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PolarNEWS Magazin - 20 - D

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Sooooooo kalt: Igor

Sooooooo kalt: Igor Amromin taucht am Kap Nemezki in die Barentssee ein. Sensation: Gleich sechs Eisbären in der Hinlopenstrasse Eine halbe Stunde später ist das Inferno vorbei, der Kahn legt ab, und tschüss, gottlob. Zurück bleiben wir, eine Reisegruppe von 100 Polarfreunden mit einem vergleichsweise winzigen Schiff. Genau das ist der zentrale Punkt. In die Arktis geht man nicht mit einem Megaliner, sondern mit einem kleinen Schiff mit Eisklasse. Nicht nur, weil sich in einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter schnell eine Art verschworene Familiendynamik entwickelt und statt Karaoke-Abende wissenschaftliche Vorträge gehalten werden. Sondern vor allem, weil kleine Schiffe auch in seichten Buchten ankern und wir Besucher mit den Zodiacs leicht übersetzen können. In kleinen Gruppen kann man praktisch überall an Land gehen. Auf grossen Kreuzfahrtschiffen sieht man die Pinguine nur von weitem mit dem Fernrohr – doch mehr dazu später. Aber da wir grad bei den Pinguinen sind: Warum fressen Eisbären keine Pinguine? Weil Eisbären in der Arktis auf der nördlichen Erdhalbkugel leben und Pinguine in der Antarktis am unteren Ende des Globus. Nur, falls das jemand noch nicht gewusst haben sollte. Auf unserem kleinen, gemütlichen und mit schlichtem Komfort ausgerüsteten Schiff jedenfalls ist der Schock von Ny-Ålesund schnell verdaut. In der Hinlopenstrasse sehen wir um drei Uhr in der Früh bei herrlichem Sonnenschein gleich zwei Eisbärenmütter mit je zwei Eisbärenkindern, sechs auf einen Schlag, eine Sensation, sagen unsere Tourbegleiter. Und diese Schönheit. Und dieses Spektakel: Am zweitletzten Tag werden wir Zeuge, wie eine Schule von Buckelwalen einen Fischschwarm aufmischt. Das geht so: Die Wale tauchen unter den Schwarm, ziehen Kreise um ihre Beute und stossen dabei mächtig Luft aus. Die aufsteigenden Luftblasen bilden eine Barriere, die die Fische nicht zu durchbrechen wagen: Sie sind eingeschlossen, der Tisch ist quasi gedeckt. Nun brauchen die Wale nur noch mit geöffnetem Maul von unten durch den Schwarm zu stossen. Und das sieht sensationell turbulent aus: Immer wieder brechen die Wale, es sind wohl zehn an der Zahl, mit weit aufgerissenen Mäulern durch die Wasseroberfläche. Die Fische zucken panisch in die Luft, sie japsen um ihr Leben, die Luftblasen blubbern, es sieht aus, als würde das Meer kochen. Dutzende, Hunderte von Vögeln kreisen und kreischen über dem Schwarm und schnappen nach «fliegenden» Fischen. Länger als eine Stunde geht das so, bis sich die Szenerie allmählich beruhigt, die Vögel sich wieder verteilen und die Wale weiter ihres Weges schwimmen, der Fischschwarm ist aufgefressen. Unglaublich, sowas. Das ist eine dieser Szenen, die man allerhöchstens in guten BBC-Filmen zu sehen kriegt und für die die Kameramänner monate-, ja jahrelang auf der Suche sind. Die polare Welt, das wird jetzt klar, ist für uns so geheimnisvoll, weil sie uns so fern ist. Wir mögen warme Sommertage und sehen in Magazinen und im Fernsehen immer wieder Bilder von Sandwüsten wie der Sahara oder Graswüsten wie der Mongolei, aber auf diesen Bildern sind immer Menschen zu sehen, die dort leben und zu Hause sind. Deshalb kann man Grönland ja noch verstehen, irgendwie. Aber hier in der Eiswüste des wirklich hohen Nordens ist der Mensch nur Gast in einer Welt, in der er nur mit hohem technischem Aufwand überleben kann. Diese Welt werden wir nie wirklich begreifen. Aber wer sie mal gesehen hat, will mehr davon. Unsere nördlichste Position auf dieser Reise ist übrigens 80°24’N/18°18’E. Das wird auf Dauer nicht reichen. Weil auf Spitzbergen der Norden noch lange nicht zu Ende ist. Tief gefroren: Ein Bad am Kap Und wie kalt ist eigentlich das Meer? Eine Antwort darauf gibt ein Bad in der Barentssee am Kap Nemezki, dem nördlichsten Punkt des europäischen Teils des russischen Festlands. Es war während eines Abenteuertrips auf Quads ein Jahr später von Murmansk über die Kola-Halbinsel. Ein Reise- Intermezzo sozusagen und ein bisschen hirnrissig weil der Umwelt nicht gerade zuträglich. Aber aufregend mit Campieren und Lagerfeuer und so, Kerle-Kram halt. Die Russen sagen, dass, wer das Kap Nemezki erreicht, auch in der Barentssee baden muss. Ohne Zögern reissen die sich die Kleider vom Leib und hechten ins Wasser, sie jauchzen und schreien wie kleine Kinder, 36 PolarNEWS

ei Spitzbergen. Das Eis vibriert: Im Camp Barneo, keine 100 Kilometer vom Nordpol entfernt. wir auch, das Wasser ist «um den Gefrierpunkt» kalt, ein, maximal zwei Grad. Und sehr viel kälter, als der kleine Finger lang ist, wenn Sie verstehen, was gemeint ist. Man fühlt sich wie ein Eiswürfel. Aber immerhin: Nach der bestandenen Mutprobe gibts Wodka, wie immer bei den Russen, wenn sie irgend etwas vollbracht haben. Der Fixpunkt: Neunzig Komma Null Wir bleiben bei den Russen. Denn die bieten an, wonach uns jetzt gelüstet: den Nordpol, das höchste aller Arktis-Gefühle. Jeweils im März, wenn die Polarnacht zu Ende geht und die Eisdecke am härtesten ist, errichten die Russen auf dem 89. Breitengrad für vier bis sechs Wochen ein Zeltlager inmitten der weissen Unendlichkeit, nur wenig mehr als hundert Kilometer vom Nordpol entfernt. Das Camp Barneo, so heisst das Lager, ist pure logistische Gigantomanie: Mi-8-Helikopter aus Surgut, Iljuschin-Transportmaschinen aus Murmansk und Antonov- Flugzeuge aus Longyearbyen stehen dafür wochenlang im Einsatz, und es geht weniger um die Touristen und Forscher, die aus Spitzbergen eingeflogen werden, sondern vielmehr um Politik: Fallschirmjäger der russischen Armee erstellen das Camp und räumen eine Landepiste frei, Duma-Politiker erteilen den Befehl dazu. Damit markieren die Russen vor allem Präsenz. Denn im Gegensatz zur Antarktis ist die Arktis kein Kontinent, sondern ein Meer mit einer schwimmenden Eisschicht drauf, und das gehört laut internationaler Rechtsprechung allen Menschen dieser Erde. Bloss: Im Boden unter dem arktischen Meer lagern riesige Vorkommen an Erdöl, Erdgas und wertvollen Mineralien, und wenn die Fördertechnik in einigen Jahren oder Jahrzehnten soweit sein wird, diese Schätze aus dem Boden zu holen, wollen natürlich möglichst viele Nationen ein Stück vom grossen Kuchen haben. Die Arktis ist auch das: eine Art politischer Wilder Westen, in dem die beteiligten Grossmächte seit Jahren für das bevorstehende wirtschaftliche Messerwetzen aufrüsten. Im Streiten haben die Nationen bereits viel Erfahrung, denn die Arktis ist auch reich an Fischgründen. Wir aber wollen nur zum Nordpol. Zuerst: Zürich – Oslo – Longyearbyen. Der Wind treibt heftig Schnee vor sich her, er zerrt an den Holzverschlägen, wer sich gegen ihn wendet, kann auf der vereisten Strasse schräg stehen wie Skispringer in der Luft. Minus zehn Grad, das sollte man doch aushalten können, aber das geht nicht, weil der Wind alles noch viel kälter macht. Die paar Dutzend Menschen, die in diesem Dorf das ganze Jahr über wohnen und forschen, sagen dem gefühlte Minusgrade. In einem Wort: saukalt. Aber wir fliegen weiter: Longyearbyen– Camp Barneo, zweieinhalb Stunden über endloses Eis. Minus 25 Grad, der Frühling ist angebrochen, die Sonne zieht 24 Stunden lange Kreise am Himmel. Und Eis, soweit das Auge reicht und noch tausend Kilometer weiter. Nur diesmal nicht zum Ansehen, sondern zum Draufstehen. Wir fürchten bei jedem Schritt, der bloss zwei Meter dicke «Boden» könnte einbrechen und wir 4300 Meter tief im Meer versinken. Dass mindestens zweimal am Tag eine 36 Tonnen schwere Antonov darauf landet, beruhigt zwar das Gehirn, aber nicht den Instinkt. Jeder Schritt ausserhalb des Zeltlagers ist deshalb mit Bedacht gesetzt, vorsichtig und gleichermassen entzückt-entrückt. Denn jedes Mal knirscht und knarrt und klirrt es unter den filzgepolsterten Gummistiefeln bis tief ins Eis, jedes Mal ganz anders, hin und wieder jedoch überhaupt nicht. Eine Welt ausserhalb der unsrigen: Hier dringt der Klang des Gehens in Tiefen, denen der Mensch nicht gewachsen ist. Wenn man stehen bleibt, spürt man ganz sanft ein leichtes Ruckeln in den Füssen: Das Eis bewegt sich, die ganze arktische Eiskappe ist in Bewegung, immerzu, unablässig. Alles fliesst. Auch Eis. Das ganze Camp driftet rund zehn Kilometer pro Tag. Und dann endlich: der Pol. 90,000 000º N auf dem Display des GPS, die magischste alle magischen Polarzahlen. Der rechnerisch konstruierte Punkt, der jahrzehnte-, jahrhundertelang die Menschen an- und umgetrieben hat. Überall ist Süden. Von hier aus kann man nicht mehr weitergehen, nur noch zurück. Hier steh ich nun und bin: sprachlos. PolarNEWS 37

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