Aufrufe
vor 2 Jahren

PolarNEWS Magazin - 18 - D

  • Text
  • Polarnews
  • Eiderenten
  • Shirase
  • Schiff
  • Rubriktitel
  • Arktis
  • Antarktis
  • Weibchen
  • Spitzbergen
  • Tiere
  • Magazin

Für Florian Schulz ein

Für Florian Schulz ein perfektes Bild: Moschusochsen-Männchen wandern in einem Schneesturm der Abendsonne entgegen. Kommt da nicht eine grosse, wohlhabende Organisation wie National Geographic auf Profis Ihres Ranges zu und sagt: Hier ist Geld, nun gehen Sie hin und fotografieren? Das war vielleicht vor hundert Jahren so. Heute kriegt man für langjährige Projekte kein Geld mehr im Voraus, ausser vielleicht für extrem spezielle Projekte. Ich muss mein Geld selber auftreiben. Das ist zwar sehr aufwändig, dafür bin ich frei, das zu tun, was ich will. Ich kann auch selber entscheiden, ob ich zum Beispiel meine Bilder einer Naturschutzorganisation zur Verfügung stellen will. Sie sind einerseits selber in verschiedenen Naturschutzorganisationen engagiert. Anderseits kooperieren Sie mit ihnen, weil Sie damit Kosten sparen können. Ist Ihr Engagement eher eine ideologische oder eine organisatorisch-finanzielle Frage? Ganz klar eine ideologische. Die Kosten für meine letzten Projekte waren um das Vielfache höher als jegliche Unterstützung von Naturschutzorganisationen. Sie sind unter anderem für das Projekt Freedom to Roam aktiv... Freedom to Roam habe ich selber vor einigen Jahren ins Leben gerufen. Dieses Jahr bin ich mit dem WWF eine Partnerschaft eingegangen, um eine grössere Reichweite zu erlangen. Es geht dabei darum, dass die Nationalparks Amerikas mit natürlichen «Wanderschneisen» miteinander verbunden bleiben, damit die Tiere ungehindert von einem Gebiet zum anderen wandern können, wie es ihrem Wesen entspricht. Hier geht es auch um Fragen der Biodiversität, des Pflanzenschutzes und der Siedlungspolitik. Ich engagiere mich aber auch für die Organisation Earthjustice: Hier setzen vor allem Juristen die bereits geltenden Naturschutzgesetze durch. Earthjustice spielt eine wichtige Rolle bei den Interessen der amerikanischen Regierung, in der Arktis nach Öl zu bohren. Sie sind Deutscher und fotografieren in Kanada, den USA und Mexiko. Warum? Ich war auch schon einige Monate in Afrika und in Südamerika... Aber in Nordamerika hat sich vieles einfach so ergeben, gerade auch durch mein Arktis-Projekt und Freedom to Roam. Hier habe ich viele gute und hilfreiche Beziehungen aufgebaut, und daraus wiederum hat sich ergeben, dass ich einen Teil meiner Logistik in Nordamerika aufgebaut habe. Mein Segelboot zum Beispiel ist zurzeit in Mexiko stationiert. Das heisst aber nicht, dass ich in Zukunft nicht auch in anderen Gebieten der Erde fotografieren werde. 38 PolarNEWS

Kommen wir zurück zum echten Leben, aber bleiben wir bei der Rollenverteilung: Ihre Frau Emil spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Leben. Ohne sie könnte ich meine Leidenschaft so nicht leben. Sie stammt aus Mexico City und ist ebenso begeistert von der Natur wie ich. Deshalb gehen wir wenn möglich gemeinsam auf Expeditionen, wo sie auch filmt, fotografiert oder Soundaufnahmen macht. Da muss man ein sehr gut eingespieltes Team sein. Zu Hause hält sie die Stellung, wenn ich alleine unterwegs bin. Gerade auch beim Zusammenstellen der Vorträge oder dem Schnitt der Filme verfügt sie über sehr grosses Know-how. Ihr habt einen Sohn, der ist zwei Jahre alt und heisst Nanuk... ...das heisst Eisbär in der Inuit-Sprache. Wir lieben die Arktis... Sie halten sich zum Zeitpunkt unseres Interviews in Seattle auf. Was tun Sie dort? Ich war die letzten beiden Monate auf Expedition in den Aleuten, und gegen Ende dieser Reise kamen Emil und Nanuk per Buschflugzeug zu mir. Wir lebten mitten unter Bären, Nanuk hat zwischen der Fotoausrüstung geschlafen, die Bären liefen darum herum... Jetzt machen wir eine Pause bei Freunden, danach werde ich nochmals nach Alaska fliegen. Zur Person Engagement für die Natur Florian Schulz wurde am 21. Dezember 1975 geboren. Als 14jähriger naturbegeisterter Teenager knipste er sein erstes Foto – eine Eidechse. Später brach er sein Biologie- und Englisch-Studium an der Universität in Heidelberg ab und entschloss sich, nicht Mittelschullehrer, sondern Naturfotograf zu werden. Inzwischen veröffentlicht er seine Bilder in namhaften Zeitschriften weltweit. Er lebt mit seiner Frau Emil und dem gemeinsamen Sohn Nanuk in Wilhelmsdorf beim Bodensee. Die meiste Zeit des Jahres ist er allerdings draussen in der Natur. www.visionwildnis.com Um was zu tun? Ich arbeite am Freedom-to-Roam-Projekt weiter. Nach den Rocky Mountains zeige ich die Küstengebiete beziehungsweise die Ökosysteme der Westküste von Alaska bis nach Baja California in Mexiko. Ich möchte Zusammenhänge der verbleibenden Naturgebiete entlang der Küste aufzeigen, auch anhand der Wanderung der Grauwale. Aus demselben Grund war ich vorher in den Aleuten. Am Ende soll daraus ein Buch entstehen. Ihr neustes Buch erschien Anfang dieses Jahres und heisst «Ein Jahr in der Arktis». Es ist im Verlag von National Geographic erschienen und zeigt uns grossartige Bilder. Danke. Einige Aufnahmen sind entstanden, während ich ein Imax-Filmteam begleiten durfte. Andere stammen aus eigenen Expeditionen. Insgesamt habe ich sechs Jahre lang am Projekt «Arktis» gearbeitet, zusammengezählt war ich dafür achtzehn Monate lang draussen im Eis – einmal sogar ununterbrochen sechs Monate lang. Ich finde, dass man in diesen Bildern sehr gut sieht, was ich meine, wenn ich sage, dass ich nicht nur Tiere, sondern ganze Ökosysteme zeigen will. Sie waren früher Laien-Theaterspieler. Gibt es eine Schnittstelle zwischen dem Theater und der Fotografie? Eigentlich nicht. Ausser bei dem, was vor dem Theater und nach dem Fotografieren kommt: Das Lampenfieber. Vor den Theaterauftritten war ich immer sehr nervös – heute kann ich vor meinen Vorträgen damit umgehen. Und immerhin erlebt Ihr Vortragspublikum einen erfahrenen Schauspieler... Naja... ich muss mir halt keine Notizen mehr machen und kann deshalb frei erzählen. Das ist spannender als eine vorgefertigte Rede. Aber ich verhasple mich trotzdem noch andauernd. Teamwork: Während Florian schläft, hält Emil Wache – und umgekehrt. PolarNEWS 39

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum