wassers. Und nicht zuletzt die Knochen: Im Gegensatz zu denjenigen seiner fliegenden Verwandtschaft sind Pinguinknochen schwer, massig und mit Mark gefüllt, aber nicht hohl wie bei Vögeln, die in der Luft fliegen. Schwere Knochen vermindern den Auftrieb im Wasser, dies spart mächtig Energie. Schnelles Eis Es mangelt also nicht an erstaunlichen Anpassungen, die einem Pinguin einen mehrmonatigen Aufenthalt im Meer erst ermöglichen. Doch in welcher Ecke des Südozeans sind die Pinguine der Antarktis und umliegender Inseln denn eigentlich? Und was bringt sie dazu, ihre Brutkolonien an Land am Ende des Sommers meerwärts zu verlassen? Wer als Seevogel mit gutem Appetit Fische, Krill und kleine Tintenfische verzehrt, ist auf eine leichte Erreichbarkeit seiner Jagdgründe angewiesen. Im Spätherbst aber kommt das Eis! Im April beginnt das Meer rund um die Antarktis zu gefrieren. Rasend schnell breitet sich ein eisiger Mantel aus gefrorenem Meerwasser rund um den Weissen Kontinent nach Norden hin aus. Das Meereis wächst mit einer Geschwindigkeit von 1,6 Kilometern pro Stunde oder rund hunderttausend Quadratkilometern pro Tag. Es gibt kaum eine andere derart grossflächige, schnelle und beeindruckende Veränderung eines Ökosystems wie das Zufrieren des Südozeans rund um die Antarktis, vergleichbar vielleicht mit dem Wechsel von Tag und Nacht, der rhythmischen Überflutung der Wattenmeere, einem schnell sich ausbreitenden Buschfeuer. Im Laufe des Südwinters erreicht die Packeisgrenze auf der pazifischen Seite der Antarktis den 65. südlichen Breitengrad, auf der Seite des Atlantiks sogar 55 Grad Süd. Pinguine müssen diesem Eisgürtel, der ihre Nahrungsgebiete versiegelt, nordwärts ausweichen. Mit Gepäck ins Winterquartier Ein paar wenige Auserwählte treten ihre Winterreise mit einem kleinen Rucksack an, den ihnen ein Forscher in der Brutkolonie angelegt hat. Darin befindet sich entweder ein kaum zwei Gramm schweres und zwei Zentimeter grosses Aufzeichnungsgerät (ein «Geolocator») oder ein rund 80 Gramm schwerer und zehn Zentimeter langer Satellitensender. Die beiden Systeme arbeiten etwas unterschiedlich, haben aber beide zum Ziel, der Wissenschaft zu verraten, was ein Pinguin im Winter da draussen im Meer so treibt. Erst die Miniaturisierung technischer Geräte macht es heute möglich, quasi «dabei zu sein», wenn sich Pinguine in ihrem Winterquartier aufhalten oder dorthin unterwegs sind. Diese winzigen Mess- oder Übertragungsgeräte, welche den Vögeln mitgegeben werden, liefern so viele spannende Daten, dass etliche Lehrbücher der Biologie wohl bald umgeschrieben werden müssen. Die Pinguinforscher in der Antarktis und den umliegenden Inseln wie Falkland, Südgeorgien, Südorkney, Kerguelen konzentrieren sich auf die Auswertung von Leistungsdaten, welche Antworten liefern zu Aufenthalt und Verhalten der Pinguine im Winter. Solche Parameter sind zum Beispiel die maximale Tauchtiefe, die Dauer der Bild: Stefan Gerber. Vorhergehende Doppelseite: Paul Nicklen/National Geographic Society. 60 PolarNEWS

Tauchgänge sowie der Verbleib ausserhalb des Wassers, die Umgebungstemperatur von Luft und Wasser, die Helligkeit des sichtbaren Lichtes, die Länge der Reisestrecken und vieles mehr. Was die Wissenschaftler aus diesen gesammelten Zahlenbergen dann Spannendes herausarbeiten, lässt die Bewunderung für jedes einzelne der 23,6 Millionen Pinguin-Brutpaare im Südozean nur noch grösser werden! Was Satelliten verraten Die neuesten Studien zu den Winteraktivitäten der antarktischen und subantarktischen Pinguine befassen sich mit Arten wie Königs-, Kaiser-, Adélie-, Felsen- und Goldschopfpinguin, aber auch mit dem an den Küsten des südlichen Chile und Argentinien lebenden Magellanpinguin. Im Falle des Königspinguins hat die Besenderung dazu geführt, dass Wissenschaftler rekordverdächtige Zugstrecken messen konnten. Besonders junge Königspinguine scheinen sehr reisefreudig zu sein. Sobald sie ihre Geburtskolonie verlassen hatten, legten sie täglich im Durchschnitt 45 Kilometer im Meer zurück, wobei das Maximum auch mal das Doppelte oder sogar das Vierfache dieses Tageswertes erreichte. Weil sich die Jungen eine neue Bleibe fürs kommende Brutgeschäft suchen müssen, durchkreuzen sie den Südozean besonders intensiv, so könnte man meinen... Bei diesen als Ausbreitungsbewegung bezeichneten Wanderungen (in der Ornithologie Dispersion oder auch Dispersal genannt) legten junge Könige von den Falklandinseln fast 6800 Kilometer zurück, Vögel aus Südgeorgien sogar beinahe 7600. Im Meer treibende Eisbrocken und Eisberge bieten die ideale Gelegenheit, sich auszuruhen, wie das hier ein Kehlstreif- und ein Adéliepinguin tun. PolarNEWS 61

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