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PolarNEWS Magazin - 19 - D

Text: Christian Hug

Text: Christian Hug Bilder: Rosamaria Kubny, Christian Hug Normalerweise geht eine Reise zur Antarktischen Halbinsel so: Man besteigt in Ushuaia am untersten Zipfel von Südamerika ein Schiff, verlässt den Hafen durch den Beagle- Kanal und sticht in die offene See Richtung Süden. Zweieinhalb Tage fährt der Kahn dann volle Kraft voraus, bis das erste Land in Sicht kommt. Das sind dann aber erst die vorgelagerten Inseln, und es braucht dann nochmal ziemlich Zeit, bis man endlich auf dem kontinentalen Festland steht. Sehr viel schneller geht dieselbe Reise mit dem Flugzeug, die das chilenische Reiseunternehmen Antarctica XXI als einziger Veranstalter weltweit anbietet: Sämtliche Reisenden treffen sich in einem Hotel im chilenischen Punta Arenas, wo auch gleich das Briefing für die Reise abgehalten wird (wie man aus dem Zodiac steigt, wie nah man den Pinguinen kommen darf, dass man kein Essen mit an Land nehmen darf und so weiter). Am nächsten Tag besteigt man dann ein Flugzeug, eine vierstrahlige BAE 146- 200 mit 70 Sitzplätzen, um genau zu sein, und zack – nach einem kleinen Snack an Bord ist man innert zweier Stunden schon mittendrin in der Antarktis beziehungsweise landet man auf der König-Georg-Insel vor der Antarktischen Halbinsel. Dort steht die chilenische Frei-Forschungsstation, und diese verfügt über eine kurze, ungeteerte Landebahn. An dieser marschiert man nun in einer vom Militär befohlenen Einerkolonne vorbei zur Küste, wo das Schiff bereits wartet – und los geht die Kreuzfahrt. Die sechstägige Entdeckungsfahrt mit dem Schiff an der Antarktischen Halbinsel bleibt zwar sowohl bei der Schiffs- als auch bei der Flugzeug-Variante ungefähr dieselbe. Trotzdem unterscheiden sich die kombinierte Flugzeug-/Schiffsreise und die Nur-Schiffsreise grundlegend voneinander. Das weiss ich, weil ich vor einiger Zeit mit dem Schiff in die Antarktis gereist war und nun mit dem Flugzeug erneut zum Weissen Kontinent pilgere. Ja, pilgern scheint mir das richtige Wort dafür, doch dazu später. Die Eröffnungs-Show Zuerst zurück auf Feld 1 beziehungsweise nach Punta Arenas. Dort lasse ich mich also unterrichten (an Land kein Moos zertreten, jeder erhält jetzt passende Gummistiefel, Trinkgeld für die Crew ist freiwillig und so weiter) und besteige am Tag darauf mit den anderen Gästen aus der ganzen Welt besagten Flieger. Die zwei Stunden in der Luft gehen sprichwörtlich im Flug vorbei, ich freue mich auf tausende Pinguine, und die Flugbegleiterin bringt lächelnd mehr von dieser feinen Nuss-Beeren-Mischung. Die Landebahn auf der König-Georg-Insel Die Landebahn taucht unvermittelt auf, die Landung ist kurz und unerwartet weich, hier sind wir also. taucht unvermittelt auf, die Landung ist kurz und erstaunlich weich, hier sind wir also. Wir werden von einigen Mitgliedern der Expeditions-Crew in Empfang genommen und zum Strand geführt, von wo aus wir in Zodiacs zum Schiff gefahren werden. Die «Ocean Nova» sieht aus wie ein viereckiger Kübel mit Kamin, da ist kein nennenswert schnittiger Bug, und das Heck wirkt abgehackt. Keine Augenweide also. Aber auf der Fahrt ist der 2000-PS-Diesler so wendig wie kaum ein anderes Schiff, das durch diese Gegend fährt. Das wird uns der Kapitän im eisdurchsetzten Lemaire-Kanal eindrücklich demonstrieren. Die Kabinen sind wie immer unspektakulär, klein und funktional, die Gemeinschaftsräume von der Aussichts-Lounge über die Bibliothek bis zum Esssaal sind schlicht und angemessen komfortabel. Die «Ocean Nova» ist gebaut für 70 Passagiere, was selbst für polare Verhältnisse wenig ist und das Reisen in der kleinen Gruppe umso übersichtlicher und familiärer macht. Auf unserer Reise sind wir sogar nur 48 Passagiere – es ist noch Vorsaison. Das Schiff fährt los, und noch bevor uns der Kapitän begrüssen kann, tummelt sich vor dem Bug schon eine Schule Buckelwale, als hätten sie nur auf uns gewartet: Welcome to Antarctica! It’s great to be here! Soviel Walglück ist natürlich umwerfend – aber gleichzeitig auch ein bisschen befremdlich: Wir stecken bereits mittendrin in dieser überwältigenden Wildnis, aber man begreift das noch gar nicht richtig. Das Spektakel der Blase und Fluken wirkt wie eine Show, in die wir viel zu schnell hineingeraten sind. Ich hab ja im Flieger noch nicht mal meine mitgebrachte Tageszeitung fertiggelesen. Von Zeit und Raum Das Tempo dieses Trips wird mir umso drastischer klar, als ich an meine erste Reise in die Antarktis zurückdenke, die mit dem Schiff von Ushuaia aus. Da hat man Zeit. Viel Zeit. Das Schiff fuhr und fuhr und fuhr und man wurde ungeduldig, wann kommt jetzt endlich die Antarktis, auf der Landkarte sind es ja nur ein paar Zentimeter. Irgendwann tauchte aus dem Nichts ein kilometerlanger Tafeleisberg auf, man bekam den Mund nicht zu vor lauter Staunen, aber von der Antarktis war immer noch nichts zu sehen, und langsam wurde jedem an der Reeling klar: Dieser Kontinent ist gross. Extrem gross. So unglaublich gross, dass wir dessen Ausdehnung gar nicht in den Kopf kriegen. Grösser als ganz Europa. Und alles kilometerhoch mit Eis bedeckt. Und rundherum ein 1000 bis 3000 Kilometer breiter Gürtel aus kaltem Meer. Für mich jedenfalls war das eine tiefgreifende Erkenntnis: Dieser Kontinent ist so weit abgelegen und so gross und so unwirtlich, dass hier alles anders ist als alles, was wir von zu Hause kennen. Grösse und Zeit spielen in der Antarktis überhaupt keine Rolle – beziehungsweise nur in Dimensionen von Jahrmillionen. Es ist deshalb völlig wurscht, ob es ein Jahr oder zehn oder hundert Jahre dauert, bis ein Eisberg so gross wie zehn Fussballfelder zum fingerkuppenkleinen Eiswürfel geschmolzen ist. Irgendwann wird auch der Eiswürfel nur noch Wasser sein, aber auch das spielt keine Rolle. Und das hat für zivilisationsgeprägte Zweifler wie mich etwas Tröstliches. Aber um auf solche Gedanken zu kommen, braucht es Zeit. Die hat man, wenn man zweieinhalb Tage auf dem Schiff herreist. Aber nicht, wenn man in zwei Stunden mit dem Flieger hier rüber jettet. Spätestens beim Anblick der «Begrüssungs-Show» der Buckelwale bei der König-Georg-Insel wird 32 PolarNEWS

Oben: Dieser Antarktis-Kormoran scheint alle Zeit der Welt zu haben, die Aussicht zu geniessen. Unten: Wer da? Der Seeleopard lässt sich vom vorbeifahrenden Schiff nicht aus der Ruhe bringen. PolarNEWS 33

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