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PolarNEWS Magazin - 19 - D

Geschichte Zu früh für

Geschichte Zu früh für die Wettervorhersage Dass Hubert Wilkins für seine Expeditionen die neuste Technik einsetzte, machte ihn zum ersten Pionier der Moderne. Dabei wollte er nur wissen, wie das Wetter morgen wird. Text: Christian Hug 22. August 1931, nördlich von Spitzbergen am Rande der polaren Eiskappe, 18 Mann und ein U-Boot. Schiffstaucher Frank Crilley hat soeben festgestellt, dass beide Tiefenruder der «Nautilus» abgebrochen und gesunken sind. Somit war zwar endlich der Grund gefunden, warum das U-Boot auf Fahrt seit Tagen ruckelte und rumpelte. Aber der Zeitpunkt und die Umstände hätten ungünstiger nicht sein können. Denn beim ersten Anlauf vor zwei Monaten musste die «Nautilus» nach einem SOS-Notruf gerettet werden, die Reparatur der kaputten Motoren in England nahm Wochen in Anspruch, der Zeitplan war aus den Fugen geraten, der Winter stand vor der Tür, die Eiskappe hatte bereits zu wachsen begonnen... Zeitlich gesehen war Ende August die allerletzte Möglichkeit, unter das Eis zu tauchen – und jetzt das: Tiefenruder weg. Wie sollte man da noch zum Nordpol gelangen? Ja, der Nordpol! Er war das Ziel der Wilkins- Ellsworth Trans-Arctic Submarine Expedition unter dem Kommando des Australiers Hubert Wilkins. Beziehungsweise: Zum ersten Mal überhaupt sollte ein U-Boot unter dem Eis hindurchtauchen und bis zum Nordpol vorstossen. Eine Eroberung von unten. Hubert Wilkins liess die «Nautilus» ans Packeis andocken und hiess die Besatzung aussteigen. Weiterfahren oder aufhören? Aufhören, sofort, wir sind doch nicht lebensmüde! «Ohne Ausnahme wollten alle Männer des Boots umgehend zurückkehren», schrieb Kommandant Wilkins später in seinem Bericht. «Das zu tun würde aber den kompletten Misserfolg bedeuten. Als Kommandant des Schiffes befahl ich, das Experiment fortzusetzen.» War das ganze Unternehmen also doch nichts weiter als ein Suizidkommando, wie die Zeitungen seit Monaten gefrotzelt hatten? Natürlich: Würde Wilkins den Nordpol erreichen, wären ihm Entdecker-Ruhm und Pionier-Ehre auf ewig sicher, und vor dem Tod hatte Hubert Wilkins nicht die geringste Angst, wie wir noch sehen werden. Aber Abenteuerlust war nicht der Grund, warum er den Befehl zum Weitermachen erteilte. Ein Pionier der Technik Sein Antrieb war das U-Boot selbst: Unterwasserschiffe hatten im Ersten Weltkrieg 1914–1918 als neue Art von Kampfgerät einen riesigen Entwicklungsschub erfahren und im Krieg eine recht grosse Bedeutung erlangt. U-Boote waren nun auch für den zivilen Einsatz auf dem neusten Stand des technisch Machbaren. Genau diese Technik wollte Wilkins für seine Expedition nutzen, und zwar für die Forschung, präzise: für die Klimaforschung. Davon war Hubert Wilkins geradezu besessen: von der Technik und vom Klima. Mit der Wilkins-Ellsworth Trans-Arctic Submarine Expedition wollte er beweisen, dass man beides gewinnbringend zusammenführen kann. Dabei hatte er das schon lange vor der U- Boot-Expedition bewiesen. Hubert Wilkins, damals 43 Jahre alt, war 1931 einer der weltweit berühmtesten Menschen. Er galt schon damals als der erste moderne Entdecker, weil er nicht wie die bisherigen Pioniere mit Schlitten und Hunden neuen Horizonten entgegenmarschierte – obwohl auch er Tausende von Kilometern zu Fuss auf dem ewigen Eis zurückgelegt und in klapprigen Baracken überwintert hatte. Wilkins war berühmt, weil er als einer der ersten erkannte, dass man mit moderner Technologie sehr viel effizienter erkunden und natürlich auch forschen konnte – und nebenbei gleichzeitig die Technik selber vorantrieb. Letztlich war es aber nicht mal die Technik, die Wilkins am meisten interessierte, sondern das, was sie ermöglichte: neue Erkenntnisse in der globalen Wetterforschung. Auch in diesem Bereich war Wilkins seiner Zeit weit voraus. Die Pole als Schlüssel Wilkins’ lebenslanger Wunsch, das Wetter zu verstehen, wurzelt in seiner Kindheit. Genauso wie sein Hang zum Abenteuer. Geboren am 31. Oktober 1888, wuchs er als jüngstes von 13 Kindern in einer Schafzüchterfamilie im südaustralischen Nefield auf. Diese Gegend wurde einst neuen Siedlern wie seinem deutschstämmigen Grossvater als zukünftiges Reis-, Opium- und Schafwolle-Paradies angepriesen. Hubert war mit seinen Aborigines-Freunden oft in der Wildnis und lernte von ihnen allerlei Tricks, wie man mit der harschen Natur zurechtkommt. Das Paradies erwies sich dann aber eher als Hölle: Von 1896 bis 1902 herrschte in Südaustralien eine verheerende Dürreperiode, Tiere verdursteten zu Tausenden, Siedler mussten ihre Höfe aufgeben. Just an Huberts 17. Geburtstag verkaufte auch sein Vater Harry die 400 Hektaren grosse Farm, die Familie zog in einen Vorort von Adelaide. Hubert wollte nicht hinnehmen, dass die Menschheit Wetterphänomenen mit so dramatischen Auswirkungen hilflos ausgeliefert sein sollte. Als Kameramann für die Wochenschau kam Wilkins 1913–16 zum ersten Mal in die Arktis. 54 PolarNEWS

Alle Bilder: Ohio State University PolarNEWS 55

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