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PolarNEWS Magazin - 20 - D

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ich jetzt den Wodka

ich jetzt den Wodka gleich literweise saufen. Stattdessen umkreisen zwei junge Finnwale in aller Seelenruhe unser Schiff und beäugen neugierig die Besucher aus einer für sie fremden Welt. Wir sind entzückt. Zugegeben: Es ginge ja noch weiter. Weit mehr als tausend Kilometer bis zum Südpol. Und nochmal mehr als tausend Kilometer darüber hinaus, bis wir an der anderen Seite der Antarktis angelangt wären. Aber wir wollen jetzt nicht gierig werden. Wir haben den Kontinent betreten und die Antarktis zur Terra Australis Cognita gemacht. Wir haben im Geiste unsere Flaggen in den harten Boden unter dem ewigen Eis gerammt. Und wenn wir Normalsterbliche wirklich bis zum Südpol vorzudringen vorhätten, dann würden die Strapazen trotz aller technischen Hilfsmittel erst anfangen. Wir geniessen also den Triumph und die Vorzüge unseres technischen Hilfsmittels. Es wurde während der Spitzbergen-Reise deutlich und ist auch hier im Süden von unermesslichem Vorteil: das Reisen mit einem kleinen Schiff. Dank dessen geringem Tiefgang und seiner Wendigkeit können wir fast beliebig in noch so kleine Buchten reinfahren, mit den Zodiacs übersetzen und uns zwischen Pinguinen und Pelzrobben im Schnee wälzen. Auf der Heimfahrt zurück nach Ushuaia erzählt ein Passagier, dass er schon mal in der Antarktis war, auf einem Kreuzfahrtbunker für 2000 Gäste. Man hat ihm damals Pinguine versprochen. Aber die waren zwei Kilometer vom Schiff entfernt. Ein Boot mit Crewmitgliedern ist dann rübergefahren zur Kolonie und hat die Pinguine gefilmt – der Film wurde am Abend im grossen Ballsaal gezeigt. Auf unserem Schiff aber hat jeder von uns Passagieren ein Steinchen von der Arktis mitlaufen lassen als Souvenir. Obwohl das von Gesetzes wegen streng verboten ist. Also erzählen Sie das bitte nicht weiter. Auf dieser Reise ist auch Igor Amromin wieder mit von der Partie, ein Freund, der schon bei der Quad-Reise durch die Kola- Halbinsel dabei war. Ein Autofreak, der mit seinem Jeep schon ein paarmal die Rallye Paris–Dakar gefahren ist. Er lebt seit Jahrzehnten in Belgien, ist aber gebürtiger Russe und entsprechend wortkarg. Stundenlang steht er an der Reeling und staunt stumm aufs Meer hinaus. Irgendwann schaut er mich an und sagt: «Tu sais, c’est ça: la nature.» Ein Satz – die ganze Wahrheit. Unerwartet: Absolute Ruhe Ja, man könnte durchaus ein bisschen spirituell werden angesichts dieser für unseren Verstand nicht fassbaren Wildnis. Meine zweite Reise in die Antarktis begreife ich Den Geist der Abenteurer spüren: Meine Erstbetretung deshalb durchaus als Experiment: vom chilenischen Punta Arenas mit dem Flugzeug zack in zwei Stunden direkt auf die König- Georg-Insel am Rande der Antarktischen Halbinsel und dort umsteigen aufs Schiff. Am Morgen also noch gemütlich frühstücken im Hotel, im Flieger ein paar Nüsse 42 PolarNEWS

des Kontinents Antarktika. naschen und bereits am Mittag mit Ausblick auf Tafeleisberge nach Pinguinen Ausschau halten. Es funktioniert nicht. Es geht zu schnell. Der Flug überspringt die Dimensionen von Raum und Zeit, wir könnten in zwei Stunden auch in Madrid sein oder in Prag oder sonst wo, aber immer noch in der Welt, die wir verstehen. Aber nach zwei Stunden Flug in die Antarktis sehen wir keine neue Welt, nur Pinguine als Fotosujets, das kriegt man im Zoo billiger. Aber ausgerechnet auf dieser Reise überkommt mich ein Moment absoluter Ruhe. Die polaren Gebiete sind nämlich nicht ruhig. Im Gegenteil. Unablässig pfeift der Wind in den Ohren. Wellen überschlagen sich oder stranden oder klatschen an die Schiffswand. Pinguine veranstalten einen Riesenlärm, Sturmvögel schreien. Der Schiffsmotor tuckert. Und sogar das Eis knackt und knistert, weil es an der Sonne eingeschlossene Luftblasen freigibt. Der Moment absoluter Ruhe trifft mich also unerwartet. Ich bin der letzte, der eine Kolonie von Kehlstreifpinguinen verlässt, die hoch oben auf einem Berg brüten. Auf der windabgelegenen Seite eines Bergkamms, weit genug weg von den Pinguinen und vom Schiff und ganz allein, ist es plötzlich... still. Und für einen kurzen Moment hört es sogar im Kopf auf zu denken. Es muss weitergehen: Was nun? Was nun? Was kommt als nächstes? Der Südpol, aber das ist wie gesagt ziemlich schwierig. Schon fast unmöglich. Der liegt einfach zu weit weg. Aber vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit... Die nächste Reise jedenfalls steht bereits fest: Die Sonnenfinsternis auf Spitzbergen. Vielleicht führt mich dieser Anblick inmitten des ewigen Eises in eine neue Dimension. Vielleicht auch nicht. Und ja, die Dunkelheit: Nur zu gerne würde ich mal mit einem Eisbrecher durch die Nord-Ost-Passage fahren, und zwar im Winter, wenn es 24 Stunden lang dunkel ist. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie es ist, monatelang in tiefschwarzer Nacht zu leben, ohne durchzudrehen. Oder die Kaiserpinguine besuchen, die grössten aller Pinguine. Sie leben kilometerweit im Inneren der Antarktis. Die norwegische Regierung sucht seit einiger Zeit verwegene Spinner, die auf Spitzbergen ein ganzes Jahr lang in einer alten Holzhütte leben möchten, mit der einzigen Verpflichtung, selber zu jagen. Das wäre auch spannend. Soweit ich weiss, hat sich bisher noch niemand gemeldet. Fest steht: Das Verlangen, mehr zu sehen, mehr zu erleben, wird nicht nachlassen. Im Gegenteil. Und so sicher wie schön ist: Was immer ich in Zukunft tun werde und seit meiner allerersten Reise in die Kälte tue: Ich betrachte meine eigene kleine Welt zu Hause mit anderen Augen. PolarNEWS 43

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