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PolarNEWS Magazin - 20 - D

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überliegende Land

überliegende Land Ant-Arktos. So notierte es jedenfalls der Philosoph Parmenides von Elea 480 Jahre vor Christi Geburt. Damals wusste man noch nicht mal, wo der Kontinent Afrika endet. Nebenbei: Auf diese Schlussfolgerung kam er einzig deshalb, weil für die alten Griechen der Mensch, die Natur und die ganze Welt aus reiner Symmetrie bestanden – ein schöner Gedanke. Und ein hilfreicher dazu. Denn wie wir inzwischen wissen, hat sich Parmenides’ Vermutung bewahrheitet. Allerdings erst Jahrhunderte später, am 16. Januar 1820: Da sah der deutschstämmige russische Seefahrer Fabian von Bellingshausen als erster Mensch das sagenumwobene Land, die Terra australis incognita, mit eigenen Augen. Ein Jahr später setzte der amerikanische Robbenjäger John Davis als erster Mensch seinen Fuss auf das neue Festland, so geht jedenfalls die inoffizielle Kunde, gesichert ist das Erstbetreten durch den norwegischen Naturforscher Carsten Egeberg Borchgrevink. Auf alle Fälle traten die drei einen regelrechten Run auf die Antarktis und ihren Südpol los. Bis dann aber wirklich jemand am südlichsten Punkt des südlichen Kontinents ankam, dauerte es noch einmal fast hundert Jahre. Es war der Norweger Roald Amundsen, am 14. Dezember 1911. Dieser kleine Exkurs in die Entdeckungsgeschichte zeigt: Auch wenn man im hohen Norden nur Grönland verstehen kann, irgendwie, so liegt uns die Arktis trotzdem näher, rein geographisch. Die Ant-Arktis hingegen liegt uns sehr viel ferner, sowohl was die geographische Lage, als auch das Verstehen anbelangt. Mehr Dimensionen: Zeit – und Raum Was uns aber erst recht dazu anspornt, dorthin zu wollen. Dazu ist erstmal ein langer Interkontinentalflug nötig. Zürich–Buenos Aires und von dort nach Ushuaia, der südlichsten Siedlung der Welt ganz am untersten Zipfel von Südamerika. Alles hier ist auf Antarktis eingestellt: die Schiffe im Hafen, die Menschen im Ort und die Souvenirs in den Läden. Sogar die Luft atmet den Puls des Südkontinents. Und wir sind ganz aus dem Häuschen vor lauter freudiger Erwartung. Endlich wieder auf See! Endlich wieder unterwegs! Und dann sehen wir: Schafe auf Falkland. Okay: Wir sehen auf der ehemaligen Kriegsinsel auch unsere ersten freilebenden Pinguine, die seltenen Rockhopper und Magellanpinguine, um genau zu sein, aber das ist bloss Vorspiel, ein Amuse-l’œil. Denn in der schroff-schönen Wildnis Südgeorgiens offenbart sich uns eine schier un- fassbare Fülle pulsierenden Lebens: 200’000 Königspinguine in der Salisbury-Bucht, gar 300’000 in der St Andrews Bay. Es schreit und watschelt und stinkt und schwimmt und frisst und brütet und schläft und drängt und piekt und mausert, alles gleichzeitig, darüber fliegen Skuas auf der Jagd nach kranken Tieren, dazwischen huschen Scheidenschnäbel auf der Suche nach zerbrochenen Eiern, mittendrin schlafen völlig unbeirrt See-Elefanten, rundherum markieren Pelzrobben den Obermacker. Im Reiseprospekt heisst das Fotosafari. Aber wenn man dann drin steht in diesem heftigen Durcheinander und den Mund nicht mehr zukriegt vor lauter Staunen, dann ist es etwas, für das Katalogwörter wie unvergesslich oder überwältigend bloss unbeholfene Beschreibungsversuche sind. Es ist dieses immense Gewusel von Leben in einer Umgebung, die so gar nichts mit unserem Dasein in den gemässigten Klimazonen zu tun hat. Da fährt man tagelang auf dem Schiff über das Meer in die Kälte und trifft eine Tierwelt unvorstellbaren Ausmasses an. In der Arktis, oben im hohen Norden, ist das Leben viel verstreuter. Dort sind Eisbären Einzelgänger, Robben eigentlich auch, Walrosse leben in kleinen Kolonien, und das Brutspektakel der Vögel beschränkt sich auf einzelne Felsen. Hier aber sieht man Pinguine zu Tausenden, zu Hunderttausenden inklusive aller Tiere, die Raum und Zeit spielen absolut keine Rolle: Der Cierva Cove vor der Antarktischen Halbinsel. 40 PolarNEWS

sich um die Pinguine ansiedeln. Und wenn man sich dann auch noch vorstellt, dass im Meer rund um die Antarktis gigantische Krillschwärme umherziehen und die Nahrungsgrundlage für das gesamte Tierreich bilden, übersteigt das schlicht und einfach unser Fassungsvermögen. Apropos tagelang auf dem Schiff: Im Norden wurde uns klar, dass die Zeit nichts bedeutet. Hier im Süden kommt eine neue Dimension dazu: der Raum. Die Antarktis ist gross. Riesengross. Unglaublich riiiiesig. Da treibt ein Tafeleisberg von etwa hundert Metern Höhe und mindestens zwei Kilometern Länge an uns vorbei, und er verliert sich trotz seiner Ausmasse bedeutungslos in der Weite des Meeres – unbedacht der Tatsache, dass das, was wir sehen, bloss die berühmte Spitze des Eisberges ist. Ein Expeditionsleiter sagt, dass dieser Eisberg noch mindestens 500 Meter in die Tiefe geht. Ist das zu fassen? Zeit spielt keine Rolle. Raum spielt keine Rolle. Alles wird. Alles ist. Alles vergeht. Und das alles ist ohne irgendwelche Bedeutung. Das ist auch schon das ganze Geheimnis. Beziehungsweise wäre es, wenn wir das Werden, Sein und Vergehen in seiner ganzen Tiefe zu erfassen imstande wären. Und schon wieder stecken wir mitten in hochphilosophischen Gedanken über uns selbst, während wir mitten hindurch cruisen durch eine Welt, die das veranschaulicht, worüber wir hier gerade nachdenken. Dabei geschieht etwas Sonderbares. Es hat schon auf den Falklands angefangen: In geschlossenen Räumen wurde mir schwindlig. Das ist bis hierhin noch nichts Aussergewöhnliches, Seefahrer kennen das. Wenn das Schiff unentwegt schaukelt, wir aber auf dem Schiff festen Boden unter den Füssen haben, kehrt sich das Ganze auf dem Festland um: Dann ist die Umgebung fix, dafür wackelts im Kopf. Sonderbar wurde es dann aber auf der Prion- Insel, einem kleinen Eiland, wo Wanderalbatrosse zum Brüten herkommen. Umweltaktivisten haben zum Schutz der Vögel einen Steg in die Landschaft gebaut, den man als Besucher beim Beobachten nicht verlassen darf. Und just auf diesem Steg wurde mir wieder schwindlig. Einen Schritt ins satte Tucson-Gras, und der Schwindel hörte schlagartig auf. Einen Schritt zurück auf den Steg, und das Schwindeln setzte unvermindert wieder ein. Das war geradezu unterhaltsam, quasi ein Kopf-Karussell zum An- und Abknipsen. Das wirklich Schöne und Tröstliche daran war aber: Mitten in dieser grenzenlosen Natur, in der weder Geraden noch Dreiecke und schon gar keine Vierecke existieren, wird alles Geometrische zum Fremdkörper, auf den das eigene Gehirn quasi allergisch reagiert. Dieses Erlebnis verändert zum Beispiel das Betrachten unserer Architektur zu Hause nachhaltig. Der Geist des Abenteuers: Die Eroberung des Unbekannten Nun aber endlich, endlich zum Höhepunkt, zum buchstäblich abenteuerlichsten Moment der Reise: das Betreten des Kontinents auf Neko Harbour. Längst ein winzig kleiner Schritt für die Menschheit, aber immer noch ein grosser Schritt für alle, die ihn wagen: Denn selbst wenn man weiss, dass sich alles bloss im Kopf abspielt, schwingen bei diesem kleinen Hüpfer vom Zodiac aufs Festland all die Mythen und Geschichten um die Eroberung der Terra Australis mit. Von Francis Drake und James Cook, die auf der Suche nach dem unbekannten Südkontinent an ihm vorbeigesegelt sind. Von James Ross und James Weddell, die beide die nach ihnen benannten Eismeere vermessen, aber den Kontinent nie betreten haben. Von den gescheiterten Versuchen des Ernest Shackleton. Und natürlich von Robert Falcon Scott und Roald Amundsen, die sich den ultimativen Wettlauf zum Südpol geliefert haben. Und nun also wir, nun also ich, der Eroberer. Das Erinnerungsfoto in Siegerpose ist genauso bedeutend wie dasjenige am Nordpol. Gen Himmel gestreckte Arme zwischen Kehlstreifpinguinen. (Zu Hause kriegt das glückselige Grinsen auf meinem Gesicht einen gewissen Unterhaltungswert.) Wäre die Reise von den Russen organisiert, würde PolarNEWS 41

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