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PolarNEWS Magazin - 20 - D

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Grönland kann man ja

Grönland kann man ja noch verstehen, irgendwie. Dort leben Menschen, dort gibt es Strassen. In Grönland gibt es Einkaufszentren mit Tomaten aus Spanien und Lammgigot aus Australien in den Regalen, und es scheint so, als würden die Grönländer ein ganz normales Leben führen. Nur die grosskalibrigen Jagdgewehre neben der Erotik-DVD-Auslage irritieren ein bisschen, und beim Spaziergang durchs Dorf ist man schon nach ein paar hundert Metern am Ende der Strasse angelangt. Grönländer liegen uns nahe. Und so zögern wir nicht, ihre schönen bunten Holzhäuser als pittoreske Touristenattraktion zu fotografieren. Wir sind entzückt über die tolpatschigen süssen Husky-Babys und bewundern im Gemeinschaftshaus des Dorfes die Darbietung einer Geisterbeschwörung in Federschmuck und Robbenlederhose. Ach ja: Da treiben auch Eisbrocken in der Bucht, fingerkuppengrosse und Fünfmeterbrocken, die machen sich gut auf dem Foto, wenn man das karg bewachsene Fussballfeld mit den netzfreien Toren in den Vordergrund nimmt. Danach zurück aufs Schiff, Nachtessen, Fotos checken, noch einen Schlummertrunk vielleicht und dann ab in die kleinen Kojen, morgen gehts wieder an Land. Aber morgen gehen wir aufs Eis. Es ist schwarz vor lauter Staub und ungewöhnlich hart und nass zugleich und knirscht ganz anders als das unsrige, und wer den Blick zum Horizont richtet, sieht da immer nur: Eis. «Sie stehen am Rand einer Eisfläche», erklärt der Reiseleiter, «die viermal so gross ist wie Frankreich und bis zu 3400 Meter hoch, in Volumen ausgedrückt zwei Komma acht fünf Millionen Kubik-Kilometer.» Das klingt extrem imposant, weil wir wissen, wie lange eine Reise mit dem TGV von Calais nach Marseille dauert. Aber diese Zahlen übersteigen unser Vorstellungsvermögen bei weitem. Wie viel Eis sind 2,85 Millionen Kubik-Kilometer? Was tun Grönländer den ganzen Tag mit soviel Eis, wenn sie nicht Tomaten kaufen und Erotikfilme schauen? Irgend etwas muss da dran sein an Grönland, an diesem Eisland, am hohen Norden. Darüber rätseln wir des Abends auf dem Aussendeck des Schiffes, aber da taucht plötzlich ein Wal auf, «ein Grindwal» rufen die einen, «ein Nordkaper» die anderen, das Tier zeigt seine Fluke, es ist wie Flipper im Zoo, nur grösser. Und in freier Natur. Wir sind beeindruckt. Zu Hause beim Betrachten der vielen Fotos sind wir unverhofft verwirrt: Wir wissen nicht mehr genau, wann wir welches Eis gesehen haben. Und vor allem: Auf den Bildern ist nicht mehr zu erkennen, ob ein Eisblock zehn Meter oder zehn Zentimeter gross war. Es sei denn, jemand steht daneben. Als Grössenvergleich. Aber wenn wir dieses Problem unseren Freunden erklären, sehen die bloss unsere dicken Winterjacken und wundern sich, dass man ausgerechnet in die Kälte fährt, wo doch zu Hause endlich Sommer ist. Die Frage aber lässt uns nicht mehr los: Was geht ab da oben? Die zweite Phase: Zeit in Spitzbergen Wir brauchen Antworten. Wir sind bereit für Stufe zwei: Spitzbergen. Eineinhalb Flugstunden von Tromsö ganz oben in Norwegen weiter Richtung Norden. Herrje, ist das kalt hier in diesem Longyearbyen! Und das im Sommer. Und wir sind immer noch rund tausend Kilometer vom Nordpol entfernt. In Grönland schien wenigstens die Sonne. Aber auf Spitzbergen wird schnell klar: Der Wind ist gar nicht wütend. Der ist immer so. Und hin und wieder scheint ja auch hier die Sonne. In Longyearbyen gibt es übrigens ebenfalls geteerte Strassen. Auch die sind nur ein paar hundert Meter lang, aber hier enden sie abrupt in der Wildnis mit einem grossen Schild, das vor Eisbären warnt – der Spitzbergen-Fotoklassiker. Das Schiff nimmt uns mit auf eine Reise um die Insel, die eigentlich ein Archipel ist: Spitsbergen und Svålbard, Lågøya, Kvitøya und Edgeøya und Dutzende winziger Inseln mit lustigen Namen. Da will man gar nicht mehr in die Kabine, zumal es jetzt 24 Stun- Beliebtes Reiseziel für Arktis-Einsteiger: Die Disko-Bucht an der Westküste Grönlands. 34 PolarNEWS

den hell ist. Stattdessen stehen wir stundenlang auf Deck zuvorderst am Bug und können uns nicht sattsehen. Hier gibt es Eis, Eis und nochmal Eis. Das Schiff kracht sich seinen Weg durch das gefrorene Meer, vorbei an kantig-schroffen Bergen, die trotzig ihre harten Spitzen aus der Gletscherdecke recken. Wir fahren entlang von Gletscherkanten, und da offenbart sich uns ein nicht endendes Panoptikum von Variationen in Weiss und Blau, von Mustern und Figuren, von Tiefen- und Flächenwirkung. Im Wasser treiben Eisberge gross wie Einfamilienhäuser, hin und wieder dreht sich einer um die eigene Achse. Sogar die Luft fühlt sich eisig an. Irgendwann beginnt man zu verstehen, was so geheimnisvoll war an den Eis-Fotos von Grönland, warum wir zu Hause auf den Bildern die Grösse der Eisbrocken nicht mehr erkennen konnten: weil es schlicht und einfach keine Rolle spielt. Hier oben, weit nördlich des Polarkreises, befinden wir uns mitten auf einem kalten Meer: Wasser gefriert und schmilzt wieder, und dazwischen kann es als Eis beliebig gross werden. Aber das ist von keinerlei Bedeutung. Irgendwann wird es wieder kleiner, löst sich wieder in Wasser auf und verschwindet, wird wieder eins mit dem Meer. Und ob dieser Prozess einen Tag dauert oder hundert Jahre: Das spielt hier oben überhaupt keine Rolle. Es gibt keine Zeit hier. In dieser Bedeutungslosigkeit entfaltet sich in immer neuen Facetten die ganze Schönheit von Wasser und Eis, und in diesen Kreislauf des Werdens und Vergehens fügt sich eine immense Tierwelt, die ebenfalls nichts anderes tut, als in ihrer ganzen Schönheit zu werden und zu vergehen. Das klingt fast schon ein bisschen spirituell. Muss es aber nicht. Es reicht zu sagen, dass der Begriff «Wüste», als die die Arktis gilt, ihrem Wesen in keiner Weise nahekommt. Das wird einem klar da oben. Genauso wie uns bald schon klar wird, dass wir zu Hause unseren Freunden niemals einleuchtend werden erklären können, warum es so unglaublich schön ist, stundenlang nur Eis anzusehen. In dieser kalten Welt entdecken wir auch Eisbärenmütter mit ihren Eisbärenbabys und riesige Felswände voll von Trottel- und Dickschnabellummen. Wir bestaunen die immer grumblig wirkenden Walrosse und wie sie ihre gigantisch dicken Körper übereinanderwälzen. Wir sehen Sattel-, Ringelund Bartrobben, Dreizehen-, Eis- und Elfenbeinmöwen, Stern- und Papageientaucher. Polarfüchse. Rentiere. Wale. Die Welt, die für uns Menschen viel zu lebensfeindlich ist, pulsiert vor Leben. Bei den Eiderenten geschieht gar etwas Ausserirdisches. Beziehungsweise beim Landgang in Ny-Ålesund. Das ist ein kleines Forscherdorf, in dem mehr als ein Dutzend Nationen allerhand Thermo-, Meteo- und Geodaten erfassen, auswerten und nach Hause funken. Im Sommer leben hier 120 Menschen, im Winter sind es nur noch 30. Für die gibt es eine winzige Bar und einen riesigen Schiffsanlegeplatz. Und die nördlichste Poststelle der Welt. Unter den gestelzten Baracken nisten einige der extrem seltenen Eiderenten, ein Polarfuchs schleicht um die Ecken, Küstenseeschwalben picken kleine Fische aus dem Wasser. Vor ein paar Tagen, erzählt ein Forscher aus Indien, habe man eine Barbecue-Party abbrechen müssen, weil ein Eisbär über den Fjord geschwommen kam und in vollkommen unbeirrter Gelassenheit die Würste vom Grill wegfrass. Ny-Ålesund also. Schön ist es hier. Bis ein Kreuzfahrt-Schiff anlegt. Ein Megaliner für 2500 Passagiere plus Besatzung, der auf dem Weg von Hamburg nach New York oder Rio oder sonstwo zwischen Karaoke und Casino noch schnell eine Kurve in die Kälte zieht, das macht sich gut im Reiseprospekt. «Sehen Sie Eisbären auf Spitzbergen und schicken Sie Ihren Liebsten eine Postkarte vom nördlichsten Postamt der Welt.» Super. Hunderte Menschen in T-Shirts und Freizeitschuhen fluten die paar Kieswege, posieren für Fotos und sind im Grunde desinteressiert, die meisten gehen gar nicht erst von Bord. «Ach, das sind ja bloss Enten.» Den Vogel schiesst ein Crew-Mitglied ab, das in einem Eisbärenkostüm den Affen macht. PolarNEWS 35

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