Aufrufe
vor 2 Jahren

PolarNEWS Magazin - 19 - D

Projekten für

Projekten für Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. Belgien ging mit gutem Beispiel voran und erteilte der IPF kurz nach deren Gründung den Auftrag, eine Null-Emission-Station in der Antarktis zu errichten. Denn sollte dieses Vorhaben in einer so extremen Gegend wie der Antarktis gelingen, wären andere Null-Emission-Projekte überall auf der Welt möglich. Was ist eine Null-Emission-Station? Statt sich auf fossile Brennstoffe zur Energiegewinnung zu verlassen, wie das bisher üblich war, sollte die neue Station zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energiequellen betrieben werden und keinen fossilen CO 2 -Ausstoss produzieren. In der Antarktis heisst das: Wind und Sonne nutzen, um Strom und Wärme zu generieren. In der Theorie eigentlich ein einfaches Konzept, denn beides ist dort zumindest während der Sommermonate im Überfluss vorhanden. Die Ausführung war dann allerdings wesentlich komplizierter. Einerseits mussten schwierige technische Probleme und Fragen geklärt werden, andererseits galt es, logistische und finanzielle Hindernisse zu überwinden. Eines stand aber schon schnell fest: Der Name der neuen Station sollte Princess Elisabeth Antarctica Station sein, benannt nach der ältesten Tochter des belgischen Königs. Suche nach dem idealen Ort Die erste Schwierigkeit ergab sich schon bei der Frage: Wo soll man eine solche Station aufbauen? Und wie? Die früheren Roi-Baudouin-Stationen wurden auf dem Schelfeis im Dronning Maud Land errichtet. Aus Erfahrung bot sich daher ein erneuter Aufbau in diesem Gebiet an. Doch Stationen auf dem Schelfeis sind nicht von Dauer, da das Schelfeis permanent in Bewegung ist. Der neue Standort sollte aber auch nicht allzu weit im Landesinneren sein, weil sonst die Wege für den Materialtransport zu lang würden, und gleichzeitig am Rande des antarktischen Hochplateaus stehen, damit die kontinuierlichen Winde genutzt werden können. Nach längerer Suche fand das Explorationsteam unter Alain Hubert schliesslich den idealen Ort: den Utsteinen-Nunatak in der Sør-Rondane-Bergkette, am Rande des antarktischen Hochplateaus. Nunataks heissen die Bergspitzen, die aus den Gletschern rausragen. Mehrere Umstände sprachen für diesen Ort. Zum einen die Tatsache, dass der Utsteinen aus Granit besteht und somit einen stabilen Untergrund für das Fundament der Station bildet. Zum anderen die meteorologischen Bedingungen mit kontinuierlichen Ostwinden und 100 von 120 möglichen Sonnentagen während der Sommermonate. Des weitern seine geografische Position mit einer Entfernung von rund 220 Kilometer von der Küste und einer Höhe von 1382 Metern über Meer – das vereinfacht den Transport von Gütern zur geplanten Stelle und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, ein Flugfeld einzurichten. Mehrjährige Bauphase Im Jahr 2005 nahm ein Bauteam die logistischen Vorbereitungen für den Bau der Princess Elisabeth Antarctica Station vor Ort in Angriff. Schon im folgenden Südsommer, 2006, brachte ein Versorgungsschiff die ersten Container – auch eine von neun geplanten Windturbinen, die die Stromversorgung sicherstellen sollten. Die Testturbine erfüllte sämtliche Erwartungen: Sie lieferte genügend Strom und widerstand den bis zu 125 Stundenkilometern starken Winden, die im Gebiet des Utsteinen keine Seltenheit sind. Ein weiteres Jahr später, pünktlich zu Beginn des Internationalen Polarjahres 2007–2009 war es soweit: Die Bauphase begann! Zuerst wurden am Fuss des Utsteinen die technischen Gebäude errichtet, wo die einzelnen Teile der Station und die Maschinen überprüft werden mussten, bevor das Bauteam sie benutzen konnte. Die nächste Bauphase war eine der wichtigsten: das Aufstellen der Ankervorrichtungen. Mit Hilfe von starken Bohrern verankerten die Monteure die Metallstreben metertief im Granit. Um aber überhaupt bohren zu können, musste zuerst der unebene Untergrund mit Hilfe von Zementfundamenten ausgerichtet werden. Nach der Verankerung der Metallstreben begann ein neues Team mit dem Aufbau der Holzkonstruktion. Holz hat den Vorteil, dass es gegenüber Temperaturschwankungen unempfindlicher ist und eine leichte, aber stabile Bauweise erlaubt. Auf die Holzkonstruktion wurden nun Wandmodule fixiert, die aus Stahl, Aluminium, Holz, Holzwolle, Isolationswolle und Packpapier bestehen. Der gesamte Aufbau funktionierte wie ein Puzzle: Die Designer der Station unter der Leitung von Johan Berte liessen die Teile in Belgien komplett fertigen. Ein russisches Transportschiff transportierte diese Puzzleteile anschliessend in die Antarktis, wo sie das Montageteam nur noch zu einer Station zusammenbauen musste. Am Ende der Saison stand die Station windund wetterfest, bereit, im darauf folgenden Jahr (2008/09) mit dem Innenausbau vollendet zu werden. Der begann allerdings im Freien: Neben den bereits errichteten neun Windturbinen musste das Konstruktionsteam Solarpanels über eine Fläche von über 400 Quadratmetern montieren. Im Inneren der Station waren dann die entsprechenden Verkabelung und Wasserleitungen sowie das Kontrollsystem plus die Wasseraufbereitungsanlage zu installieren. Die letzten Arbeiten beinhalteten die Installation einer Satellitenschüssel für die Kommunikation via Breitband-Internet und eine Tankplattform für Fahrzeuge. Das Erstere ist besonders wichtig, da zum einen die Teams damit den Kontakt mit der Aussenwelt aufrechterhalten und Daten in Echtzeit hochladen können. Zum anderen erlaubt diese Verbindung die Steuerung und die Kontrolle der Stationssysteme auch direkt von Belgien aus. Endlich, am 15. Februar 2009, am Ende des Internationalen Polarjahres, wurde die Station feierlich in Betrieb genommen. Die erste Null-Emission-Station war Wirklichkeit geworden. Neuste Technologie Wie funktioniert diese Station? Betrachten wir zuerst eine «herkömmliche» polare Forschungsstation und ihr offensichtlichstes Energieproblem: Dieselgeneratoren liefern den Strom für sämtliche Geräte, geheizt wird ebenfalls mit dem Strom der Generatoren. Ein relativ grosser Teil dieser Wärme geht aber verloren, weil die Aussenwände im Verhältnis zu den extrem niedrigen Aussentemperaturen nur mangelhaft isoliert sind. Im Gegensatz dazu bestehen bei der Null- Emission-Station die Wandmodule aus neun Zum schnellen Aufbau wurden so viele Bauteile wie möglich vorgefertigt in die Antarktis geliefert (oben). Das Test-Windrad hat funktioniert. Jetzt können die restlichen Energielieferanten aufgestellt und verankert werden (unten). Alle Bilder: IPF 48 PolarNEWS

Rubriktitel PolarNEWS 49

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum