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PolarNEWS Magazin - 19 - D

mir klar: Das hier wird

mir klar: Das hier wird eine Sightseeing- Tour. Ich mache mich gefasst auf ein atemloses Spektakel ohne philosophischen Tiefgang. Entdeckungs-Action Nichtsdestotrotz ist natürlich die Entdeckungsfahrt mit der «Ocean Nova» ergreifend. Schon am nächsten Morgen durchqueren wir bei ruhiger See, Sonnenschein und 8 Grad Celsius die Gerlache-Strait und cruisen zum Angewöhnen mit den Zodiacs durch die märchenhafte Treibeis-Welt von Foyn Harbour. Am Nachmittag gehen wir bei der Danco-Insel zum ersten Mal an Land und besuchen eine Kolonie von Eselspinguinen. Trotz des warmen Wetters ist es noch früh im antarktischen Sommer, die Brutzeit hat gerade erst begonnen. Manche Pinguine sind mit Nestbau beschäftigt, einige noch auf Partnersuche, ein spannendes Hin und Her mit lustigen und berührenden und manchmal nicht ganz jugendfreien Szenen. Die meisten brüten still ihre Eier aus, es ist also verhältnismässig ruhig in der Kolonie, aber es stinkt schon beträchtlich. Herrlich anzusehen, wie die Vögel alle gut genährt und fit sind für die anstehende auszehrende Aufzucht der Jungen. Am nächsten Tag durchqueren wir den berühmten Lemaire-Kanal, quasi das Must jeder Antarktisreise, und staunen, wie wendig das Schiff im Eis tatsächlich ist. Das ist die «Ocean Nova» auch in der zugefrorenen Bucht der ehemaligen englischen Forschungsstation Port Lockroy, aber für die Zodiacs ist das Eis zu dick und zu dicht. Wir weichen aus auf die Dorian Bay, wo eine alte Hütte steht, die früher Seefahrern in Not als Schutz diente, rundherum brüten Eselspinguine. Auf der zauberhaften Peterman- Insel sinkt die Temperatur erstmals unter den Gefrierpunkt. Und immer wieder streiten ach zwei Seelen in meiner Brust: Schönheit gegen Tempo. Das gilt vor allem für die Landgänge. Das alles ist spektakulär schön. Und trotzdem bin ich immer wieder, wenn wir von einem Landgang aufs Schiff zurückkehren, ziemlich irritiert. Denn auch wenn ich regelmässig mit dem allerletzten Zodiac zurückfahre – nach zwei Stunden ist der Landzauber vorbei. Und kaum auf dem Schiff zurück, denke ich daran, dass bei meiner ersten Antarktisreise die Landgänge drei bis vier Stunden dauerten. Das war genug Zeit, um sich erstmal hinzusetzen und sich sattzusehen an der atemberaubenden Landschaft, um die Pinguine zu beobachten, und es blieb immer noch genügend Zeit, um in aller Ruhe tolle Fotos zu schiessen. Jetzt aber reicht die Zeit nicht für Romantik und Schwärmerei. Jedenfalls nicht für mich, der ich dick und winddicht angezogen einfach nicht genug kriege von dieser Welt, die so anders ist als alles andere. Eroberer-Geist Für die meisten Teilnehmer dieser Reise scheinen zwei Stunden allerdings genau richtig: Sie gehen an Land, schauen sich um, machen Fotos, gehen wieder aufs Schiff. Punkt, mehr oder weniger. Flugzeug-Antarktisreisende sind sogar auf dem Schiff schneller als Nur-Schiff-Reisende. Und das ist ja auch okay, sagt die eine Seele in meiner Brust. Es ist nur... man ist ja nicht so oft in der Antarktis, und wenn man schon mal da ist, sollte man genügend Zeit zum Staunen haben. Sagt jedenfalls die andere Seele in meiner Brust. Überwältigt von den Eindrücken sind natürlich auch die «Flugzeugler». Am Abend in der Panorama-Lounge werden die Erlebnisse des Tages rekapituliert, ein heiteres Durcheinander in vielen Sprachen. Hast du gesehen, wie selbstsicher die Skuas über die Pinguine fliegen? Der Seeleopard hat sooo scharfe Zähne! And the Chinstraps are sooo cute! Die meisten sind um Mitternacht, wenn es draussen langsam dämmrig wird, längst im Bett. Denn es gibt viel zu sehen am nächsten Tag. Am Morgen des vierten Tags unserer Schiffsreise betreten wir zum ersten Mal auf dieser Reise das Festland des Kontinents – sinnigerweise an exakt derselben Stelle des Neko Harbours, an der ich Jahre zuvor zum ersten Mal in meinem Leben das antarktische Festland betreten habe. Entsprechend lasse ich mich für das Siegerfoto in derselben Pose wie letztes Mal ablichten und fühle mich wie ein Eroberer, der zur Terra Incognita zurückkehrt, nur um sicher zu sein, das sie tatsächlich existiert. Auch hier sind die Eselspinguine mit Brüten beschäftigt, es geht verhältnismässig ruhig zu und her. Auf den tief in den Schnee eingetrampelten «Pinguin-Autobahnen» kreuzen saubere Vögel, die vom Meer kommen, mit verschmutzten Tieren, die ins Meer gehen. Oben: Wer wollte, konnte die Landgänge auch für einen Schneeschuhlauf nützen. 34 PolarNEWS

Unten: Sicher ist sicher: Fähnchen signalisieren, wie weit wir vom Zodiac weg dürfen. Oben: Pinguine kommen auf die Vulkaninsel Deception, um sich auszuruhen. Unten: Welcome on land: Tourguides helfen beim Ein- und Aussteigen in die Zodiacs. PolarNEWS 35

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