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PolarNEWS Magazin - 19 - D

Scheidenschnäbel wuseln

Scheidenschnäbel wuseln meist um Pinguinkolonien herum. Sie fressen sogar den Kot der Pinguine, weil darin noch Nährstoffe enthalten sind. Text und Bilder: Heiner Kubny Scheidenschnäbel sind die einzigen Vögel in der Antarktis und der Subantarktis, die ausschliesslich an Land leben. Das macht im Vergleich zu allen anderen Vögeln alles anders – vom Körperbau über das Sozialverhalten bis zur Nahrungssuche. Und die Summe aller Andersartigkeiten macht den Scheidenschnabel, wenn man es etwas salopp formulieren will, zum opportunistischen Huhn der Antarktis. Man unterscheidet übrigens zweierlei Unterarten: den Weissgesicht- und den Schwarzgesicht-Scheidenschnabel. Aber der Reihe nach: Scheidenschnäbel sind tatsächlich etwa so gross wie unsere Hühner und von ähnlich bulliger Statur. Die Natur schafft solche Körperformen durchaus mit Absicht, denn je «kugeliger» ein Tier ist, desto kleiner ist die Körperoberfläche im Vergleich zur Körpermasse und umso geringer ist der Temperaturverlust bei kaltem Wetter. Der Scheidenschnabel ist quasi ein Kompromiss aus Energiesparen und Aerodynamik: Er kann nämlich durchaus fliegen, sogar Hunderte von Kilometern weit bis zur Ostküste Südamerikas, wohin der Weissgesicht-Scheidenschnabel sich während der antarktischen Wintermonate zurückzieht. Aber er ist eben auch ein hervorragender Läufer mit starken Beinen und kräftigen Füssen, der locker einen beeindruckenden Sprint hinlegt – vor allem der Schwarzgesicht-Scheidenschnabel, der das ganze Jahr im antarktischen Lebensraum verbringt. Scheidenschnäbel heissen so wegen ihrer entsprechend aussehenden Verhornung am Schnabelansatz. Man tut, was man kann Die Fähigkeit zu sprinten ist nötig bei einem Leben, wie es der Scheidenschnabel führt. Denn das Nahrungsangebot auf dem antarktischen Festland ist überaus spärlich, wenn man nicht wie die Pinguine oder die Albatrosse Krill und Fische aus dem Meer holen kann. Der Scheidenschnabel macht darum aus der Not eine Tugend und frisst alles, was Nährwert hat. Und damit ist wirklich alles gemeint: Kot von Pinguinen, Aas, angeschwemmter Kelp mit winzigen Schnecken und Larven dran, das Blut von verwundeten und die Plazenta von gebärenden Robben und sogar deren Popel, wenn sie niesen. Viel ergiebiger sind natürlich Eier und Küken von Pinguinen. Aber das ist nicht so einfach. Man muss ja zuerst die Elterntiere 68 PolarNEWS

überlisten, um an die Eier heranzukommen. Und da sind Scheidenschnäbel besonders einfallsreich: Sie gehen mindestens zu zweit ans Werk, der eine lenkt trietzend den brütenden Pinguin ab, während der andere im richtigen Moment ein Ei oder ein Küken klaut und sich subito aus dem Staub macht. Die ganz verwegenen Teams rammen sogar mit Anlauf den Pinguin, sodass dieser umfällt und die Eier blank im Nest liegen. Auch bei den Robben sind die Vögel ziemlich aufdringlich: Wenn ein Robben-Muttertier ihr Kleines säugt, schieben sie einfach den Schnabel zwischen die Schnauze des Jungtieres und die Zitze der Mutter und schlürfen schnell ein paar Schlucke Milch, bevor sie schleunigst wieder wegsprinten, um nicht vom Muttertier gebissen zu werden. Kurz: Scheidenschnäbel sind lästige Nervensägen. Jedenfalls aus der Sicht der Pinguine und Robben. Aus der Sicht der Natur hingegen sind sie nützlich: Sie sind die Aufräumer der Antarktis. Die Biologen beschreiben das Fressverhalten der Scheidenschnäbel wertneutral als Kleptoparasitismus, der Begriff bezeichnet «das Ausnutzen von Leistungen anderer Lebensformen». Das klingt nach einem aggressiven Räuber, ist aber nur die halbe Wahrheit: Wenn die Pinguine das Brutgeschäft und die Mauser erledigt haben und ins Meer zurückkehren, bleiben die Scheidenschnäbel an Land zurück – und fressen angeschwemmten Kelp mit Wirbellosen drin. Über das ganze Jahr gesehen ist dieser Kelp der Hauptbestandteil ihrer Nahrung. Freund und/oder Feind Auch zueinander ist das Verhalten der Scheidenschnäbel ambivalent, je nach Situation. Sie gehen zwar gemeinsam und koordiniert Alles, was essbar ist, wird verwertet: Ein Scheidenschnabel tut sich an einem toten Jungpinguin gütlich. auf die «Jagd» nach Pinguineiern, schlafen bei grosser Kälte dichtgedrängt in grossen Gruppen nebeneinander und warnen sich gegenseitig, wenn ein Skua auftaucht (der wird zwar einem ausgewachsenen Scheidenschnabel nicht gefährlich, aber sicherheitshalber gehen sie dem dominanten Räuber lieber aus dem Weg). Koordiniertes Brüten Beim Brutgeschäft und bei Streitigkeiten um Futter oder Reviere kennen sie jedoch auch ihren Artgenossen gegenüber keine Gnade: Sie verteidigen ihre Nester und ihre Küken vehement, ein Streit ist so heftig wie ein Boxkampf mit Flügeln im Schnelldurchlauf. Und wenn das Nahrungsangebot mal wirklich knapp ist, kommt es durchaus vor, dass die Ihr Gelege platzieren die Vögel in Felsnischen oder natürlichen Höhlen. Vögel die Eier ihres Nachbar-Artgenossen wegfressen. Meistens aber sind die Scheidenschnäbel friedliche, treue und schweigsame Gesellen und «machen einfach ihren Job»: Sie weibeln um die Pinguinkolonien und räumen auf, sie geben nur selten Laute von sich (Ornithologen beschreiben sie als «Kek Kek Kek») und wirken immer ein bisschen hektisch, weil sie den Grossteil ihres Daseins auf Nahrungssuche sind. Wenn sich ein Männchen und ein Weibchen gefunden haben, bleibt das Paar in der Regel das ganze Leben lang zusammen. Weil das Nahrungsangebot am grössten ist, wenn die Pinguine brüten, ziehen auch die Scheidenschnäbel ihre Jungen in dieser Zeit auf, und dann werden die Scheidenschnäbel mit ihren Partnern ebenso «geschwätzig» wie die Pinguine. Von Mitte bis Ende Dezember, wenn in der Antarktis der Sommer voll in Fahrt kommt, richten die Scheidenschnäbel in Felsnischen ein Nest aus allerlei gesammelten Federn, Moos und Algen an und legen in der Regel zwei bis drei Eier im Abstand von einigen Tagen. Die Kleinen schlüpfen nach rund 30 Tagen Brutzeit entsprechend gestaffelt und krabbeln schon nach wenigen Stunden im Nest umher. Weitere rund 50 Tage später ist das charakteristische hochweisse Federkleid mit der grauen Daunen-Unterschicht voll ausgebildet. Die Jungen fangen nun selbstständig an, nach Futter zu suchen, bleiben aber bis zu sechs Monaten immer in der Nähe der Elterntiere. Erst wenn sie alle Tricks gelernt haben, werden sie zu einem weiteren «antarktischen Opportunisten». PolarNEWS 69

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