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PolarNEWS Magazin - 19 - D

1919 endet der Wettflug von London nach Sydney für das Team Wilkins mit einem Crash auf Kreta. Wilkins: «Wir haben um Geld gebettelt, Flugzeuge gekauft, sind sie geflogen und haben sie zerschmettert, wieder geflickt und uns selber zerschmettert.» Konnte man sich dagegen nicht wappnen? Gab es denn keine Möglichkeit, Wind und Wetter mit wissenschaftlichen Mitteln vorauszusehen? Natürlich gab es damals schon Wetterkundler, aber die untersuchten, wenn überhaupt, nur das lokale Wetter. Hubert aber dachte in grossen Horizonten. Er schrieb: «Wir wissen von der Geologie, dass gewisse Naturgesetze die Erde nachhaltig verändern. Warum sollte es also nicht möglich sein, die Erdatmosphäre zu studieren und zu verstehen, nach welchen Gesetzen Regenund Dürreperioden entstehen?» Er betrachtete die polaren Gebiete als Schlüssel zum Verständnis des globalen Klimas. Als er Jahre später als filmender Journalist die wegen Missernten grassierende Hungerkatastrophe von Russland 1921/22 dokumentierte, fasste er den Entschluss, sein ganzes Leben der Erforschung des Klimas zu widmen. Und er schmiedete auch gleich einen Plan: 20 Jahre lang wollte er in der Welt herumreisen und wissenschaftliche Daten sammeln. Die nächsten 20 Jahre wollte er aus den Daten die richtigen Schlüsse ziehen und daraus ein globales meteorologisches Beobachtungsund Wettervorhersage-System entwickeln. Wie überaus nützlich ihm bei diesem Vorhaben die neue Technik sein konnte, wurde Hubert Wilkins schon klar, kurz nachdem seine Familie nach Adelaide gezogen war. Um seine Ausbildung zum Mathematiker und Technischen Zeichner zu finanzieren, arbeitete er nebenbei in einer Motorenfabrik. Im Flicken von Antriebsmaschinen war der junge Wilkins offenbar begabt, denn eines schönen Tages 1905 fragte ihn ein Mann auf offener Strasse, ob er sein defektes Gerät reparieren könne, es stehe just im Zelt da drüben. Die Welt im Film Das defekte Gerät entpuppte sich als Film- Abspiel-Maschine, und so sah Wilkins zum ersten Mal in seinem Leben bewegte Bilder – das Kino war damals gerade erst erfunden worden. Sofort erkannte Wilkins das Potenzial der Filmkamera als Hilfsmittel für seine geplante Klimaforschung. Spontan brach Wilkins die Schule ab, schloss sich für eineinhalb Jahre diesem Wanderkino an, siedelte nach Sydney über und arbeitete als Kameramann, bis er 1911 das Angebot erhielt, für die Gaumont-Studios in London zu arbeiten. Natürlich nahm Wilkins das Angebot an, denn die Gaumont-Studios waren die berühmtesten Filmstudios der Welt, ihre Wochenschauen waren heisser begehrt als heute alle Filme von George Clooney zusammengenommen. Allein in den ersten 18 Monaten in London bereiste Wilkins 27 Länder mit der Filmkamera. Und schon mit einem seiner ersten Aufträge erlangte er selber Berühmtheit: Während einer Reportage über den Waffenschmuggel von Italien nach Tunesien im tunesischen Unabhängigkeitskampf wurde er verschleppt und in der Wüste gefangen gehalten. Ihm gelang die Flucht, er schlug sich durch die Wüste nach London zurück und wurde mit der mehrteiligen Radioreportage «The Adventure Thrills» zum Starjournalisten mit einem 2000 Pfund schweren Zweijahresvertrag für Gaumont (normalerweise verdienten Wochenschau-Journalisten in derselben Zeitspanne 300 Pfund). Die nächsten Schritte Die nächste grosse Wende in seinem Werdegang zum Forscher kam schon bald, 1912 während einer Reportage über die erste Flugschule Englands in Hendon in der Nähe von London. Fliegerei war damals so jung und aufregend wie das Kino, 50’000 Besucher pilgerten jeweils zu den Flugschauen in Hendon, und die Wahrscheinlichkeit, einen abstürzenden Flieger zu sehen, war recht hoch – die Flugzeuge hatten noch nicht mal Bremsen an den Rädern. Auch Wilkins war von der Fliegerei angetan – weil sie ihm ermöglichte, die Kamera in den Himmel zu heben und die Welt von oben zu beobachten. Es dauerte nicht lange, und Wilkins begann eine Ausbildung zum Piloten. Ein Jahr später wurde es ihm möglich, die Arktis endlich mit eigenen Augen zu sehen und zu erkunden: 1913 bis 1916 begleitete er als Filmer die Canadian Arctic Expedition von Vilhjálmur Stefánsson. Unglücklicherweise geriet das Schiff in Packeis, sank und 56 PolarNEWS

iss viele Männer in den Tod. Der Rest der Mannschaft kämpfte monatelang ums Überleben, bevor sie in einer aufwendigen und schwierigen Rettungsaktion geborgen wurden. Der unerschrockene Wilkins spielte dabei eine wichtige Rolle als Verbindungsmann zwischen den aufgesplitteten Teams. Angst hatte Wilkins dabei kaum. «Abenteuer ist nur ein Wort, mit dem man ungeplante Überraschungen schönredet», sagte er einmal. «Die kann man aber verhindern, indem man eine Expedition minuziös vorbereitet.» Wilkins’ Wochenschau-Beiträge waren der Knüller, weil er sich fortan todesverachtend und ohne Scheu in jedes Kriegsgebiet wagte und die spektakulärsten Schlachtaufnahmen nach Hause brachte. Dienst in der Armee Um wie viel gefährlicher dieser Job im Vergleich zu heute war, lässt sich aus einem Wilkins-Zitat aus dieser Zeit erahnen: «Man muss in die Gefahrenzone hineingehen, um feststellen zu können, ob man sich überhaupt in einer Gefahrenzone befindet.» Wilkins tat dies im Balkankrieg übrigens mit einem Motorrad. Einmal geriet er dabei zwischen die Fronten und stand schon vor dem türkischen Erschiessungskommando, bevor er in letzter Sekunde gerettet wurde. 1917 meldete er sich zur australischen Armee und wurde angenommen, obwohl er sich weigerte, eine Waffe zu tragen. Zwei Jahre lang war er als Kriegsreporter im Einsatz, gemeinsam mit seinem Landsmann Frank Hurley – ja genau: dem Frank Hurley, der als Fotograf bei Ernest Shackletons spektakulärer Endurance-Expedition in die Antarktis mit in der Mannschaft war. Die beiden hatten sich während der Gefechtspausen viel zu erzählen. Bei seinen Einsätzen wurde Wilkins neunmal verwundet, zweimal wurde er mit dem Military Cross ausgezeichnet. Hochtrabende Pläne Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Welt wieder Hubert Wilkins und seinem Forscherdrang. Während die Siegermächte in Versailles die Welt neu unter sich aufteilten, sass Wilkins in einem chinesischen Restaurant am Londoner Piccadilly Circus und dachte darüber nach, wie er Orte erreichen konnte, die noch nicht mal auf der Weltkarte verzeichnet waren. Er skizzierte Flugrouten auf das Tischtuch, das ihm als Landkarte diente. Sein Plan: die Antarktis überfliegen. Einerseits. Anderseits hatte er vor, am gegenüberliegenden Ende der Welt zum Nordpol zu fliegen und die erste von vielen meteorologischen Messstationen einzurichten. Weder das eine noch das andere war bisher je einem Menschen gelungen. Verständlich also, dass kein einziger Flugzeughersteller und noch nicht mal die Zeppelin-Werke diese wagemutigen Vorhaben unterstützen wollten, im Gegenteil: Wilkins erntete Hohn und Häme für seine Ideen. Und ein internationales Netzwerk von meteorologischen Messstationen zur Vorhersage von globalen Grosswetterlagen? Wie irrwitzig war das denn... Also nahm Wilkins fürs Erste an einem international ausgeschriebenen Wettflug von London nach Sydney teil, wo er aber schon in Kreta eine spektakuläre Bruchlandung hinlegte. Die Weltpresse bezeichnete diesen Wettbewerb übrigens als hirnrissigen Blödsinn für Lebensmüde. Zwei Piloten starben tatsächlich. Inzwischen war das Jahr 1920 angebrochen und Hubert Wilkins 32 Jahre alt. Kaum ein Mensch hatte mehr von der Welt gesehen und mehr Abenteuer durchgemacht als er. Doch für ihn begann erst jetzt die Phase, auf die er all die Jahre gewartet hatte: seine Reisen in die nord- und südpolaren Gebiete. In der Zeit von 1920 bis 1937 nahm er an sage und schreibe elf Expeditionen in die Arktis oder in die Antarktis teil, einige unter seiner Leitung. Er nutzte dabei jede erdenkliche Art von Fortbewegungsmitteln, brachte deren Technik auf den neusten Stand und stiess immer wieder in unbekannte Gefilde vor. Seiner Zeit voraus Zwischendurch fotografierte er ein paar Wochen lang die Quäker in Russland, filmte während zweier Jahre die Tierwelt Australiens und schrieb Bücher. 1928 heiratete er in Cleveland die australische Schauspielerin Suzanne Evans, die als Suzanne Bennett Theaterkarriere machte. Die Ehe blieb zwar kinderlos, hielt aber ein Leben lang. Und was hat das alles gebracht? Wer Wilkins’ Leben einzig nach den Massstäben des mess- In seinen Dokfilmen über die australische Tierwelt 1923 – 25 setzte sich Wilkins für die Aborigines ein. 22. August 1931: Die Nautilus dockt ans Packeis an. Die Tiefenruder fehlen. Was nun? Wilkins entscheidet: Wir versuchens wenigstens. Ein paar Tage später gibt er auf. PolarNEWS 57

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