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PolarNEWS Magazin - 19 - D

Heute schätzt man den

Heute schätzt man den Bestand in Nord- und Ostgrönland auf rund 50 Tiere – viel mehr konnte dieser äusserst karge Lebensraum wohl noch nie beherbergen. Eine solche «Wolfsdichte» muss man sich einmal konkret vorstellen: Diese 50 Tiere sind auf einer Strecke von über 2500 Kilometern anzutreffen, von der Region Thule/Qaanaaq via die Nordspitze Grönlands bis zum Scoresbysund. An der grönländischen Westküste hingegen leben heute keine Wölfe mehr. Man muss historische Quellen und sogar archäologische Funde bemühen, um die einstige Präsenz des Polarwolfes in Westgrönland zu belegen. Daraus geht hervor, dass Westgrönland zumindest zeitweise in vorkolonialer Zeit von Wölfen besiedelt gewesen war: Während die erste schriftliche Erwähnung aus einem dänischen Dokument aus dem Jahre 1260 stammt, stiessen Archäologen auf Knochen und Zähne von Wölfen, die von den Eskimos der Dorset-Kultur um 200 nach Christus gejagt worden waren. Keine Beute – keine Welpen Rudel von Polarwölfen herrschen über Territorien, die oft mehrere tausend Quadratkilometer umfassen. Weniger liegt gar nicht drin, denn auch die Beutetiere des Wolfes leben in dieser hocharktischen Kulisse weit verstreut. Wer also fressen will, muss grosse Gebiete auf Nahrungssuche durchkämmen. Und wonach sehnt sich ein knurrender Wolfsmagen? Moschusochsen führen die Menüliste an, wie eine Analyse von 461 Kotproben von Polarwölfen aus dem nördlichsten Grönland gezeigt hat. Es folgen Halsbandlemminge und Gänse sowie andere Vogelarten wie etwa Alpenschneehühner. An dritter Stelle steht der Polarhase. Aber auch Peary-Karibus und gar Robben werden verspeist. In drei Wolfslosungen aus den nördlichsten Gefilden des Planeten fanden die Forscher sogar Plastikteile und eine Nylonschnur... In Kanada belieben viele Polarwölfe, ständig ganz nahe an ihrer Futterquelle zu sein: Sie ziehen mit den grossen Karibuherden mit, welche den Winter im Waldgürtel verbringen, im Frühling weite Reisen nordwärts unternehmen und sommersüber in der arktischen Tundra leben. Das Wenige, was es zu fressen gibt, haben die Tiere allerdings keinesfalls auf sicher. Neuerdings macht die Klimaveränderung einigen Polarwolf-Rudeln schwer zu schaffen. Dies belegen jahrelange Beobachtungen eines Rudels auf rund 80 Grad nördlicher Breite in der kanadischen Arktis: Jene Polarwölfe jagten Moschusochsen und Polarhasen und hatten im Lauf der Neunzigerjahre praktisch jedes Jahr Junge. In den Sommern 1997 und 2000 jedoch bedeckte erstmals Sommerschnee die Tundravegetation, was an den Kräften von Moschusochsen und Hasen zehrte – es gab plötzlich nur noch wenige davon. Zeitgleich waren die Wölfe vom Populationseinbruch ihrer Beutetiere betroffen: Über mehrere Jahre hinweg wurden daraufhin in dieser Gegend keine Jungwölfe mehr gesichtet. Höhlenkinder Ein Wolfsrudel besteht typischerweise aus Familienmitgliedern. Zieht ein solches Rudel auf Nahrungssuche durch die Landschaft, führt meistens ein Männchen die Gruppe an. Sind die Wölfe zahlreich in einer Region, dann sind auch die Rudel gross. Aber wegen der Kargheit des Lebensraumes beträgt die durchschnittliche Rudelgrösse zum Beispiel in Ostgrönland nur rund drei Tiere; das ist sehr viel weniger als bei Wolfsrudeln weiter südlich. Früh übt sich... Wölfe sind erst mit zwei Jahren vollständig ausgewachsen. 26 PolarNEWS

Bild: Jim Brandenburg/ Minden Pictures / National Geographic Es sind aber nicht nur die knappe Nahrung und die lange, kalte Arktisnacht, mit denen sich Polarwölfe in ihrem so weit nördlich gelegenen Lebensraum arrangieren müssen. Die Herausforderungen beginnen bereits, wenn es gilt, eine Höhle für die Geburt und die Kinderstube des Nachwuchses herzurichten. An Grabungsarbeiten ist wegen des ständig gefrorenen Bodens schon gar nicht zu denken. Deshalb liegt das Versteck einer Polarwolffamilie häufig in Geröllfeldern, in natürlichen Höhlen oder flachen Mulden auf der Tundra. Im kanadischen Nunavut hat eine Untersuchung gezeigt, dass Polarwölfe grobkörnigen Kies und Sand zum Graben von Geburtshöhlen bevorzugen. Solches Material ist in der arktischen Tundra hauptsächlich in Eskern zu finden. Esker, auch Oser genannt, sind schmale Erhebungen in einer durch Gletscher geformten Landschaft, die an Bahndämme erinnern und sich in Fliessrichtung der einstigen Gletscher oft kilometerlang durch die Landschaft winden. Im späten Mai bis zum frühen Juni, gut einen Monat später als bei den südlicheren Unterarten, erblicken zwei bis drei Welpen das Dunkel der Geburtshöhle. Drei bis vier Wochen nach der Geburt verlegen viele Wolfsmütter ihren Nachwuchs in ein anderes Versteck. Im zarten Alter von etwa sechs Monaten begleiten junge Wölfe ihre Eltern bereits auf die Jagd. Und helfen bald kräftig mit, damit der Tisch reichlich gedeckt werden kann... So hat man Jungwölfe beobachtet, wie sie Polarhasen in die Richtung wartender ausgewachsener Wölfe trieben. Hochentwickelte Strategen Solches Verhalten lässt aufhorchen: Sind da etwa höhere mentale Prozesse zu erkennen? Beim Jagdverhalten der Polarwölfe meinen einige Wissenschaftler tatsächlich, mögliche Voraussicht, Verständigung und Kalkül beobachtet zu haben. So hat der Wolfforscher L. David Mech vor einigen Jahren eine Studie veröffentlicht, in der er auf mögliche intellektuelle Fähigkeiten bei Polarwölfen hinweist. Zugegeben: ein heikles Unterfangen, einem Wolf Klugheit zuzuschreiben, wie der Forscher am Schluss seiner Abhandlung selber schreibt. «Es ist wirklich schwierig», mutmasst David Mech, «die persönliche Sichtweise eines Augenzeugen und dessen Auslegung seiner Beobachtungen abzugrenzen von der tatsächlichen Existenz einer höheren Verhaltensweise.» Mech, der viele Wochen lang mit Polarwölfen in der kanadischen Arktis verbracht hat, berichtet von Jagdmethoden, bei denen zumindest jeder wissenschaftlich unbelastete Arktisreisende sofort an mentale Strategien beim Weissen Wolf denkt. Canis lupus arctos: Sein Reich ist gross, er braucht viel Platz. Unterdessen legen die detaillierten Beobachtungen von Mech und anderen Zoologen die Vermutung nahe, dass Wölfe durchaus fähig sind zu einer höheren mentalen Leistung bei der Jagd – einmal mehr überraschen wissenschaftliche Untersuchungen zum Polarwolf mit einem faszinierenden Resultat. Lesetipp Lucyan David Mech: Der Weisse Wolf. Mit einem Wolfsrudel unterwegs in der Arktis. Gebundene, überarbeitete Ausgabe von 1998. 144 Seiten, Verlag Frederking & Thaler. Antiquarisch. PolarNEWS 27

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