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PolarNEWS Magazin - 2

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Interview und

Interview und Instantnahrung mit. Wegen der Trocken - heit ist die Brandgefahr besonders hoch. Das bewährte Löschmittel Wasser steht nicht in ausreichender Menge zur Verfügung, da es erst aufwendig aus Eis gewonnen werden muss. Die Station ist entsprechend ausgerüs - tet. Wir wurden in einem sehr lebensnahen Brandschutzkurs auf die Überwinterung vorbereitet – übrigens auch mit einem Bergkurs, in dem wir Bergrettungstechniken lernten. Da die Station während sieben Monaten von aussen nicht erreichbar ist, sind zwei Not - fall-Container eingerichtet mit Gener ator en, Heizung, Treibstoff, Satellitentelefon, Funk - gerät, Notver pflegung, Medikamenten und einem Seesack persönlicher Ersatzkleidung eines jeden Überwinterers. Zur medizinischen Versorgung steht ein komplett ausgerüsteter Operationsraum zur Verfügung. Dennoch sind die Möglichkeiten begrenzt. Blutersatz zum Beispiel ist nicht vorrätig. Als Ärtzin bin ich Chirurgin und Anästhesis tin, aber auch OP- und Anästhesieschwester in einem. Insofern ist Unfallverhütung und Gefahrenminimierung hier besonders wichtig. Nicht immer zur Freude aller. AWI Bremerhaven – Hausherr der Neumayerstation Das Alfred-Wegener-Institut ist das deutsche Forschungsinstitut für Polarforschung und Meeresbiologie mit Hauptsitz in Bremerhaven und Forschungsstellen in Potsdam, Helgoland, Sylt, in der Antarktis und Arktis. Neben den Forschungsstationen gibt es mobile Forschungsplattformen, dazu einer der modernsten Eisbrecher, die Polarstern, und viele andere Forschungsschiffe, sowie die von der DLR (Deutsche Luft- und Raumfahrtgesellschaft) bemannten Polarflugzeuge Polar 2 und Polar 4. Die Station in der Arktis ist die Koldewaystation. In der Antarktis gibt es ausser der Neumayerstation noch die Kohnenstation. Diese wird nur im Sommer betrieben und befindet sich auf dem Festland. Da werden Eiskernbohrungen gemacht. Forschungsgegenstände sind u.a. Klimaentwicklung und Veränderungen des Erdmagnetfeldes und deren geophysikalische und biologische Auswirkung auf den Lebensraum Erde. Gründungsjahr war 1980. Träger sind die Länder Schleswig- Holstein, Bremen und Brandenburg. Zur Forschungsstation 1980/81 wurde die erste Westdeutsche Forschungsstation in der Antarktis auf dem Eckströmschelfeis in der Ostantarktis erbaut. Namensgeber ist der deutsche Polarforscher Georg von Neumayer. 1991/92 wurde ein Neubau der Station erforderlich. Um die Stationen auseinander halten zu können, wurde die erste kurz Neumayer I und die derzeitige, deren Tage nun auch gezählt sind, Neumayer II genannt. Beide Stationen wurden nach dem gleichen Prinzip gebaut. Unter dem Eis liegen zwei parallel angeordnete Stahlröhren mit einem Durchmesser von ca. 8,38 und einer Länge von je 86 und 94 Metern. Die Röhren sind in Richtung Süd-Nord verlegt und schliessen im Norden mit einer Querröhre, in der Tanklager und Lebensmittelcontainer untergebracht sind, ab. Etwa in der Mitte der beiden Röhren gibt es einen Verbindungsgang. In den Röhren wurden Container aufgestellt, in denen wir heute auf ca. 2200m 2 leben und arbeiten. Mittlerweile liegt die Station 12 m unter der Eisoberfläche. Durch Schneezutrag wird die Last auf den Röhren immer grösser und sie sinken immer tiefer in das Eis. Die Last führt schliesslich zu Verformungen an den Röhren, was die Lebensdauer befristet. Die Station liegt im von den Gletschern abfliessenden Eis, auch Schelfeis genannt. Dadurch «driftet» die Station jedes Jahr ungefähr 160 Meter nach Norden. Der derzeitige Standort der Treppentürme hat die Koordinaten 70°38.500 Süd und 08°15.635 West. Voraussichtlich 2007 wird auch diese Station aufgegeben. Geplant ist dann eine «oberirdische» Station, Neumayer III, in unmittelbarer Nähe zur jetzigen Station, jedoch etwas südlicher. Die Forschungsstation ist eine deutsche Forschungseinrichtung und gehört dem Bund, bzw. den Ländern (siehe oben), die sie auch finanzieren. Alles weiter Wissenswerte erfährt man in der monatlich erscheinenden Zeitschrift atkaXpress. www.awi-bremerhaven.de/atkaexpress/ Alles ist also optimal organisiert. Trotzdem sind Konflikte kaum zu vermeiden. Wie werden Sie mit solchen Situationen fertig? Darauf gibt es sicher keine Patentantwort. Ich sehe darin die besondere Heraus - forderung für alle, aber besonders für mich als Stationsleiterin. Meiner Meinung nach kann das nur funktionieren, wenn ich ein für alle tragbares Mass an Gemeinschaft und ausreichend Raum für Rückzug ermögliche. Das ist manchmal ein Balanceakt. Voraus - setzung ist die Bereitschaft aller zu Wert - schätzung, Toleranz und Grossmut. Erleichtern kann ich diese Bereitschaft, indem ich Struktur aufbaue. Die gemeinsamen Essen tragen dazu bei, miteinander im Gespräch zu bleiben. Neben den Geburts tagsfeiern und den Monatsfeiern haben wir immer mal wieder Anlässe für kleine Feiern und gemeinsame Aktivitäten geschaffen. So haben wir zu Mittwinter, dem grössten Feiertag auf allen antarktischen Forschungs stationen, Orts - schilder unserer Wohnorte gemeinsam hergestellt und bei minus 38 Grad Kälte angebracht. Die für den Raucherraum gebaute Theke wurde ebenso wie die selbst gebaute Badewanne mit einem Fest eingeweiht. Es gab ein Tischtennis- und Dart-Turnier und ein 24-Stunden-Fahrad rennen im Fitnessraum, wodurch alle etwas in Bewegung blieben. Ab und zu hatten wir einen gemeinsamen Kinoabend, während der Olympiade haben wir täglich eine Stunde eine der Umgebung angepasste Sportart ausgeübt. Neben diesen Gruppenaktivitäten muss Raum sein für persönliche Freundschaften, aber auch für den privaten Rückzug. Der Umgang mit Kon - flikten erfordert ein breites Spektrum an «Methoden». In manchen Situationen ist es sinnvoll, einen Konsens anzustreben. Jedes Jahr aufs Neue ist die sogenannte Sturm - regelung Anlass für Konflikte: Bei über 50 16 Polar NEWS

Vor jedem Ausflug werden die Skidoos voll getankt. Knoten Windgeschwindigkeit und Drift muss man sich überlegen, wer zu welchem Zweck die Station verlassen soll, da jede Rettungs- und Hilfsaktion ungeheuer aufwendig ist. Die Verantwortung liegt beim Stationsleiter, also bei mir. Wir haben beim ersten Sturm eine Besprechung abgehalten, bei der ich meinen Standpunkt dargelegt habe. Auf dieser Grundlage haben wir uns auf ein Vorgehen geeinigt. Das ging lange gut, gab aber noch mehrmals Anlass zu Diskussionen. Zu einem anderen Zeitpunkt habe ich deshalb eine andere Strategie gewählt. Manche Konflikte kann man übergehen, andere kann man moderieren, und manchmal sind Einzelgespräche sinnvoll. Manchmal hilft eine Gemein - schafts aktion oder das Zuordnen bestimmter Arbeiten, um Aggressionen abzubauen. In vielen Kon flikten hilft schon, dass man sie als solche erkennt – nicht immer die leichteste Übung. Das Allerwichtigste scheint mir aber, dass aus einem Konflikt keine persönliche Aversion wird. Das kann ich einüben und vorleben und durch kleine Zeichen unterstützen. Zwar ist die Überwinterung noch nicht zu Ende und die letzte Phase ist noch einmal besonders kritisch, aber ich glaube, dass uns das ganz gut gelungen ist. Wie viel Freizeit haben Sie auf der Station. Und was machen Sie dann? Der Anteil an Freizeit variiert von Bereich zu Bereich, aber auch von Tag zu Tag. Das erfordert Flexibilität. Die Gruppenaktivi - täten habe ich schon aufgezählt. Dazu kommen Ausflüge in die nähere Umgebung. Sie sind besonders wichtig für uns alle, da das Leben in der Röhre ohne Tageslicht doch sehr belastend ist. Ausserdem machen wir viel Musik. Es gab einen Spanischkurs und einen Erste-Hilfe-Kurs, sowie einen Spezial - kurs für die «OP-Schwestern». Ausserdem bleibt noch Zeit zum Lesen, Musik hören und E-Mails schreiben oder telefonieren. Bereiten Sie schon die Sommerkampagne vor? Ja. Alle Fahrzeuge sind gewartet. Im sieben Kilometer entfernten Winterlager an der Eiskante, wo die Schlitten, Tanks und Container stehen, sind alle Schneever - wehungen weggeschaufelt. Sobald es das Wetter wieder zulässt, werden wir die «Biwak-Schachteln» oder vornehmer ausgedrückt Wohncontainer, in denen die Sommer - gäste wohnen werden, zur Station holen. Dort ist der Platz, an dem sie stehen werden bereits vorbereitet. Die Stromkabel sind gelegt, der Platz ausgemessen und der Grund glatt geschoben. Sämtliche Handleinen sind nachgespannt und neu gesteckt. Die Trassen müssen noch abgefahren, Bambusstangen neu gesteckt und die Wegpunkte aufgenommen und gelistet werden. Die Gästekammern in der Röhre sind bereits bezugsfertig. Einige Räume müssen wir noch einmal gründlich putzen. Dazu gehören Küche, Raucherraum, Bad und Toilette. Und wir müssen unsere Kammern zur Hälfte räumen, damit sie ab Dezember doppelt belegt werden können. Wann trifft die Verstärkung ein und was wird im Sommer geforscht? Die ersten Sommergäste kommen um den 4. Dezember, eine zweite grössere Gruppe kommt zwei Wochen später. In der Nähe der Station bereiten wir eine Meereisbohrung zur Erfassung von Walgeräuschen mittels Ultra schall vor. Im Bereich Medizin richten wir ebenfalls zwei Projekte ein, eine Kreislauf messung, die während des Winters laufen soll, und die Telemedizin. 400 Kilometer von der Station entfernt werden aus der Luft und über Land Vermessungen durchgeführt und das Gelände für die Neu - mayer-III-Station wird vermessen. Ausser - dem wird die Biblio thek im Eis, ein Kunst - werk von Lutz Fritsch, vom Künstler selbst eingeweiht. Dr. Anna Müller Dr. Anna Müller wurde 1961 in Bonn geboren und ist dort aufgewachsen. Sie studierte Medizin in Aachen und liess sich in Bonn, Wuppertal und Berlin zur Chirurgin und schließlich zur Un fallchirurgin ausbilden. Parallel dazu absolvierte sie eine dreijährige therapeutische Ausbildung bei Peter Schellenbaum in der Schweiz. Nach der Ausbildung war sie an verschiedenen Stellen als Oberärztin tätig und leitete schließlich eine chirurgische Abteilung. Sie lebte zuletzt in Berlin. Für die Pflege der Hobbys bleibt ihr zwar nicht viel Zeit, aber es gibt sie doch, fremde Länder erkunden ist eines davon, außerdem spielt sie Saxophon und liest sehr gern. Wie viele Wissenschaftler und Techniker werden erwartet? Wir erwarten insgesamt 46 Personen. Davon werden einige zur Kohnenstation fahren, 19 werden an Kottas sein und die Ver messungen dort durchführen. Ein Bautrupp, Logistiker und einige Wissenschaftler, im Wesentlichen als Bereichsbetreuer, werden in der Station sein. Wann werden Sie die Forschungsstation Neumeyer verlassen und wann sind Sie wieder zu Hause? Wir werden die Station nicht gemeinsam verlassen. Die ersten fliegen Anfang Februar raus, einer fliegt Mitte Februar, und vier werden die Station Mitte Februar mit dem Schiff verlassen. Die Schiffsplätze waren besonders begehrt, aber da wir nur vier erhielten, haben wir sie verlost. Einige fliegen direkt nach Hause und werden ungefähr Mitte Februar zu Hause sein. Andere machen zuerst Urlaub und kommen erst Anfang März zurück. Ich selbst werde von Kapstadt aus mit dem Frachtschiff nach Europa reisen und Anfang bis Mitte März wieder zu Hause sein. Das Interview führte Heiner Kubny im Oktober 2004 über diverse E-Mails. Bild links: Eine Quertüre verbindet die beiden Längsröhren in denen sich das Leben bei den Containern abspielt die man hier im Hintergrund sieht (Blick auf die Oströhre). Bild mitte: Klaus kauft im Supermarkt gleich um die Ecke. In Containern wird Proviant für ca. 2 Jahre verwaltet. Die Bestellung wurde nach Deutschland durchgegeben. Bild rechts: Die tägliche Wassergewinnung ist bei Sturm auch schon mal Schwerstarbeit. Birte und Astrid lieben Schmelzdienst und schaufeln Schnee in die Schmelze. Gruppenbild: vlnr stehend: Klaus Wagner, Koch; Armin Penske, Stationsingenieur; Birte-Marie Ehlers, Geophysikerin; Astrid Richter, Physikerin, Luftchemie; Karolina Wohanka, Meteorologin und Gertrud Waich, Mathematikerin,Geophsik und Systemadministratorin. vlnr sitzend: Anna Müller, Chirurgin und Stationsleiterin, Farnk Peters, Nachrichtentechniker, Funker; Uwe Kühl, Elektrotechniker.

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