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PolarNEWS Magazin - 2

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Interview Mit kleinen

Interview Mit kleinen Partys Seit dem 3. Dezember 2003 ist das Überwinterungsteam der Forschungsstation Neumeyer in der Antarktis im Einsatz. Die Deutsche Anna Müller ist der Boss. Wie leitet Sie eine Polarstation, die sieben Monate im ewigen Eis eingeschlossen ist? Welche Gefahren begleiten eine Überwinterung in einer Forschungsstation? Was sind die Ziele des Teams? Persönliche Eindrücke einer Ärztin, die dem Leben im Eis trotzt. Text: Heiner Kubny Frau Müller, wie kommen Sie zu so einem seltenen Job? Dr. Anna Müller: Diese Stellen werden jährlich in den entsprechenden Fachzeitschriften ausgeschrieben. Zehn Jahre lang sind mir diese Anzeigen immer wieder aufgefallen. Der aussergewöhnliche Ort und die aussergewöhnlichen Lebensbedingungen übten auf mich einen besonderen Reiz aus. Die Herausforderung hatte etwas von einem Abenteuer. Im vorigen Jahr passte eine Bewerbung um eine Teilnahme an der Überwinterung gerade gut in meine berufliche Planung. Voraussetzung für die Aufgabe, die ich übernommen habe, ist die abgeschlossene Ausbildung zum Chirurgen. Gerne ge - sehen wird Leitungserfahrung und eine Berufs-Zusatzbezeichnung. Bei mir ist das Unfallchirurgie. Abgesehen von diesen Voraussetzungen entscheidet schliesslich das persönliche Vorstellungsgespräch über die Einstellung. Wer hat in Ihrem Team welche Aufgabe? Wie in jedem Jahr überwintern auch diesmal neun Personen auf der Station. Die vier Wissenschaftlerinnen und ich wurden vom Alfred-Wegener-Institut eingestellt, zwei Techniker, ein Funker und der Koch werden von der Reederei Laeisz ausgesucht und eingestellt. Stellvertretender Stationsleiter ist der Ingenieur. Er wartet zusammen mit dem Elektrotechniker sämtliche technischen An - lagen der Station. Dazu gehören die Ge ne - ratoren, die Windkraftanlage, die Klär - anlage aber auch die Pistenbullys und die Skidoos, das sind kettengetriebene Schnee - fahrzeuge. Der Koch ist der einzige mit Pol- Erfahrung, er überwintert hier bereits das zweite Mal. Ausser kochen gehört Lager - haltung und Bestellung zu seinen Aufgaben, und ganz entscheidend gestaltet er die Feste, die im Laufe einer Überwinterung gefeiert werden. Der Funker ist vor allem in der Sommer - kampagne gefordert, wenn der Flugverkehr geregelt werden muss. Während des Winters ist er zusammen mit der Geophysikerin Systemad ministrator und sichert unsere Kommuni kation mit der Aussenwelt: Neben den Rechnern sorgt er für die Funktions - fähig keit der Funkgeräte, der Satelliten - telefone und der Satellitenanlage. Zwei Geophysiker innen betreuen das geophysikalische Obser vatorium. Neben eigenen Messungen zur Veränderung des Erdmag net feldes müssen die Daten zur Erdbe be n erfassung nachbearbeitet und weitergeleitet werden. Eine Infraschallan - lage, über die Atomtests aufgespürt werden, wird ebenfalls von den Geophysikerinnen betreut. Die Daten werden schliesslich nach Wien weitergeleitet. Eine Meteorologin betreut das meteorologische Observatorium. Alle drei Stunden werden die Messwerte diverser Apparaturen wie Wolkenhöhenlaser und Windgeschwindig keitsmesser durch eine Wetterbeobachtung ergänzt. Die Daten werden verschlüsselt an internationale Wetter dienste weitergegeben. Zudem wird täglich eine Radiosonde und zeitweilig zweimal pro Woche eine Ozonsonde an einem Ballon gestartet. Muss die Meteorolo - gin am häufigsten raus, so hat die Luft - chemiker in den weitesten Weg. Täglich geht sie in das eineinhalb Kilometer von der Station entfernte Luft chemie-Observatorium. Dort werden Luft partikel unterschiedlicher Grösse, Schad stoffe und Bodenozon gemessen. Die aufwendigen Messverfahren müssen technisch überwacht werden, ausserdem werden die Filter aserviert, Schneeproben gesammelt und in Pegelfeldern der Schnee - zutrag gemessen. Als Ärztin obliegt mir neben dem Einsatz im Notfall die medizinische Überwachung des Teams mit Wenn Klaus zum Samstagsfrühstück den Tisch deckt, ist es so gemütlich wie zu Hause. 16 Polar NEWS

gegen die ewige Kälte regelmässigen Blut untersuchungen und Zahnstatus kontrollen. Ausserdem bin ich für den gesamten Bereich Sicherheit zuständig. Dazu gehören Arbeitsschutz, Brandschutz und das Freihalten der Arbeitswege. Einmal im Monat nehme ich Wasserproben. Sie werden bebrütet und auf Keime untersucht. Mit der Stationsleitung sind neben Verwaltungsar beiten und der Öffentlichkeitsarbeit Aufgaben verbunden, die das soziale Mitein ander regeln und gestalten. Die Teammit glieder sind zwischen 25 und 45 Jahre alt. Fünf von neun Team-Mitgliedern sind Frauen. Aus einem bestimmten Grund? Die Zusammensetzung ergibt sich aus den Qualifikationen und hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, wenn auch nach Ausschreibung das Alfred-Wegener-Institut wie alle öffentlichen Arbeitgeber um einen hohen Frauenanteil bemüht ist. Die nächste Überwinterung wird ausschliesslich aus Männern bestehen. Was zieht sie als Frau persönlich in die Antarktis? Dass ich meine Entscheidungen als Frau treffe, ist nicht von Belang. Die Antarktis erleben zu dürfen, ist schon an sich etwas Besonderes und sicher auch heute noch ein Abenteuer. Die Arbeit in dieser Umgebung ist eine vielseitige Herausforderung. Während sieben Monaten ist Hilfe von aussen nicht möglich. Die Gruppe ist auf sich alleine gestellt und es ist eine besondere Aufgabe, eine Lebens - situation zu schaffen, die die vielfältigen Ansprüche aller berücksichtigt. Zudem ist jeder medizinische Notfall aufgrund der begrenzten Mittel eine Herausforderung. Wie sieht das Alltagsleben auf der Neu - mayerstation aus? Das hängt wesentlich von der Gruppe ab. Bei uns beginnt der Tag um 5:45 Uhr mit der ersten Wetterbeobachtung, die ich zusammen mit dem Stationsingenieur übernommen habe. Jeder beginnt mit seiner Arbeit nach den Erfordernissen und persönlichen Vorlieben. Um 12 Uhr treffen wir uns zum gemeinsamen Mittagessen und um 18 Uhr zum Abendbrot. Sonntags gibt es ausserdem ein etwas festlicheres gemeinsames Früh stück. Zur Erinnerung an den Beginn der Überwinterung findet einmal im Monat ein festliches Essen statt. Das ist jeweils der 9. Tag des Monats, an dem das letzte Schiff mit den letzten Sommergästen abgelegt hat. Neben den Arbeiten in den einzelnen Bereichen müssen Gemeinschaftsarbeiten erledigt werden. Diese werden durch einen sogenannten Schmelzenplan geregelt. Täg lich sind zwei von uns für die Schnee schmelze zur Wasser - beschaffung, das Tisch decken und Putzen von Messe, Bad und Toilette eingeteilt. Erwähnen möchte ich noch unsere Akta- Xpress, eine monatlich erscheinende Zeitung, die wir mit viel Engagement und Liebe vom Artikel bis zum aufwendigen Layout alle gemeinsam erarbeiten. (www.awi-bremerhaven.de/atkaexpress/) Welche dieser Aufgaben sind besonders knifflig? Dazu würde ich das Abdichten der Rampen zählen, womit das Eindringen von Driftschnee bei Sturm verhindert werden muss. Sicher auch das sammeln der Schnee - proben durch die Luftchemikerin. In meinem Bereich ist das Kniffligste sicher, die Balance zwischen Struktur und Freiraum einzuhalten. Was sind die besonderen Gefahren bei einer Überwinterung? Die Antarktis ist der stürmischste, kälteste und trockenste Kontinent der Erde. Sturm und damit verbunden vor allem die Drift, verschlechtern die Sicht so beträchtlich, dass man im Freien sehr schnell die Orientierung verliert. Ohne Handleinen findet man dann selbst den Weg zur Schmelze, die sehr dicht an der Station liegt, nicht. Oft schon hat jemand auf dem Weg zu den Aussenanlagen die Orientierung verloren und musste warten, bis der Sturm vorbei war, beziehungsweise Hilfe kam. Die schnellen Wetterver änderungen machen es erforderlich, dass jeder, der das Stations - gelände verlässt, immer ein Funkgerät und ein GPS-Gerät mit sich führt. Bei schlechtem Wetter ist ein Funkgerät sogar auf dem Stationsgelände vonnöten, damit man im Notfall schnell Hilfe holen kann. Unüber - legter Kontakt mit Metall bei Arbeiten an den Fahrzeugen ist fast nicht zu vermeiden. Ist man Wetter bedingt gezwungen, länger draussen auszuharren, besteht die Gefahr der Unterkühlung. Eine weitere Gefahr stellen Erfrierungen dar. Trotz bester Polarkleidung bleiben vor allem Hände und Gesicht gefährdet. An der Eiskante und vor allem auf dem Meereis können Schollen abbrechen. Um sich notfalls helfen zu können, nehmen wir auf jeden Ausflug eine Bergrettungskiste und eine Survivalbox mit Zelt, Schlafsäcken Polar NEWS 17

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