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PolarNEWS Magazin - 20 - D

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Heiner: Wenns kalt ist,

Heiner: Wenns kalt ist, taue ich erst richtig auf! Nach diesem Aha-Erlebnis reisten wir mindestens dreimal pro Jahr in die Antarktis und fotografierten. 2001, zwei Jahre, nachdem ich aus der Firma ausgetreten war, gingen wir mit unserer ersten Diashow auf Tournee. Sie war ein Riesenerfolg. Schon an der Premiere waren 800 Leute im Saal. Inzwischen sind Sie längst auch ein Reise-Unternehmen. War das Teil des Plans? Heiner: Nein, eigentlich nicht. An den Diashows wurden wir immer wieder gefragt, ob man auf unsere Reisen mitkommen könne. Das ging natürlich nicht, weil wir damals ja selber ganz normale Kunden bei Reiseveranstaltern waren und vom Organisieren von Reisen keine Ahnung hatten. Mit Hilfe eines professionellen Reisebüros führten wir 2004 unsere erste eigene Reise durch, wir hatten auf Anhieb 36 Gäste, was in diesem Bereich als Grosserfolg gewertet werden darf. Rosamaria: Und auf dem Schiff verteilten wir die allererste Ausgabe von PolarNEWS. Sie haben viel gelernt: Heute gelten Sie in der Branche als ausgewiesene Experten für Polarreisen, insbesondere in den russischen Raum. Heiner: Wie gesagt, ich mag Routine nicht... Wir sind immer noch oft unterwegs, wir kennen viele Leute vor Ort persönlich, mit ihnen pflegen wir nicht nur Geschäftsbeziehungen, sondern Freundschaften. Vor allem in Russland werden auf diese Weise einzigartige Reisen wie mit dem Eisbrecher zum Nordpol oder mit eisverstärkten Schiffen zur Wrangel-Insel überhaupt erst möglich. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs? Heiner: Hmm... Herzblut ist uns definitiv wichtiger als Geld. Wir sind von den polaren Regionen begeistert, und diese Begeisterung geben wir weiter. Wir waren inzwischen 25 Mal in der Antarktis – wir sind mit den Pinguinen «per du», wenn man das so sagen kann. In der Arktis waren wir noch häufiger. Wir kennen da fast jede Ecke. Wir verfügen über Wissen und Informationen aus erster Hand, und unsere Bilder erzählen Geschichten. Da gibt es zum Beispiel dieses Bild von einem Eisbären, das ich auf dem Schiff aus drei Metern Distanz gemacht habe. Ich konnte hören, wie das Eis unter seinen Schritten knisterte, ich habe seinen Atem gehört und ihn gerochen. Das sind bewegende Momente. Diese Geschichten sind unser Erfolg. Solche Geschichten bringen wir ins Heft. Die Beiträge im PolarNEWS haben sich allerdings verändert: Bis vor fünf Jahren zeigten Sie im Heft vor allem Tiere und erzählten von Reisen. Heute berichten Sie regelmässig auch über Umweltprobleme und Politik in den polaren Regionen. Heiner: Wir sind kritischer geworden. Wir wissen heute mehr. Zum Beispiel über den Klimawandel. Heiner: Wer heute nach Spitzbergen reist, sieht imposante Gletscher und ist begeistert. Das ist selbstverständlich okay. Rosamaria und ich reisen aber seit 17 Jahren immer wieder nach Spitzbergen, und wir konnten beobachten, wie einzelne Gletscher mit jedem Mal kleiner geworden sind. Das bereitet uns grosse Sorgen. Rosamaria: Wenn man die Gegenden kennt und weiss, wie es da früher ausgesehen hat, dann erschrickt man, wie weit sich die Gletscher schon zurückgezogen haben. Kommt hinzu, dass der Einfluss des warmen Golfstroms heute viel weiter nach Norden reicht. Kürzlich wurden weit oben im Norden Thunfische gefangen, die eigentlich in diesen Breitengraden nicht leben. Im PolarNEWS berichten Sie auch über die Erdölförderung und die Jagd nach den Bodenschätzen in der Arktis. Rosamaria: Das ist ein Riesendrama! In Alaska herrscht eine richtige Goldgräberstimmung. Grönland könnte Uran und Seltene Erden abbauen, letzterer ein sehr begehrter Rohstoff, der für Schlüsseltechnologien und elektronische Massenprodukte wie Mobiltelefone und Akkus verwendet wird. Das Land hat die Schürflizenzen jedoch an Chinesen verkauft mit dem Resultat, dass diese eine ganze Stadt bauen und ihre eigenen Arbeiter hinbringen wollen. Russland will mit Erdölbohrungen in der Tiefsee anfangen und hat in 4000 Meter unter der Erdoberfläche eine Fahne in den Meeresboden gesteckt, um damit seine territorialen Ansprüche geltend zu machen. Die einzigen Gewinner bei diesem Run nach Bodenschätzen sind die Erdölmultis und die Rohstoffhändler. Die indigene Bevölkerung hingegen, sie sind die Verlierer. Genauso wie die Fauna und die Flora. Wir wollen unsere Leser für diese Probleme sensibilisieren. Kann denn der Tourismus zu einer Sensibilisierung beitragen? Man spricht ja derzeit von einem Trend bei den Polarreisen. Heiner: Die Reisen in die Polarregionen nehmen zu, das ist so. Vor allem in die Arktis. Auch des Klimawandels wegen. Etwas zynisch formuliert: Alle wollen noch Eisbären sehen, bevor sie ausgestorben sind... Aber im Ernst: Es gibt zwei Arten von Reisen in die polaren Gebiete. Die eine Art beunruhigt mich eher: Der Massentourismus auf Kreuzfahrtschiffen mit bis zu 3000 Passagieren mit einem oder zwei kurzen Landausflügen. Diese Leute sehen nichts von der Natur. Sie gehen auf Spitzbergen von Bord, laufen ein bisschen herum, kaufen eine Postkarte und fahren weiter. Sie können dann zu Hause erzählen, dass sie Spitzbergen «gemacht haben». Zum Glück gibt es inzwischen Regelungen, um diesen Massentourismus in Bahnen zu lenken und einzudämmen. Und die andere Art? Rosamaria: Kleine Schiffe mit kaum mehr als hundert Passagieren. Diese Reisenden sind gut vorbereitet und informiert. Es werden täglich mindestens zwei Landgänge durchgeführt, die mehrere Stunden dauern, das ist manchmal durchaus anstrengend. Es gibt wissenschaftliche Vorträge auf dem Schiff. Diese Leute kommen nach Hause und geben ihre Begeisterung weiter, und das wiederum sensibilisiert auch die Daheimgebliebenen. Das ist die Art, wie wir reisen. 54 PolarNEWS

Sie führen ein echtes Abenteuerleben. Heiner: Naja... Ich bin jetzt 64 Jahre alt, Rosamaria ist 65. Würden wir nicht auf Trab bleiben, wären wir ja alte Leute... Machen Sie auch normale Ferien? Rosamaria: Noch nicht so lange. Manchmal besuchen wir ein befreundetes Paar in Thailand. Dann leidet Heiner immer, weil er am Strand liegen muss und es warm ist. Kürzlich waren wir für zehn Tage in Oman. Und da hat Sie das Wüstenfieber gepackt? Heiner: Keine Zeit! Wenn man im Rentenalter ist... Rosamaria: ...und 300 Prozent arbeitet... Heiner: ...dann wird die Zeit, die einem noch bleibt, immer weniger. Da überlegt man sich genau, was man noch erleben und erreichen möchte. Wir sind besessen von den Polarregionen, von der Natur, der Stille und Ruhe da. Und in der Wüste... Rosamaria: ...wärs dir sowieso zu heiss. Der Kältevirus bleibt also virulent. Heiner: Es gibt kein Serum dagegen. Das Polarfieber ist unheilbar. Macht es denn überhaupt Sinn, mit Touristenschiffen in diese hochempfindlichen Ökosysteme zu reisen? Heiner: Dieser Frage stellen wir uns immer wieder. Wenn man diesen Gedanken konsequent zu Ende denkt, darf man auch nicht zum Vergnügen mit der Seilbahn auf einen Berggipfel fahren. Man muss sich entscheiden. Wir haben uns dafür entschieden, denn wie sagt man so schön: Wenn einer eine Reise tut... Rosamaria: Und wir nehmen unsere Verantwortung wahr. Deshalb sind wir Mitglied sowohl der Association of Arctic Expedition Cruise Operators AECO als auch der International Association of Antarctica Tour Operators IAATO. Beide Organisationen sind Zusammenschlüsse von Reiseveranstaltern in den polaren Gebieten, die sich an strenge Auflagen halten. Hier entsteht das PolarNEWS: Die Kubnys in ihrem Büro in Zürich. Kann der Tourismus, den Sie anbieten, der Bevölkerung vor Ort etwas nützen? Heiner: Wir werden die Entwicklung weder bremsen, noch werden wir etwas verändern können. Auch wir nicht. Was wir tun können, ist das gegenseitige Verständnis fördern. Und Tourismus schafft Arbeitsplätze – unsere Art von Reisen noch viel mehr als der oberflächliche und nicht nachhaltige Massentourismus. Wie rechtfertigen Sie dann die Reisen, die Sie organisieren und privat unternehmen? Heiner: Ich will es mit einem Erlebnis erklären. Es ist wohl jenes, das mich am meisten bewegt hat, mehr als die Kaiserpinguine: Auf einer unserer Reisen kam eine alte Frau auf mich zu. Sie umarmte mich, wir hielten unsere Köpfe zusammen, unsere Stirnen berührten sich. Rosamaria: Sie hat in ihrer Sprache gesprochen, wir in unserer, wir haben einander nicht verstanden. Das war in einem kleinen russischen Dorf am Nordpolarmeer. Heiner: Jemand hat übersetzt. Die Frau sagte: «Geht nach Hause und erzählt von uns, damit wir hier nicht vergessen werden.» Das ist eindrücklich! Heiner: Wir erzählen, was wir erleben und was uns bewegt, wenn wir reisen. So können wir etwas vermitteln. Genau so, wie diese Frau es wollte. Seit zwei Jahren erscheint PolarNEWS auch in Deutschland. Wie sieht die Zukunft aus? Kommt demnächst eine englische Ausgabe? Rosamaria: Darüber denken wir tatsächlich nach, das wäre dann aber nicht in Form einer Zeitschrift. Sondern? Rosamaria: Digital. Das Problem der Zeitschrift ist, dass sie nur zweimal im Jahr erscheint. Da ist es schwierig, wirklich aktuell zu sein. Deshalb führen wir seit Jahren auch eine Website, auf der wir tagesaktuelle Nachrichten aus den Polargebieten aufschalten. Auf der Website haben wir 1000 Besucher pro Tag, aus der ganzen Welt. Diese «internationalen» Besucher verweilen oft nur kurze Zeit, weil sie kein Deutsch verstehen. Deshalb haben wir erst kürzlich eine englische Version der Website aufgeschaltet. Es geht voran! Aber das Magazin PolarNEWS wird es weiterhin geben? Heiner: Sicher! Es wird in der nächsten Zeit unsere Aufgabe sein, das PolarNEWS in gute Hände weiterzugeben, damit seine Zukunft gesichert ist. Wir werden vielleicht noch fünf bis zehn Jahre aktiv mit dabeisein. PolarNEWS soll aber auch in zwanzig Jahren noch ein Sprachrohr für die Natur und die Menschen in den Polarregionen sein. PolarNEWS 55

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