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PolarNEWS Magazin - 18 - D

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Als Bewohner der Tiefsee

Als Bewohner der Tiefsee ist der Riesen-Antarktisdorsch mit grossen Augen ausgestattet. Vielen Flossen gleichen die fehlende Schwimmblase aus. Text: Heiner Kubny Zum Anfang eine Auslegeordnung: Es existieren 56 verschiedene Arten von Antarktisdorschen. Alle zusammen machen bis zu 68 Prozent der gesamten Fischfauna der Antarktis aus. Die beiden grössten bilden die eigene Gattung Dissostichus und heissen Riesen-Antarktisdorsch (Dissostichus mawsoni) und Schwarzer Seehecht (Dissostichus eleginoides). Auf Englisch heisst der erste Antarctic Toothfish und der zweite Patagonian Toothfish. Das zu unterscheiden ist wichtig, denn wer im Internet nach Infos zum einen oder anderen sucht, merkt schnell, dass Amateure die beiden Fische immer wieder verwechseln. Noch schlimmer: Liegen die Fische an Land in den Auslagen der Verkaufsgeschäfte, vermischen sich die Namen beider Dissostichus in Englisch von Cod zu Bas zu Toothfish mit beliebigen Zusätzen von «black» bis «chilean». Und wenn die englisch benannten Fische auch noch nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz importiert werden, ist das Durcheinander perfekt: Jetzt heissen sie Hecht, Dorsch, Barsch oder Kabeljau mit neuen, beliebig vermischten Zusatzbezeichnungen wie «antarktischer», «schwarzer», «patagonischer» und so weiter. Am Ende weiss man gar nicht mehr, welchen Fisch man isst. Stark überfischt Dass aber der Riesen-Antarktisdorsch die wichtigste Beute der Fischfangflotten in der Antarktis bilden, ist unbestritten. Ein ausgewachsener Brocken kann bis zu 80 Kilo schwer werden, das Tier hat wenig Knochen und schmackhaftes Fleisch. Mit Fangleinen, die bis zu 130 Kilometer lang und mit bis zu 30’000 Haken besetzt sind, ziehen die Schiffe durch die kalten Gewässer und ziehen tonnenweise Antarktisdorsch raus – und Schwarze Seehechte, denn beide Arten werden mit Langleinen befischt. Das ist nicht gut. Aus zwei Hauptgründen: Erstens leben Riesen-Antarktisdorsche am Grund des Meeres auf einer Tiefe von bis zu 1600 Metern (die Biologen sagen dem benthische Lebensweise). Die Haken der Fangleine schrammen über den Meeresboden und verursachen verheerende Verwüstungen, deren Ausmass wir nicht im Geringsten abschätzen können. Zweitens wachsen Riesen-Antarktisdorsche wie alle Tiefsee-Lebensformen wegen der Forscher entnehmen einem gefangenen besenderten Tier Schuppen. Bilder: Rob Robbins (vorhergehende Doppelseite), Melanie Conner/Antarctic Photo Library, AFMA Oberserver Programm 68 PolarNEWS

niedrigen Wassertemperaturen und dem geringen Nahrungsangebot nur sehr langsam. Die Bestände werden also von der Fischerei sehr viel schneller dezimiert, als sie sich erholen können. Kommt hinzu: Der Dissostichus mawsoni ist zwar in den Gewässern rund um die Antarktis bis zur Konvergenzzone verbreitet, aber Forscher vermuten, dass sich die Bestände auf vereinzelte Gebiete konzentrieren. Sind diese erst mal leergefischt, ist damit auch eine ganze Population verschwunden. Unbekannter Lebenszyklus Überhaupt müssen sich Forscher in weiten Teilen auf Vermutungen stützen. Zum Beispiel bei der Vermehrung: Man nimmt an, dass die Weibchen ihre Eier ins offene Meer absetzen, wo sie erst nach Norden treiben und von der Konvergenz wieder gen Süden getrieben werden. Als gesichert gilt, dass die Jungtiere ihre ersten drei Jahre im offenen Meer verbringen, bevor sie zur benthalen Lebensweise wechseln. Aber auch wenn sie dann die meiste Zeit auf dem Meeresboden leben, steigen sie immer wieder bis zum Meeresspiegel auf. Einer der Gründe dafür ist die Jagd: Sie ernähren sich zu zwei Dritteln von anderen Fischen und zu einem Drittel von Tintenfischen. Sie selber werden von Robben, Pinguinen (wenn sie klein sind) und Pottwalen gefressen. In den Mägen von letzteren finden Forscher jedenfalls immer wieder Überreste von Riesen-Antarktisdorschen, vor allem bei den Pottwalen, die im pazifischen und im indischen Sektor der Antarktis leben. Dieser Umstand hat übrigens zur Vermutung geführt, dass die Riesen-Antarktisdorsche gebietsweise gehäuft vorkommen. Die Feldforschung ist übrigens überaus aufwändig: Der Biologe Arthur De Vries hat in einer Versuchsanordnung 500 Riesen-Antarktisdorsche gefangen, markiert und wieder ausgesetzt, um mehr über das Wanderverhalten der Fische in Erfahrung zu bringen. Bisher hat er erst ein einziges Tier wieder gefunden... Temperatur-empfindlich Dissostichus mawsoni ist streng stenotherm. Das heisst: Schon geringe Temperaturschwankungen des Wassers können ihren Tod bedeuten. Die Riesen-Antarktisdorsche bevorzugen Wassertemperaturen von minus 2,5 Grad bis plus 1 Grad. Bei plus 6 Grad, so haben Laborversuche ergeben, ist ein Riesen-Antarktisdorsch innerhalb einer Stunde mausetot. Dass die Fische bei so tiefen Temperaturen überleben können, stellt die Forscher vor eine neue Frage: Wie schaffen die das? Denn der Gefrierpunkt von Fischblut liegt allgemein bei minus 0,9 Grad. Die von den Dorschen bevorzugte Temperatur liegt aber bei minus 2 Grad. Was also stellen die Fische an, damit sie nicht erfrieren? Man Dieses Prachtexemplar muss im Labor als Versuchskaninchen hinhalten. weiss seit fünfzig Jahren, dass alle in so kalten Gewässern lebenden Fische ein körpereigenes Protein herstellen, das verhindert, dass die Wassermoleküle im Körper nicht gefrieren. Man weiss auch, dass diese Proteine durch ihre blosse Anwesenheit die Schwingungen der Wassermoleküle reduzieren. Aber wie das genau funktioniert, ist noch immer ungeklärt. Zudem haben Riesen-Antarktisdorsche gleich wie Seenadeln und Seeteufel keine Nieren, in denen sich der Urin ansammelt: Sie verfügen lediglich über kleine Nierenkanäle, in denen der Urin durch verschiedene Sekretions- und Diffusionsvorgänge ausgeschieden wird. Viel Fett im Filet Dass Riesen-Antarktisdorsche auch keine Schwimmblasen haben, fanden vor den Forschern schon die Fischer durch einfaches Aufschneiden heraus. Damit der Fisch im Wasser nicht absinkt wie ein Stein, gleicht er die fehlende Luftblase mit einer Kombination von drei Strategien aus: Erstens ist er mit überdurchschnittlich vielen und langen Flossen ausgerüstet. Zweitens verfügt er über einen leichten Knochenbau. Drittens ist in seinem Fleisch vergleichsweise viel und leichtes Fett eingelagert. Und genau das kann dem Riesen-Antarktisdorsch zum Verhängnis werden, wenn seine Befischung nicht schnellstens und strengstens reguliert wird: Sein Filet auf unserem Teller ist besonders schmackhaft. Die Bestände des Riesen-Antarktisdorsches werden intensiv mit Fangleinen befischt. PolarNEWS 69

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