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PolarNEWS Magazin - 18 - D

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Geschichte Der schräge

Geschichte Der schräge Vogel am Rand der Geschichte Nobu Shirase war der dritte Kandidat im Rennen um den Südpol. Die erste japanische Antarktis-Expedition wurde zur merkwürdigsten Entdecker-Fahrt aller Zeiten. Text: Christian Hug Nobu Shirase will zum Südpol! Das war der Witz des Jahres 1909. Die Japaner krümmten sich vor Lachen, die Presse machte sich unverhohlen lustig über ihn, und die Regierung zeigte keinerlei Verständnis für das Zwängeln dieses unbedeutenden Armeeoffiziers aus der nördlichen Präfektur Akita. Warum auch! Noch bis 1868 war es jedem Japaner unter Todesstrafe verboten, Japan zu verlassen – da war Nobu Shirase bereits sieben Jahre alt. Japan hatte sich jahrhundertelang abgeschottet, und nun, da man reisen durfte, hatte kaum jemand Interesse daran, den Rest der Welt zu erkunden. Nobu Shirase hingegen träumte schon als Kind davon, eines Tages den Nordpol zu erobern. Für dieses Ziel trieb er sein Leben lang Sport, rauchte und trank nicht und wohnte grundsätzlich in ungeheizten Räumen. Als Robert Peary und Frederick Cook 1909 behaupteten, den Nordpol erreicht zu haben, wechselte er einfach sein Ziel: Von nun wollte er halt zum Südpol. Doch um diesen zu erreichen, brauchte er eine Mannschaft, Proviant und ein Schiff. Und das alles zu finanzieren, waren die Herren von der Regierung nicht gewillt. Dank seiner Hartnäckigkeit brachte Nobu Shirase soviel Geld von Privaten zusammen, dass es zum Kauf des Fischerei-Segelschiffs «Hoko Maru» reichte, das er nach dem Umbau zur Eistauglichkeit in «Kainan Maru» umtaufte, was sinngemäss soviel heisst wie «Türöffner zum Süden». Der Dreimastschoner war nur 30,5 Meter lang und 7,9 Meter breit und wurde lediglich mit einem 18-PS- Motor ausgestattet, was lächerlich wenig ist, wenn man im Packeis manövrieren will. Eigentlich hätte Shirase lieber das grössere Armee-Kanonenboot «Banjo» gekauft. Die «Kainan Maru» war ein Grund mehr für die japanische Bevölkerung, Shirases Angriff auf den Südpol nicht ernst zu nehmen. Als das Schiff am 29. November 1910 in Tokyo ablegte, stand nur gerade eine Handvoll Studenten am Pier, um Sayonara zu winken. Unter den 27 Mann Besatzung befand sich kein einziger Wissenschaftler, weil keiner mit auf diesen Trip wollte. Dafür waren 28 sibirische Schlittenhunde an Bord. Ein Zeit-Check zeigte: Der Engländer Robert Falcon Scott war im Juni desselben Jahres in Richtung Antarktis aufgebrochen, der Norweger Roald Amundsen Anfang September. Wenn man bedenkt, dass diese Expeditionen auf drei bis vier Jahre ausgelegt waren, lag Nobu Shirase als dritter Konkurrent im Wettlauf um den Südpol noch recht gut im Rennen. Als die «Kainan Maru» in See stach, herrschte grottenschlechtes Wetter. Noch konnte niemand ahnen, dass dies ein Omen für die ganze Expedition werden sollte. Erster Versuch misslingt Das Wetter bleibt mies bis zu ihrer Zwischenlandung in Wellington, Neuseeland, wo sie unter anderem 32 Tonnen Kohle und 36 Tonnen Trinkwasser verladen. Und wieder wird Nobu Shirase mit Häme überschüttet, diesmal von der neuseeländischen Presse: Das Schiff sei winzig, der Motor unbrauchbar, man lacht über die «Spielzeugschlitten aus Bambus» und den Proviant, der aus Reis, Bohnen und getrocknetem Tintenfisch besteht. Und man spottet über die Crew, weil in ihrer Obhut die Hälfte der Hundemeute nicht mal die harmlose Überfahrt nach Neuseeland überlebt hat. Beleidigt, aber unverzagt sticht Shirase wieder in See. Das Wetter ist schon wieder grauenhaft. Kapitän Naokichi Nomura, ein erfahrener Seebär, gibt zu Protokoll, dass er seiner Lebzeit noch nie so hohe Wellen gesehen hat. Die «Kainan Maru» treibt darin wie eine Nussschale. Wie wenig Ahnung die Japaner von dem haben, was auf sie zukommt, zeigt eine Episode, die sich auf See ereignet: Am 15. Februar legt sich der Sturm, ein diffuser Nebel liegt über den Wellen, und die ganze Crew beklagt sich über unerklärliches Kopfweh. Da taucht ein seltsames Tier aus dem Meer, die Männer sind ganz aus dem Häuschen, was könnte das sein? Es gelingt ihnen, das Tier mit Netzen einzufangen, und einer von der Crew identifiziert es als: Pinguin... Wieder wird das Wetter harsch. Elf Tage nach dem «Pinguin-Vorfall» sichtet der Späher im Krähennest den ersten Eisberg. Weitere elf Tage später taucht Land auf, das Schiff befindet sich nahe beim Viktorialand. Das Wetter wechselt «innerhalb eines Augenzwinkerns», wie Shirase notiert, von Regen zu Schneefall zu Sturm zu Nebel zu Windböen mit hohen Wellen. Tagelang cruisen sie der Eiskante entlang auf der Suche nach einem Platz, wo sie ankern und übersetzen können, aber das Wetter spielt nicht mit. Als Kapitän Nomura das Schiff nur mit Müh und Not aus einer sich schliessenden Eisdecke hinausmanövrieren kann, entscheidet sich Shirase schliesslich zum Rückzug. Denn eine Überwinterung auf dem festgesetzten Schiff hätte wahrscheinlich niemand überlebt. Weshalb, werden wir bald sehen. Warten in Australien 1. Mai 1911: Keine drei Monate nach ihrer Abfahrt in Neuseeland läuft die «Kainan Maru» in den Hafen von Sydney ein. Mannschaft und Schiff sind wieder in Sicherheit (von den Hunden hingegen lebt nur noch einer). Aber nun fühlen sich die Australier in selbiger bedroht. Denn inzwischen hat sich das eh schon angespannte politische Klima in dieser Weltgegend weiter verschärft, und vorlaute Stimmen äussern den Verdacht, dass Nobu Shirase und seine Matrosen in Wahrheit Spione sind. Vielleicht ergibt sich dieser Verdacht bloss aus dem Umstand, dass auch die Australier diesen Haufen unbedarfter Japaner Vor seiner Abfahrt in die Antarktis war Nobu Shirase ein unbedeutender Reserve-Offizier. Bilder: Shirase Antarctic Expedition Memorial Museum 60 PolarNEWS

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