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PolarNEWS Magazin - 19 - D

Abenteuer 60

Abenteuer 60 PolarNEWS

Hisst die Segel ! Nichts ist schöner, als mit der Jacht durchs Eismeer zu schippern – sagt «Australis»- Skipper Ben Wallis. Auf alle Fälle hat der Australier viel zu erzählen. Bilder: Ben Wallis Text: Howard Whelan Skipper Ben Wallis und seine Partnerin Skye Marr-Whelan werden vom Lärm geweckt, aus tiefem Schlaf gerissen. Sie springen aus ihren Kojen auf der Motorjacht «Australis» und rennen auf das Aussendeck. Nur einen Meter entfernt wirft sich ein drei Tonnen schwerer See-Elefantenbulle in den eiskalten, klaren Wassern von Ocean Harbour auf Südgeorgien hin und her. «Er rülpste, prustete und röhrte so laut wie er nur konnte, wenige Millimeter vom Schiffsrumpf entfernt. Er nutzte die flache Metallhülle als Resonanzkörper, um seine Laute zu verstärken. Es war Ende Oktober und somit die Hauptsaison für die See-Elefanten und ihre Kämpfe. Mit seiner Stimme demonstriert ein Bulle, wie gross und stark er ist. Dieser da wollte offensichtlich die Damenwelt besonders beeindrucken. Er blieb für eine Weile beim Boot, rieb sich an der Hülle und verstärkte damit seine Rufe», erinnert sich Ben. «Wir waren ziemlich erleichtert über die Art dieses Besuches. Als wir aus dem Schlaf gerissen wurden, dachten wir, eine Robbe sei irgendwie auf das Deck geklettert. Ein Schreihals im Wasser war da weniger problematisch.» Solche nahen Begegnungen sind keine Seltenheit, wenn man mit einer Jacht in polaren Regionen unterwegs ist. Ben Wallis kann davon ein Liedchen singen, stundenlang. Er ist ein Expeditionssegler, der auch das australische Reiseunternehmen Ocean Expeditions leitet und seine eigenen Schiffe in der Antarktis, in Südgeorgien und in der Arktis führt. Bis heute hat er mehr als 40 polare Reisen, teilweise bis zu fünf Monate lang, in seinem Logbuch eintragen können. Ben hat auch auf Eisbrechern und kleinen Expeditionsschiffen gearbeitet, aber sein Herz schlägt für Segeljachten. Die «Australis» ist sein maritimes Arbeitspferd, eine 23 Meter lange motorisierte Segeljacht mit Stahlrumpf, gebaut für den Südlichen Ozean. Doch wenn man an Bord kommt, fühlt sie sich mehr wie ein Paradepferd an statt wie ein Arbeitspferd. Sie bietet viel Platz für die neun Passagiere und drei Besatzungsmitglieder. Untergebracht wird man entweder in Einzel- oder Doppelkabinen mit Tageslicht, die zudem mit Ventilation, Zentralheizung, eigenem Waschbecken, Gepäckablage und Haken ausgerüstet sind. «Wir sehen unsere Gäste eher als Teilnehmer», erklärt Ben. «Sie sind herzlich eingeladen, so viel sie möchten mitzumachen. Oder so wenig wie möglich. Einige möchten beim Segeln mitmachen, andere kommen, um zu arbeiten. Einige sind so oft wie möglich draussen beim Kajakfahren. Andere möchten Zodiacs fahren, Pinguine sehen oder einfach ein Buch lesen und entspannen.» Er meint weiter: «Ein wesentlicher Unterschied zu einem grossen Schiff besteht darin, dass im Gegensatz zu einem Schiff auf einer Jacht kein enger Zeitplan besteht. Auf einer Jacht kann man einen 24-Stunden- Zyklus erleben, den Tieren beim Aufwachen, Baden, Fressen, Lärmen und Schlafengehen zuschauen. Wenn wir etwas Interessantes sehen, beispielsweise Orcas, passiert es nicht selten bei uns, dass wir den halben Tag mit ihnen verbringen. Wir beobachten sie auf ihrer Wanderung, ihrer Jagd und in ihrem Sozialleben.» Ein anderes Mal stiessen Ben und seine Gäste auf eine Gruppe Finnwale. «Sie sind die zweitgrösste Tierart unseres Planeten, jeder Wal hatte die Grösse unseres Bootes. Sie schienen uns als einen der ihren zu betrachten und spielten mit unserem Boot, wie man das von Delfinen kennt. Es mussten um die zwanzig Tiere gewesen sein, und jedes wollte einmal vor dem Bug schwimmen, andere begleiteten uns an der Seite», erzählt Ben. «Einige von ihnen drehten sich auf ihre Wenn die «Australis» gemächlich über das Wasser gleitet (ganz links), kommt auch mal ein neugieriger Buckelwal vorbei (links). PolarNEWS 61

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